Ein plötzlicher Todesfall …

oder: Harry Potter 8? – Der neue Roman von J. K. Rowling wird von den Rezensenten der Literaturszene recht einhellig als missglückter Versuch eines Genrewechsels, als „nice try“ belächelt. Mich wundert, dass bislang niemand die Parallelen zwischen der Potterserie und Ein plötzlicher Todesfall beleuchtet hat.

Die Harry Potter Oktologie

Dabei liegen doch eben diese Parallelen so nahe. Hat nicht die Autorin einfach das Grundrezept der Pottergeschichte in die Realität übertragen?

Der Plot der Geschichte ist schnell umrissen: In einer kleinen aber feinen südenglischen Gemeinde verstirbt ein Gemeinderat, der sich vehement für ein Unterschichtenviertel und eine Drogenklinik eingesetzt hatte. In der Folge entbrennt ein Machtkampf zwischen dessen lokalpolitischen Erben und den streng konservativen Kräften im Rat, die die Sozialbrennpunkte loswerden wollen. Dieser Machtkampf wird unerwartet beeinflusst von den jugendlichen Kindern der erwachsenen Akteure.

Natürlich fragt Ihr Euch – zunächst einmal zu Recht -, was dieser Plot mit Harry Potter zu tun haben soll. Zur Beantwortung dieser Frage stelle ich einen Interpretationsansatz in den Raum: Joanne K. Rowling hat das gesamte Szenario der Bände eins bis sieben samt Personal aus der Zaubererwelt herausgerissen und in den Kontext der aktuellen realen Welt gestellt.
Einfach erkennbar und einleuchtend ist diese These unter den regionalen Aspekten. Aus der Zaubererschule Hogwarts wird die Gesamtschule Winterdown, aus der Umgebung des Potterschen Schulschlosses sowie Little Whinging, Harrys Heimatort, wird die nicht minder malerische Gemeinde Pagford, die über eine imposante Abteiruine verfügt, die zwar inhaltlich keine Rolle im Roman spielt, sich jedoch wie die Ruine des Schlosses Hogwarts majestätisch über die Ortschaft erhebt. An Winterdown wird übrigens nicht Quidditch gespielt sondern gerudert.

In Hinsicht auf das Personal der Romane sind ebenfalls einige unübersehbare Parallelen erkennbar. Gleich auf Seite drei von Ein plötzlicher Todesfall erfüllt der Gemeinderat Barry Fairbrother das Versprechen des Buchtitels und stirbt. Im Laufe des Textes erfährt die Leserschaft, dass dieser „Bruder Gerecht“ dazu neigte, stets nur das Positive in seinen Mitmenschen zu sehen und alles in seinen Kräften Stehende zu tun, den Schwachen zur Seite zu stehen, selbst wenn dies seine unmittelbare Umgebung nicht zu schätzen weiß. Leider kann Barry nun seinen Schützlingen auf den restlichen 570 Romanseiten todesbedingt nicht mehr helfen. – Woher kennen wir das? Welcher Charakter der Harry-Potter-Serie wird hier aufgenommen? Unverkennbar ist das Professor Albus Dumbledore, Potters Mentor, der seine Schüler sogar im Angesicht seines eigenen Todes unterstützte. Genau dieses Verhalten wirft Fairbrothers Witwe auch ihrem Ehemann vor.
Neben Fairbrother steht die Vertrauenslehrerin Winterdowns, Tessa Wall, die an Professorin McGonagall erinnert und deren Ehemann Colin, stellvertretender Schuldirektor, Züge eines paranoiden, durchgedrehten Severus Snape trägt.

