Herr Albert teilt nicht mit

Herr Albert besitzt einen Fernsehapparat aus den Achtzigerjahren. So eine würfelförmige Kiste mit Bildröhre statt Plasma- oder LED-Flatscreen. Wenn er den Apparat einschaltet, braucht der ein paar Minuten, um warm zu werden. Während der ersten fünf Minuten läuft das Bild wie bei einer zu schnellen Diashow von oben nach unten über die Bildröhre, bevor ein Fernsehbild zu sehen ist, wie man das im Allgemeinen als TV-Konsument erwartet. Das stört Herrn Albert nicht, im Gegenteil; während sich das Bild stabilisiert, kann er sich aus dem Keller ganz ohne Hast noch eine Flasche Bier holen, bevor er sich den Tatort oder einen Spielfilm – vielleicht mit Louis de Funès? Den mag er gerne! – ansieht. Auf jeden Fall schließt der Fernsehapparat seine Peristaltik meist genau dann ab, wenn Herr Albert mit seinem Bier zurück kommt. Sie sind ein eingespieltes Team. Inzwischen seit beinahe dreißig Jahren.

Als vor gut zehn Jahren die Fernsehantenne auf dem Dach der Blawatzkis abmontiert wurde, weil die Anlage den Geist aufgegeben hatte, war Herr Albert zwei Wochen lang ohne Fernsehbild geblieben. Die Antenne der Blawatzkis war an eine Gemeinschaftsanlage angeschlossen gewesen, die alle fünf Nachbarn der Reihenhauszeile mit Fernsehanschluss versorgt hatte. Als die Antenne den Dienst quittierte, besorgten sich Blawatzkis eine Satelliten-Schüssel, die allerdings die Nachbarn außen vor ließ. Damals hatte sich Herr Albert, der Sat-Schüsseln als hässlich und den Alleingang der Blawatzkis als ungehörig empfand, für einen Kabelanschluss entschieden. Diesen Schachzug hatte er nie bereut, denn damals kam es schon mal vor, dass der alte Blawatzki nachts mit der Taschenlampe auf dem Dach herumturnte, weil die Schüssel kein Bild lieferte, während Albert vor dem glasklaren Kabelbild seines Fernsehgerätes saß. Dann lachte er sich ganz für sich alleine heimlich ins Fäustchen.

Seither sieht sich Herr Albert ab und an eine TV-Sendung der öffentlich-rechtlichen Sender, von Arte oder manchmal auch auf Sat1 an. Die restlichen dreißig oder vierzig Kanäle des Kabelanbieters hat er noch nicht einmal einprogrammiert. Sie interessieren ihn nicht. Auch die Anbieterwechsel, die ihn ab und an darüber informieren, dass nun die Programme von Dick statt von Doof eingespeist würden, ansonsten aber alles beim Alten bliebe, nimmt Albert mit Schulterzucken und der Ablage des jeweiligen Schreibens in seinem Haustechnikordner hin. – Der letzte Wechsel allerdings brachte Neues. Die Firma unitymedia (mit kleinem u) teilte ihm nicht nur mit, dass das Programm fortan von ihnen geliefert würde, sondern dass er darüber hinaus die Möglichkeit hätte, das flaue Analogbild, das er bisher empfing, gegen ein sensationell scharfes digitales Bild eintauschen könne. Außerdem könne er dann nicht nur dreißig (oder vierzig?) Programme empfangen sondern siebenundachtzig. Oder achtundsiebzig? Herr Albert erinnerte sich nicht mehr, es war ihm auch egal. Schließlich wollte er Tatort und Louis de Funès sehen und nicht sechsundneunzig weitere Sendungen oder Sender. Außerdem, das hatte ihm sein Lieblingsberater im Baumarkt erklärt, könne sein Uraltgerät mit einem digitalen Signal ohnehin nichts anfangen.

Also war Herr Albert dazu übergegangen, die Werbebotschaften von unitymedia (mit kleinem u) nicht mehr abzuheften, sondern dem Altpapier zuzuführen. Zu dieser radikalen Maßnahme sah er sich gezwungen, als er feststellte, dass ihm unitymedia (mit kleinem u) pünktlich im Monatsrhythmus stets gleich lautende Werbebotschaften zukommen ließ, die immer nur das Eine vermittelten: „Glotz endlich digital, du oller Zausel!“

Herr Albert kann und will nicht digital glotzen. Heute nicht und auch nicht morgen. Hoffnungslose Fälle wie der seine scheinen allerdings nicht unüblich zu sein. Denn in allen Werbebriefen von unitymedia (mit kleinem u) steht geschrieben: „Sie wollen bei neuen Produktinformationen nicht auf dem Laufenden bleiben? Kein Problem. Teilen Sie uns dieses einfach schriftlich mit.“

Wollen Sie unseren Spam nicht? Dann schreiben sie uns.

Herr Albert ist kein Werbefachmann. Er hatte einst ein paar Semester BWL studiert, nach dem Vordiplom abgebrochen und arbeitet seit 33 Jahren als Buchhalter in einem mittelständischen Unternehmen. Er versteht nicht, warum unitymedia (mit kleinem u) Monat für Monat Briefe schreibt, um ihn zu digitalisieren. Aber mittlerweile fühlt er sich in gewisser Weise belästigt von dieser monotonen Post.

Er denkt gar nicht daran, „schriftlich mitzuteilen“ und Papier und Porto zu verschleudern, nur um einzugestehen, dass er „nicht weiter auf dem Laufenden bleiben“ will. Nicht mitzuteilen, verschafft Herrn Albert das Gefühl, erfolgreich zivilen Ungehorsam auszuüben. Sollen diesen Deppen von unitymedia (mit kleinem u, wie absurd) doch weiterhin schreiben! Papier verschwenden! Bäume fällen! Regenwälder abholzen! – Diese Schwachmaten.

Also echt jetzt.

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