Indigo

Nach Buchpreisverleihungen sehe ich mir gerne auch die Shortlists an mit den Autoren und Texten, die es eben mal so nicht geschafft haben. In diesem Jahr sprang mir dabei der Roman Indigo von Clemens J. Setz ins Auge.

Indigo

Zum einen faszinierte mich seine ungewöhnlich aufwändige Aufmachung und zum anderen rief der Romantitel Erinnerungen an Zeiten der Neunzigerjahren in mir wach, in denen ich mich begeistert über den abgehobenen Esoterik-Hype um die Kinder mit der blauen Aura, die sogenannten Indigo-Kinder, amüsierte. Diese Idee, verhaltensauffällige Kinder als den „neuen Menschenschlag“ zu feiern, womöglich sogar als Außerirdische, ließ mich vor Freude über den menschlichen Erfindungsreichtum johlen.

(Sagte ich schon, dass ich eine Schwäche für wissenschaftlich unhaltbare, aber mit missionarischem Eifer vorgetragene Theorien habe? Über die wahnwitzigen Statements der Kreationisten etwa gerate ich immer wieder in Verzückung. Es bedarf sicher ungeheuer viel Enthusiasmus‘ und Erfindungsreichtums, um solchen Irrsinn mit Überzeugung zu vertreten. Aber ich schweife ab.)

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Clemens Setz baut auf dieser Idee der Indigo-Kinder auf. Bei ihm sind die „Dingos“ allerdings keine Übermenschen sondern verschrobene Sonderlinge, die ihre Mitmenschen körperlich krank machen, sobald sich diese innerhalb der „Zone“ der Dingos aufhalten. Wer Indigo-Kindern zu nahe kommt, leidet an migräneartigen Kopfschmerzen und Übelkeit, Geschwüren, Erbrechen und Durchfallerkrankungen. All diese Symptome klingen jedoch schnell ab, sobald man sich aus der Dingozone entfernt.

(Damit ist schon mal eines klar: Bei den Anhängern der Indigo-Esoterik rückt der Autor mit seinem Text aus dem Stand von null auf Platz eins der Fatwa-Liste vor.)

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Setz schreibt seine Geschichte aus verschiedenen Erzählwarten, einmal aus der Sicht des „ausgebrannten“ Dingos Robert Tätzel und zum anderen aus seiner eigenen Warte. Hier durchbricht der Autor die übliche Perspektive, indem er die Rolle des Schriftstellers auflöst und plötzlich als Romanfigur Clemens Setz in der Rolle eines Hauptdarstellers, dem Mathematiklehrer an einer Indigo-Schule auftritt.

Der Roman wirkt aus mehreren Gründen äußerst verstörend. Zum einen erhält die offenbar fiktive Geschichte durch den Auftritt Setz‘ den Anstrich einer Tatsachenbeschreibung, einer Art Tagebuchdokumentation eines überforderten, zum Scheitern verurteilten Zeitzeugen. Der Clemens Setz im Roman versucht ohne Erfolg, die Hintergründe zum Umgang mit Indigo-Kindern zu verstehen, und verfällt schließlich dem Wahnsinn.
Das gleiche Schicksal droht übrigens auch der Leserschaft, wenn sie zu ungeduldig versucht, dem Geheimnis dieser Kinder auf die Spur zu kommen. Woher kommen sie? Warum behandelt alle Welt Dingos wie toxischen Sondermüll? Und was passiert mit Ihnen, wenn sie erwachsen werden? Alle Fragen, die der Mathematiklehrer Setz sozusagen im Namen der Leser stellt, werden ausweichend beantwortet: „Sie wissen doch, wie das ist …“, lauten die Antworten üblicherweise. Oder: „Haben Sie das denn noch nicht verstanden?“ Noch nie zuvor habe ich in einem Roman so viele unvermittelt abgebrochene Dialogsätze vorgefunden. Beim Lesen verzweifelt man schier an der Geheimniskrämerei der Eltern, Erzieher und Nachbarn der Dingos. Die Dialoge sind geprägt von einer unausgesprochenen Komplizenschaft, von unverständlichem und völlig unbegründetem Vertrauen unter den Betroffenen und von Ausweichmanövern in allen entscheidenden Situationen.

