Wenn das Schlachten vorbei ist

Man möchte ja meinen, dass es ausreichend literarischen Hintergrund in Deutschland gibt, um junge Menschen zum Lesen zu bringen. Aber trotzdem verdanke ich meine literarische Erweckung US-amerikanischen Schriftstellern. Für den kleinen Wortmischer in kurzen Hosen und Sandalen waren die USA in den sechziger Jahren das Land, in das an einem wüstenheißen Sommersonntag sein=mein Vater im Flugzeug zu einer mehrwöchigen Dienstreise aufbrach und meine Mutter, meinen jüngeren Bruder und mich in der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik zurückließ. Wir drei Verlassenen kamen dann nicht ohne Schwierigkeiten vom Flughafen weg, da ausgerechnet an diesem Tag die Autobatterie des VW-Käfer ihren Geist aufgab und die technisch überforderte Mutter den quengelnden Söhnen Eis am Stiel spendieren musste, um sich ungestört der Suche nach einem Mechaniker widmen zu können. – Eislutschen am Straßenrand auf klebrig-heißem Asphalt, das war für mich Amerika.

Zehn Jahre später entdeckte ich die Romane von John Updike. Die Fortsetzungsserie um Harry „Rabbit“ Armstrong fesselte mich derart, dass ich die Geschichten sogar im Schulunterricht unter der Bank las. Erneut Jahre später stieß ich auf Thomas Coraghessan Boyles Romane. Boyle gehört heute zu meinen unangefochtenen Lieblingsschriftstellern, sein Roman Drop City ist eines meiner meistgelesenen Bücher, das leider nur in Taschenbuchfomat vorhanden und bereits ziemlich abgegriffen ist.

Genau an diesen Lieblingsroman, Drop City, erinnert mich T.C. Boyles letzter literarischer Erguss: Wenn das Schlachten vorbei ist.

Wenn das Schlachten vorbei ist

Parallelen bestehen vor allem im Aufbau der Handlungsstränge. In beiden Geschichten gehts es um Konfrontationen erbitterter Fanatiker, die letztlich nicht an sich oder dem Gegner scheitern, sondern an der gewaltigen Wucht der irdischen Natur. In beiden Romanen gipfeln die Feindseligkeiten in einem Showdown, den die Naturgewalten für sich entscheiden und die kämpferischen Protagonisten in ihre Schranken weisen.

Wenn das Schlachten vorbei ist spielt an der kalifornischen Küste und den vorgelagerten Inseln Anacapa und Santa Cruz. Die US-Naturschutzbehörden, verkörpert durch die japanischstämmige Alma Takesue, planen, die menschengemachte Rattenplage auf Anacapa sowie die ebenfalls duch Siedler eingeführte Überpopulation von Schweinen auf Santa Cruz zu beenden, um den ursprünglichen Tierarten wieder eine Chance zu verschaffen. Ihr Gegenspieler, der fanatische Tierschützer Dave LaJoy, will den Tiermord an Ratten und Schweinen mit allen Mitteln verhindern. Im Gegensatz zum Finale bei Drop City führt Boyle seinen neuen Roman keiner eindeutigen Entscheidung zu. Vielmehr ist es in den letzten Sätzen des Textes die Natur, die kein Gut oder Böse kennt, sondern sich unbeirrbar ihren Weg sucht.

Tierschutz hin, Tiermord her: T.C. Boyle ergreift nicht eindeutig Partei für die eine oder die andere Seite. Dafür aber glänzt er mit Passagen, die ich in Einzelfällen bereits hier an die Leserschaft gebracht habe, zum Beispiel die knappe Abrechnung mit der Ölindustrie oder seinen Verweis auf Auswüchse moderner Tierhaltung. – Mir gefällt nach wie vor Boyles sarkastische Schreibe, seine Gesellschaftskritik, die weiß, dass sie nichts ändern wird, aber dennoch nicht verstummt.

Darüber hinaus kommt – wenig überraschend – eben auch in diesem Buch die erstaunliche Fähigkeit des Autoren zum Tragen, seine Hauptfiguren derartig plastisch darzustellen, dass der Leser nicht umhin kann, in die Geschichte einzusteigen, ja geradezu hineingesogen zu werden. Ab und an möchte man der einen Figur direkt eine reinhauen für ihre Arschlochigkeit, oder einer anderen beiseite springen und rufen: „Jetzt reicht’s!“ –  Aber bei Thomas Coraghessan Boyle reicht es eben nie. Es geht immer weiter, unerbittlich bis zum absehbaren Ende.

Was ein bisschen nervt, sind Wiederholungen in Nebensächlichkeiten. Denn obwohl mir an Boyles Erzählungen eigentlich besonders gefällt, wenn seine Protagonisten sich gut auf ihre Aktionen vorbereiten – minutiöse Planung ist etwas Fesselndes, wenn sie gut beschrieben wird -, werden mir hier ein paar Butterbrote zu viel geschmiert für die ständigen Bootsfahrten zu den kalifornischen Inseln.

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Insgesamt vergebe ich für Wenn das Schlachten vorbei ist drei von fünf möglichen Sternen. An Drop City kommt er nicht ganz ran, ist aber nichtsdestoweniger eine echte Leseempfehlung vor allem für Natur- und Tierschutzinteressierte. Ehrlich.

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