Der König von Berlin

Horst Evers: Der König von Berlin, Rowohlt Verlag

„Ein guter Kammerjäger kommt immer wie ein Pornoheft, also im neutralen Schutzumschlag.“

Wer schon auf der achten Textseite seines Romans mit einem solchen Satz aufwartet, hat mich ja im Sack. Und wenn Autor (oder Verlag) dann auch noch so clever sind, ein einsames Huhn auf einem unterirdischen U-Bahnhof auf das Cover zu bringen, bin ich schon nicht mehr objektiv; ich starte vielmehr mit maximaler Erwartungshaltung in den Krimi von Herrn Evers.
Schnell wird klar, dass mir auch die Geschichte selbst liegt. Es handelt sich nicht um einen Kriminalfall im Rahmen der üblichen gesellschaftlichen Erwartungshaltung – also irgendwas mit „enttäuschte Geliebte wird zur Mörderin“ oder „Armer Schlucker konnte dem vielen Geld nicht widerstehen“. Genauer gesagt ist anfangs überhaupt nicht klar, in welcher Sache denn nun tatsächlich ermittelt wird. Das macht aber nichts. Man liest sich amüsiert durch eine Art verlängerten Prolog im Berliner Schädlingsbekämpfungsmilieu, in dem die Romanfiguren alle mehr oder weniger heftig einen an der Waffel haben.

Ich bin hartgesottener Fan skurrilen Personals und absurder Geschichten. Das erkennt man auch daran, dass über lange Jahre hinweg ein Sissy-Roman zu meinen Favoriten gehörte, der noch immer in meinem Bücherbord steht. (Also nicht etwa über die leiwande k.u.k.-Monarchin, sondern über Tom Robbins‘ Tramperin mit den überdimensionierten Daumen; ja, googeln Sie das ruhig mal.)

Mir hat die Geschichte über den König von Berlin mit ihren vielen unerwarteten, haarsträubenden Wendungen, mit James-Bondigen Knalleffekten, die dann doch immer – gottseidank! – mit Berliner Schludrigkeit relativiert und kleingeredet werden, ganz gut gefallen. Allerdings muss ich einräumen, dass eine Leserschaft, die Wert auf eine stimmige Entwicklung, weniger Hollywood-Dramaturgie, und weniger Sprücheklopferei zu Gunsten eines realistischen Krimi-Plots legt, wahrscheinlich irgendwo in der Mitte des Romans aufgeben und das Buch kopfschüttelnd zur Seite legen wird.

Bekümmert war ich übrigens durch den Umstand, dass das vielversprechende, U-Bahn fahrenden Cover-Huhn keinen Auftritt in der Geschichte hat. Lediglich ab und an kommt Federvieh als nebensächliches Stichwort vor, zum Beispiel bei Hinweisen auf des Kommissars ersten Fall um einen norddeutschen Hühnerbaron. Schade, eigentlich.
Insgesamt verleihe ich dem König von Berlin drei von fünf möglichen Sternen: Ein netter literarischer Zeitvertreib mit gelungenen kabarettistischen Formulierungen, aber sicher nichts, was einem über längere Zeit im Gedächtnis haften bleiben würde.

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