Vollständig bizarr wird der Plot, als Setz zuletzt auf der Suche nach dem Verbleib der Indigo-Kinder, die irgendwann „reloziert“ wurden – was auch immer mit diesem Begriff gemeint sein soll -, in Brüssel einen gewissen Ferenc aufsucht, der hinter dem Verschwinden von Dingos zu stecken scheint. In seinen Aufzeichnungen schreibt der Autor-Protagonist davon, wie ihn dieser Ferenc in absurde Szenerien Hieronymus Bosch’scher Dimensionen stürzt. Es tun sich Abgründe auf, die jedoch ebensowenig aufgeklärt werden, wie die Geschehnisse zuvor. Der Leser begleitet Setz durch einen immer unerträglicheren Albtraum. Die Lektüre des Buches ist an diesem Punkt kaum mehr durchzuhalten.

Als Kontrapunkt zum Horrortrip des Clemens Setz tritt immer wieder der ehemalige Indigo Robert Tätzel auf. Tätzels Schreckenswirkung auf seine Umgebung ist offenbar verflogen, er ist „ausgebrannt“, wie es heißt. Er führt ein scheinbar normenkonformes Leben mit Freundin und Bekannten, doch der Schein der Oberfläche trügt. Der junge Mann, ein ehemaliger Schüler von Clemens Setz, ist hochgradig paranoid, kann seine Emotionen nur durch Psychopharmaka und aggressive Ersatzhandlungen in den Griff bekommen. Er lebt offenbar in einer Parallelwelt; immer wieder ist von beobachtenden Augen, den sogenannten „iBalls“ die Rede, die Robert allerorten zu sichten glaubt und die bei mir sofort Assoziationen zu George Orwell wach riefen.

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Weder die Auszüge aus Roberts Leben noch Rückblenden in die gemeinsame Vergangenheit Tätzels und Setz‘ am Helianau-Institut, einer Art Sonderschule für Indigo-Kinder, vermögen Erleuchtung in die beklemmende Erzählung zu bringen. Und auch die immer wieder vom Autor eingestreuten (angeblichen?) Literaturzitate, die die Existenz von Indigo-Kindern in früheren Zeiten belegen sollen oder könnten, schaffen bestenfalls den Eindruck von Authetizität jedoch keinesfalls Erklärungen.

Der Roman hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Bei mir provozierte er ungeordnete, diffuse, aber durchwegs ungute Gedanken an die Diskussionen um ADHS, an die Odenwaldschule und womöglich gar an bestimmte Vorurteile gegenüber dem Waldorfschulsystem. Indigo hat mich ziemlich hilflos in die Wirklichkeit zurückentlassen, allerdings mit dem untrüglichen Wunsch, mich noch einmal mit der Lektüre zu befassen. Und ich bin sicher, dass ein zweiter Durchgang ganz andere Empfindungen in mir wachrufen wird.

Damit lange ich bei der Wertung des Romans an. Ich vergebe bei jeder Buchbesprechung Sternchen. Null bis fünf an der Zahl. Der Roman von Clemens Setz bringt mich an die Grenzen meines Wertungssystems. Habe ich Indigo mit Vergnügen gelesen? Keinesfalls. – Habe ich aus der Lektüre etwas Positives mitgenommen? Nein. – Hat mich der Roman denn wenigstens beeindruckt? Immens!
Deshalb bleibt mir nach meinen eigenen Maßstäben nichts anderes übrig, als für Indigo vier von fünf möglichen Sternen zu vergeben. Betrachtet das als Empfehlung. Lest das Buch! Unbedingt. Und bildet Euch Euer eigenes Urteil, das ziemlich sicher von meinem meilenweit entfernt liegen wird.

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