Der Friedhof in Prag

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Umberto Ecos Der Name der Rose war vor dreißig Jahren der belletristische Knüller schlechthin: Damals konnte ich das Buch nicht zur Seite legen, fieberte durch die Geschichte hindurch, nur um im Anschluss gleich ein zweites Mal von vorne loszulegen.

Darum konnte ich es auch kaum erwarten, das jüngste Werk meines italienischen Zweitlieblingsautoren (ja, soviel Kryptik muss sein, über den Liebling Nummer eins schreibe ich ein andermal) nach der letztjährigen Buchmesse nach Hause getragen und mit einem Glas Rotwein zur Seite aufgeschlagen zu haben. Der Friedhof in Prag hat mich seither bis in die vergangene Woche hinein beschäftigt; allerdings nicht, weil ich ihn zwei oder gar dreimal am Stück gelesen hätte, sondern vielmehr, weil es wahrlich einer Willensanstrengung bedurfte, nicht aufzugeben und den Roman nicht resignierend zur Seite zu legen.

Dem Stoff mangelt es zwar nicht an Spannung. Der Roman handelt – wie bereits Der Name der Rose – zu historischen Zeiten, diesmal im neunzehnten Jahrhundert Italiens und Frankreichs: Der Protagonist, ein gewisser Simon Simonini, Jurist, Dokumentenfälscher und Feinschmecker, gerät in die politischen Grabenkämpfe zwischen Revolutionären, Freimaurern und Jesuiten. Er schlägt sich an wechselnden Fronten durch, wobei er mehr und mehr am Rande der Schizophrenie agiert.

Nun komme ich zurück auf das „zwar“ aus dem letzten Absatz. Der Plot um Simonini hat manchmal fast schon etwas James-Bondiges; unglaublich, dass es dem Protagonisten immer wieder gelingt, dem Tode zu entrinnen. Die Spannung wird jedoch stets aufgezehrt durch äußerst langatmige Betrachtungen und Erzählungen – ja, ich muss es leider so benennen: Tiraden – Simoninis über die im Hintergrund handelnden Gruppierungen, die Juden, Jesuiten, Freimaurer, Anarchisten, Nervenärzte und Nervenkranke … Sie merken schon, verehrte(r) LeserIn, es geht in die Tiefe im Friedhof in Prag aber auch deutlich in die Breite, in epische Breite.

Dabei lesen sich die Begegnungen Simoninis wie abgeschrieben aus einer Liste des Who is Who des vorletzten Jahrhunderts. Er hat sie alle getroffen: Sigmund Freud, den Partisanen Garibaldi, den französischen Verräter Dreyfus …
Man mag es irgendwann nicht mehr glauben, wenn wieder ein historischer Promi auftaucht, an dessen Untergang Simonini maßgeblich beteiligt gewesen sein soll.

Ein Verdacht drängt sich auf: Hat sich womöglich kein Lektor gefunden, dem Meister die Stirne zu bieten, um ihn an den Grundsatz der Belletristik zu erinnern? Kürzen, kürzen, kürzen!

Ach, nee! – Der Friedhof in Prag hat mich wahrlich nicht vom Hocker gerissen. Darum vergebe ich hier gerade mal drei von fünf möglichen Sternen. Und der Promibonus für Eco ist da schon maßgeblich mit drin.

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