Weltmeisterliche Schachspielereien

Die Schach-WM ist vorbei. Neuer Weltmeister ist und bleibt der alte; der Inder Viswanathan Anand setzte sich am Mittwoch im Tie-Break etwas glücklich – wie er selbst einräumte – gegen seinen Herausforderer, den Wahlisraeli Boris Gelfand durch.

V.l.n.r.: Anand, Zerberus, Gelfand

Mehr Text als eine solch knappe Meldung wird wohl nur in wenigen Medien zu finden sein. Wer Details in Wort und Bild sucht, wird nur auf der Website der Veranstalter fündig.

Die geringe Öffentlichkeitswirksamkeit eines Sportereignisses ersten Ranges offenbart das Hauptproblem der Königsdisziplin des Denksports: Das wirkliche Duell fand nicht am Schachbrett in der Moskauer Tretjakow-Galerie statt, sondern während der Vorbereitung der beiden Spieler mit ihren Teams. In den Hotelzimmern wurden Wahrscheinlichkeiten abgewogen, Spielverläufe vorausgedacht und Abweichungen diskutiert. Die Qualität dieser Vorbereitungen konnten die Beobachter dann an den Spieltagen würdigen; wer richtig lag mit seinen Einschätzungen, der war nicht unbedingt erfolgreicher, aber er sparte Zeit am Brett.

Insofern geht der Sieg Anands durchaus in Ordnung. Mehrfach geriet sein Gegner Gelfand in langes Grübeln, brauchte zu viel Zeit für seine Züge. Der gespannte Zuschauer konnte die Dramen von Vorbereitungsfehlern an Mimik und Gestik der Kontrahenden ablesen: Gelfands Gesichtsmuskeln begannen zu zucken, er zwinkerte, als wollte er die gegnerische Dame anflirten, dann raufte er sein Haupthaar. Anand war äußerlich ruhiger, doch der oft unstet umher wandernde Blick verriet auch seine Nervosität.

Auf dem Spielbrett kam nur selten echte Spannung auf, zehn der zwölf regulären Partien endeten mit frühen Remisangeboten der Spieler. Ist ja auch klar: Wenn der eine weiß, dass der andere alle wichtigen Varianten bereits im Voraus durchgespielt hat, dann ist es sinnlos, über den zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Zug hinaus weiter zu spielen. Oder?

Durchgehend spannend wurde es erst am letzten Spieltag, als vier Schnellschach-Partien am Stück gespielt wurden. In der zweiten Partie des Tie-Breaks gelang es Anand, Gelfand im 77. Zug bei fast leerem Brett zur Aufgabe zu zwingen: Dem schwarzen König und einem seiner Türme standen zuletzt Anands weißer König mit Turm und ein einziger weißer Bauer gegenüber.

Das war die Entscheidung nach drei Siegen und 13 Remisen.

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Ich kann verstehen, dass sich die Schach-WM keiner besonderen Beliebtheit in der Öffentlichkeit und den Medien erfreut. Wer will schon dabei zusehen, wie sich die Spitze eines Eisberges wenige Zentimeter bewegt und nur unsichtbar unter der Wasseroberfläche die Schollen bersten. Um daran Gefallen zu finden, muss man ziemlich meditativ veranlagt sein.

Besessene können ja dank Internet neuerdings in aller Ruhe dem Schach-Livestream des Weltschachverbandes folgen, während im TV vielleicht gerade die Euro-Song-Contester durch den Windkanal toben.

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