Café con hielo

Wer nördlich der Alpen aufgewachsen ist, kann in Europa ohnehin nicht mithalten, was die Kaffeekultur anbelangt. In Hamburg steht zwar mein Traumarbeitsplatz auf dem Firmengelände des Kaffeekönigs Albert Darboven, mit dem ich eine gewisse Mittelamerika-Vergangenheit, leider aber nicht die finanzielle Ausstattung gemein habe. Es duftet verführerisch nach Kaffee, sobald man sich dem darbovenschen Imperium nähert, aber der Hamburger Kaffeekultur hat dies nicht zum Vorteil gereicht; es gibt sie nicht. Die Kaffeeexperten (schon seit Stunden habe ich mich auf den Moment gefreut, dieses Wort mit drei e am Stück zu tippen!) Europas residieren eben in Wien, wo es wunderlich benamte Kaffeekompositionen gibt wie den „Kleinen Braunen“, den „Einspänner“, den „Mazzagran“ oder den „Überstürzten Neumann“. An die Reputation der Wiener Kaffeehäuser kommt kein Konkurrent heran.

Am ehesten noch findet man Kultur im Zusammenhang mit der braunen Röstbohne in Italien und Spanien. Zumindest gibt es auch dort Rituale im Zusammenhang mit dem Kaffeegenuss, die deutsche Besucher oft unvorbereitet treffen.

Schwänzchen des Cognacs

Die einfachste Methode zum Beispiel, sich in einer spanischen Bar als Touri zu outen, besteht darin, nach Ablauf des Vormittags einen café con leche, also einen Milchkaffee zu bestellen. Zum Frühstück kann man den Milchkaffee schon ordern, am besten zusammen mit einer ensaimada de cabello de ángel, einer süßen Blätterteigrolle gefüllt mit „Engelshaar“, oder mit einem Croissant, das zwar so geschrieben wird wie das französische Original aber wie „Krrroassann“ ausgesprochen wird. Mit drei r.

Nach dem Croissant also gibt es keinen Milchkaffee mehr. Merke: Wird die Uhrzeit zweistellig, gibt es nur mehr café solo. Das entspricht dem, was wir als „Espresso“ kennen und kann glücklicherweise in verschiedenen Variationen getrunken werden. Im Sommer bestellen sich die Damen gerne einen café con hielo, was sich mit „Eiskaffee“ nicht ganz treffend übersetzen lässt. Eis ist nämlich nicht Eis in Spanien. So wie die Eskimos Inuit zwei verschiedene Grundbegriffe für Schnee verwenden, so lutschen die Spanier helado am Stiel und kühlen mit Würfeln aus hielo.
Café con hielo wird in zwei dieser kleinen Glasbecher serviert: in einem ein oder zwei Eiswürfel, im anderen der café solo. Wer möchte, löffelt ein wenig Zucker über die Eiswürfel und gießt danach den heißen Kaffee über das Eis. Man sagt, die heiß-kalten Flüssigkeitswirbel würden Geschmacksexplosionen im Munde verursachen. Dann wäre der café con hielo also sowas wie ein hundertjähriger Vorläufer des Bubble Tea.

Wer von derlei Experimenten nichts hält, bestellt sich womöglich lieber einen (café) cortado, einen „Verschnittenen“ aus Espresso und einem kleinen Schwupps heißer Milch. Die Milch kann man übrigens auch durch Hochprozentiges ersetzen lassen und bekommt dann einen carajillo. Das Wort heißt übersetzt „Schwänzchen“ und wird wahrscheinlich deshalb verwendet, weil man(n) nach zu ausgiebigem Genuss von carajillos nur noch … Aber lassen wir das. Dies ist schließlich ein jugendfreies Blog.

Der Standard-carajillo wird aus Espresso und Kognak gemischt und heißt folgerichtig carajillo de coñac. Diese Art der Sortenableitung sollte man sich merken, denn wenn man in einer Bar einen carajillo bestellt, kann es durchaus vorkommen, dass der camarero mit einer Gegenfrage antwortet: „¿De qué?“
Die korrekte Antwort lautet dann: „¡De coñac!“ – Oder aber einer anderen Schnapssorte. Ich trinke meinen carajillo immer gerne mit Anis, am liebsten de Anís del Mono. „Dulce, si puede ser.“ Unsere Freundin Ana hingegen zieht den carajillo de ponche vor, eine Art Punschlikörvariante. Manchmal versteigt sie sich sogar dazu, einen carajillo de ponche con hielo zu bestellen.

Salut i força al canut!

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2 Kommentare

  1. Sind Sie sicher? Ich habe in den vergangenen Jahren nicht nur einmal Spanier am späten Nachmittag im Straßencafé „café con leche“ ordern sehen. Ältere Damen gerne auch „sin cafeína“, Damen aber ohnehin fast immer „con sacarina“. (In Granada, Córdoba, Madrid, Ávila.)
    Ganz anders in Italien, dort herrschen wohl bis heute die geschilderten strengen Sitten.

    • Na ja, vielleicht gibt es ja durchaus regionale Unterschiede. Oder den „Wandel im Spiegel der Zeit“. – A ciencias ciertas nada. Meine GästInnen sehen die camareros jedenfalls noch immer komisch an, wenn nach dem Mittagessen Milchkaffee geordert wird.

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