Apropos „durchgedreht“. Natürlich sind die Personen im neuen rowlingschen Roman keine Abziehbilder des Potterpersonals. Bei allen Figuren neu hinzu kommen persönliche Schwächen; sie sind unsicher, inkonsequent, selbstsüchtig, oder haben gar Dreck am Stecken. Sie leiden am Leben und am meisten unter sich selbst. Das gilt sowohl für die Erwachsenen als auch für die Jugendlichen.
Die Hermine Granger des neunten Romans heißt wahrscheinlich Sukhvinder Jawanda, stammt aus Indien oder Pakistan und leidet unter den Gemeinheiten ihrer Mitschüler derart, dass sie Erleichterung nur darin findet, sich zu ritzen. Ihr gnadenloser Gegenspieler – wer denkt dabei an Draco Malfoy? – heißt Stuart „Fats“ Wall. Interessant ist, dass Fats mit einer gewisse Krystal Weedon fickt schläft, die ihrerseits eindeutige Kandidatin für die Rolle des Harry Potter ist. Denn hier schließt sich dann der Kreis: Krystals Mentor war Dumbledore, äh Fairbrother, und das Mädchen versucht den ganzen Roman hindurch, sich ohne dessen Hilfe gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens zur Wehr zu setzen. Ob ihr das letztlich gelingt, will ich nicht verraten.

Wenn man sich auf diese Sichtweise einlässt, findet man im Laufe der Lektüre noch weitere Parallelen und Inspirationen aus der Potterwelt. Frau Rowling hat ihr Personal aus der fiktiven und klinisch sterilen Zaubererwelt in die Wirklichkeit geradezu hineingeschleudert. Wen wundert es, dass die Figuren mit den harten Bedingungen der modernen Realität nicht besonders gut zurecht kommen. Die Autorin langt aber auch ziemlich gnadenlos zu. Wer nicht schon zu Beginn des Romans mit sich selbst oder seiner Umgebung hadert, der bekommt garantiert im Laufe der Handlung sein Fett weg. Echtes und anhaltendes Glück gibt es nicht in der grauen Welt im pittoresken Padford.

Und genau an dieser Stelle sind wir auch bei einer Frage angelangt, die der misstrauische Potterfan sicher schon seit Beginn meiner Offenbarung gedanklich umherwälzt: Wo bleibt denn eigentlich Voldemort?

Ganz einfach. Voldemort ist ebenfalls in der Realität unserer Gegenwart untergetaucht und offenbart sich im Umgang Jugendlicher und Erwachsener mit Alkohol, Marihuana und Heroin, in der Gefühlskälte, die zwischen den Generationen, zwischen den sozialen Schichten, zwischen „Eingeborenen“ und Migranten herrscht. Er personifiziert sich mal hier mal da, zum Beispiel in der Figur des Drogendealers Obbo, der jede Schwäche seiner Mitspieler ohne mit der Wimper zu zucken ausnutzt, der Leiden und Tod sät und dabei wie der Wind auftaucht und wieder verschwindet. Voldemort manifestiert sich in dem Pädophilen, der sich selbst für seine Gefühle hasst, oder im Opportunisten, der mitnimmt, was er bekommen kann, dabei aber keinerlei Unrechtsbewusstsein hat.

Formal auffällig ist, dass sich Rowling eines rüden Tones befleißigt, den man von ihr nicht gewohnt ist und der mich an die Feuchtgebiete von Charlotte Roche oder Axolotl von Helene Hegemann erinnert hat. Die allgegenwärtige Hipster-Begrüßungsformel „Was geht?“ macht den Anfang, der zügellose Umgang mit Brutalität, Gemeinheit und Sex springt dem Leser auf jeder Buchseite entgegen. Es wird gefickt, dass die Bettfedern knarzen und die Gebüsche wogen, egal ob – ich bitte um Verzeihung – die Fotze feucht oder trocken ist.

Viel Hoffnung auf ein Happy End macht uns Rowling nicht. Je weiter die Romanhandlung voran schreitet, desto unübersichtlicher und verfahrener wird die Gesamtsituation. Und ob der absehbare Showdown wenigstens die eine oder andere Figur zur Läuterung führt, bleibt abzuwarten.

~

Die Geschichte liest sich flüssig und bleibt von Anfang bis Ende halbwegs spannend. Man muss sich jedoch fragen, ob die Autorin die Parallelen zu ihrer Erfolgsserie bewusst eingebaut hat, oder ob sie mangels schriftstellerischer Mittel schlichtweg nichts vollständig Neues hervorbringen konnte. Ich neige dazu, Frau Rowling zu unterstellen, Ihren achten Roman absichtlich als Transposition der Potterreihe angelegt zu haben.
Deshalb ist mir Ein plötzlicher Todesfall auch drei von möglichen fünf Punkten wert.

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