In der Kaffeeküche

Mit dem Zeigefinger drückte ich auf die Taste mit der Aufschrift „Capuccino“ und dachte wahrscheinlich zum tausendundzwölften Mal, dass es vollkommen unverständlich sei, warum Kaffeemaschinenaufsteller die verfügbaren Sorten nicht ohne Rechtschreibfehler auf ihre Automaten drucken konnten. Mit einem Summen setzte sich der Mechanismus im Inneren der Maschine in Bewegung. Da vernahm ich ein dezentes Räuspern in meinem Rücken. Als ich mich umwandte, stand ich einem der Mädchen aus dem Personalbüro mit einigen Tabellenausdrucken in den Händen gegenüber. Sie errötete und lächelte scheu: „Hallo, die Kolleginnen meinen, ich soll Dich mal zu meinem Excel-Problem befragen. Hättest Du wohl kurz Zeit?“

Ich betrachtete das Mädchen. Ich hatte Sie schon einige Male in der Kantine gesehen und insgeheim ihre langen Beine bewundert. Nun fiel mir auch ihr Name wieder ein: Sabine. Sabine Batzke, oder so ähnlich.

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Jetzt musste mir eine schlagfertige Antwort einfallen. Irgendetwas mit Pfiff, das Sabine deutlich machte, dass ich mehr konnte als nur Excel-Tabellen basteln. Also etwa: „Für Dich habe ich immer Zeit, Sabine.“ – Obwohl, das war ja nun viel zu abgedroschen. Vielleicht wäre besser: „Auch wenn die Antwort auf alles 42 lautet, sehe ich mir Dein Problem gerne an, Sabine.“ Das Herz einer Frau erobert man(n) bekanntlich mit Humor. Sie würde lachen, wir würden uns ihre Tabellen ansehen, und natürlich hätte ich eine geniale Lösung parat; bei Excel macht mir so schnell keiner etwas vor.

Nachdem ich Sabine die Problemlösung dann schon per Mail geschickt hätte, könnte ich ihr ganz locker ein paar Tage später die Frage nachreichen, ob wir nicht einmal nach Büroschluss auf ein Glas Wein oder Bier ausgehen wollten. Bestimmt würde sie ja sagen, und beim ersten Mal würden wir über belanglose Angelegenheiten aus dem Büro quatschen und danach jeder in seine Richtung mit der U-Bahn nach Hause fahren. Bei der zweiten Verabredung würde ich die Sache durchaus aggressiver angehen; erst Bier, dann Abendessen, noch ein Drink in einer Cocktailbar; und ich müsste mich schon sehr irren, wenn ich dann nicht noch auf einen Kaffee in Sabines Wohnung gebeten würde.

Am darauf folgenden Tag im Büro würden wir erröten, wenn wir uns auf dem Flur träfen. Ich würde ihr eine Mail schicken, um mich für meine Augenringe zu entschuldigen, die ich dem Umstand verdankte, kurz nach fünf Uhr morgens von ihrer Wohnung aus nach Hause gefahren zu sein, um mich zu duschen und umzuziehen, bevor ich ins Büro kommen konnte. Wir würden das Techtelmechtel in der Firma sicher noch ein paar Wochen geheim halten, aber nach und nach würde unser Verhältnis durchsickern und die Kollegen zu anerkennenden Kommentaren und zum Schulterklopfen ermuntern.

Sabine und ich würden nach einigen Monaten zusammenziehen, klar. Und im Jahr danach würden wir heiraten, warum eigentlich nicht? In der Firma würde Sabine kündigen, um anderswo eine besser bezahlte Stelle anzunehmen. Diese Konsequenz wäre allein deshalb von Vorteil, weil es doch auf Dauer ermüdend würde, wenn wir uns 24 Stunden am Tag auf der Pelle hocken müssten, wenn man sich nirgendwo mehr aus dem Weg hätte gehen können. Aber dann würde ohnehin bald unsere Tochter geboren, wir würden sie auf den Namen Julia taufen, und die beiden Frauen würden zu Hause bleiben, während ich für das finanzielle Auskommen der Familie sorgen dürfte.

Wahrscheinlich würde es nicht sehr lange dauern, bis die Neue in der Firma – Martha, eine Alleinerziehende, wie ich wohl gehört haben würde – in der Türe zur Kaffeeküche stünde mit einem Excel-Problem. Ein paar Wochen später würde ich dann abends um fünf in Marthas Treppenhaus eine SMS an Sabine senden mit der Nachricht, ich sein schon auf dem Weg vom Büro nach Hause. Dabei hätte Sabine doch bereits vor Stunden im Büro angerufen und die Kollegen hätten ihr verwundert mitgeteilt, ihr Mann sei an diesem Tag doch ausnahmsweise mittags gegangen.

Darauf würde der unvermeidliche Trennungsstreit mit all der schmutzigen Wäschewascherei folgen, wer woran schuld sei, wer was gesagt und wer was mit wem getrieben hätte. – Eine fürchterliche Vorstellung.

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Ich musterte die scheue Sabine während dieser Gedankengänge, bevor ich schließlich antwortete: „Nein, Sabine, es tut mir leid, ich kann mich nicht um Deine Tabellen kümmern. Leider. Das wirst Du jetzt nicht verstehen; aber es ist zu Deinem eigenen Besten.“

Dann ließ ich den Cappuccino-Becher im Automaten stehen, schlüpfte an der verdutzten Sabine vorbei hinaus auf den Flur zu den Toiletten, schloss mich dort in eine der Kabinen ein und begann, leise zu weinen.

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4 Kommentare

  1. Wunderbar, ich hab mich sehr amüsiert beim Lesen! (Könnte jetzt in die Kaffeeküche gehen und einen Kollegen um Hilfe bitten – stattdessen lese ich, vorgewarnt, das Problem lieber im Netz nach, das muss ich nicht gleich heiraten :-))

  2. Pingback: Organspende, Kaffeeküche, Foodsharing, Sitzmuster, Friends – 1ppm von Johannes Mirus

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