Reduzieren

Bestimmt hat jeder von dem Arbeitslosen gehört, der seine Münzsammlung verkaufen musste, bevor er HartzIV beantragen konnte. Herr Martenstein bricht in seiner Kolumne eine Lanze für Jäger und Sammler. Ich hingegen stelle fest, dass die Epoche der Sammelwut ihrem Ende entgegen geht.

Ich habe beschlossen, mich zu reduzieren. Das meine ich nicht körperlich sondern organisatorisch. Auf den Geschmack gekommen bin ich in meinem Büro. Dort stehen zwei Aktenschränke, die fast vollständig leer sind; keine Leitzordner, keine Hängeregistraturen. Ich bekomme ohnehin fast nur E-Mails, und die wenigen Briefe, die eintrudeln, scanne ich sofort ein, um sie als PDF-Anhänge ebenfalls in der Mailablage zu archivieren. Ich rühme mich, ein papierloses Büro zu führen.

Das funktioniert erstaunlich gut. So gut, dass ich beschlossen habe, auch privat keine Papierablage mehr anzulegen. Die Akten der letzten drei Jahre habe ich bereits digitalisiert: Versicherungsunterlagen, Kaufbelege, Reparaturrechnungen, Steuerbescheide, Verbrauchsabrechnungen, Kontoauszüge – alles wandert durch den Scanner und landet in der „Cloud“. Dies hat zur Folge, dass sich die Regale in meinem Arbeitszimmer leeren und ich auf alle Unterlagen zu Hause auf dem PC sowie notfalls sogar im Biergarten über das Mobiltelefon zugreifen kann. (Nicht dass ich die letztgenannte Option wirklich nutzen würde, aber ich könnte, wenn ich wollte.)

Kritiker der Papierlosigkeit werden einwenden, dass das Verlustrisiko hoch ist. Was passiert, wenn die Dateien bei Dropbox, Sugarsync und Google Drive verloren gehen? Ich halte dagegen, dass ja alles synchronisiert wird und auf dem PC und dem Backupserver doppelt abgesichert ist; sicherer als in Ordnern nach dem Hausbrand.
Dem Argument der Datenausspähung entgegne ich lässig: „Wer sich für meine Daten interessiert, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.“

Natürlich ist mir bewusst, dass Papier nur der erste Schritt der Reduzierung ist. Da warten noch meine Sammlung jahrzehntealter englischer und spanischer Videos, die entweder eingestampft oder digitalisiert werden müsste. Und meine alten Schallplatten. Die eingemottete Stereoanlage mit Röhrenverstärker. Die zehn Meter Bücherwand …

Ja, ich weiß: der Trennungsprozess hat erst begonnen. Aber ich schaffe das. Ist alles nur eine Frage der Zeit. – Außer vielleicht die Sache mit der Bücherwand. Die muss bleiben. Ein Defekt muss jedem vergönnt sein. Und wenn dereinst meine Kinder oder Enkel nur ein paar Bücher entrümpeln müssen, dann ist doch schon viel gewonnen.

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8 Kommentare

  1. Gotzeidank, sage ich nur. Als ich plötzlich von Bücherwand las, dachte ich schon, aber es blieb ja nur ein ganz kurzer Gedanke.

    • Ja ja, die Bücher bleiben natürlich. Ich erinnere mich gern an das Bücherbord meiner Großmutter. Die besaß zwar nur zwei Handvoll Bücher, aber als sie nicht mehr war, fanden wir in jedem Schmöker einen Geldschein als Lesezeichen.

      Abgefahren. Ich könnte mir das nicht leisten. Leider.

  2. Sehr schön geschrieben,

    ich finde du hast genau den richtigen Ansatz gefunden. Alles auf papierlos umzustellen wäre ja auch nicht richtig, vor allem bei Büchern etc., was ja heutzutage auch fast möglich wäre. Aber dann würde ja auch ein bisschen Charme verloren gehen oder nicht?

    Wie hast du es hinbekommen dass du im Büro nur Emails erhältst und kaum Post? In den meisten Fällen ist es ja leider genau das Gegenteil.

    Viele Grüße

    • Was soll ich sagen: Sowohl Kunden als auch Lieferanten schicken am liebsten E-Mails. Briefe sind die absolute Ausnahme, sogar formale Schreiben (Aufträge, Reklamationen) werden regelmäßig „vorab“ als Scans per Mail geschickt. Die Originale kommen per Snail Mail Tage später nach und wandern dann in den Papierkorb. Wozu abheften? Welche Vorteile würde das bringen?

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