Die Leich‘

„Du wirst Dich noch einmal wundern, wie wenig sich das Begehren im Alter von dem in der Jugend unterscheidet“, stellte sie fest.

Wie bitte? Er schüttelte den Kopf, um den Effekt dieses völlig unerwarteten Satzes abzuschütteln. Im Augenblick wunderte er sich eher über die Trinkfestigkeit seiner Mutter. Seit die Kellnerin ein paar Stunden zuvor begonnen hatte, die Bestellungen der Trauergemeinde aufzunehmen, hatte sie gewiss drei oder vier Halbe Bier und gerade eben mindestens den dritten Obstler gekippt. Deshalb beachtet er die letzte Anmerkung seiner Mutter nicht, sondern sorgte sich mehr um ihr Verhalten. Tat sich da etwa ein familiäres Problem auf, das er noch nicht kannte? War die Mutter womöglich eine bisher heimliche Säuferin?

„Trink nicht so viel, Mama“, mahnte er.

„Ach, komm!“, konterte sie, „Was glaubst Du denn, was mir jetzt noch bleibt, wo Dein Vater unter der Erde ist? Du weißt, dass wir beide nie viel getrunken haben. Was mir jetzt am meisten fehlen wird, sind seine Zärtlichkeiten. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber Dein Vater und ich haben bis letzte Woche sowas wie ein Liebesleben gehabt. Bevor ihn der Schlag geholt hat. – Wenn ich mir die schwarzen Halterlosen angezogen hab, ist er noch immer ganz gut in Fahrt gekommen.“

Die Mutter bestellte noch ein Bier und einen weiteren Schnaps, und er sagte nichts dazu, weil er gerade recht peinlich berührt war von den intimen Geständnissen seiner Mama. Es war mehr als vierzig Jahre her, als er das letzte Mal mit ihr über Sex gesprochen hatte. Oder besser gesagt: Seit sie ihn auf Geschlechtliches angesprochen hatte.
Damals hatte sie einen Präser auf den Küchentisch gelegt. „Weißt Du, was das ist? Weißt Du, wozu man das braucht?“, hatte seine Mutter gefragt. Er hatte in jenem Moment nur stumm genickt, das Gesicht knallrot vor Scham.
„Dann bitte: Verwend‘ es auch. Und sag Bescheid, wenn Du mehr brauchst.“ Die Mutter hatte eine ganze Schachtel neben den einzelnen Gummi gelegt und ihn damit in der Küche allein gelassen.
Und jetzt kam sie ihm auf einmal mit ihrer Reizwäsche und deren Effekt auf den verblichenen Vater. Auch er gab der Kellnerin noch einen Schnaps auf. Das musste er erst einmal verdauen.

„Weißt, es ist nämlich im Grunde völlig egal ob Du siebzehn oder siebzig bist“, führte die Mutter das Thema fort. „Deine Gedanken kreisen immer um das Gleiche. In den Zwanzigern suchst Du die oder den, mit dem es passen könnt‘. Und wenn es nicht passt, mit wem es besser sein könnt‘, mit wem Du es lieber treiben möch’st. Mit dreißig bist Du ungeduldig, mit vierzig frustriert, und mit fünfzig findest Du langsam die Ruh‘. Etablierst Dich, arrangierst Dich. Weil attraktiver wirst nicht mehr. Und schön ist es auch mit dem, den Du hast. Zumindest wenn Du dafür sorgst, dass es noch prickelt. Und noch ein bisserl später prickelt es vielleicht nicht mehr. Aber schön ist es immer noch, und immerhin hast noch einen dafür. Fürs Anfassen, fürs Kuscheln. Weil das brauchst auch dann noch.“

~

Er sah seiner Mutter noch lange nach, wie sie vom Gasthaus nach Hause ging. Sie hatte sich nicht begleiten lassen wollen und setzte da draußen auf der Straße einen Fuß vor den anderen, eine verletzlich wirkende Gestalt, die mit jedem Schritt kleiner wurde; der man allerdings nicht ansah, welches Geständnis sie gerade ihrem Sohn anvertraut hatte.

Der Anblick brach ihm das Herz.

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16 Kommentare

    • Danke sehr. Und ob es wirklich wahr ist, also besser gesagt: ob es auf alle Menschen zutrifft, werd ich ja dann irgendwann erleben :-)

    • Ja, wenn Eltern älter werden, neigen manche dazu, sich gar keinen Kopf mehr zu machen, ob ihre Kinder das alles hören wollen, was sie ihnen erzählen.

      Andererseits: Auch die Kinder werden älter und ertragen das dann besser. (Wenn ich an Teen-Tochter 3.0 denke, muss ich davon ausgehen, dass die keinesfalls am Frühstückstisch mit einer Freundin des Vaters konfrontiert werden möchte.)

  1. Lieber Wortmischer,

    irgendwann einmal im Zuge des Erwachsenwerdens sind die Kinder für ihr eigenes Leben verantwortlich – und die Eltern für ihres. Auch wenn der Anblick der alternden Eltern dem nahe kommt, was sie in der Geschichte als letzten Satz schrieben.

    Ihre Geschichte erinnert mich an den Schrecken, als ich zum ersten Mal sah, wie meine Mutter ohne Gebiss im Mund aussah. Innerhalb weniger Minuten um dreißig Jahre gealtert. Und die eingefallenen Lippen ähnelten plötzlich jenen der alten Dame in Hänsel und Gretel …

    • Sie haben ja gewiss recht. Aber ich bin da wohl noch nicht ganz so weit … ;-)

    • Echt? Über Twitter? Muss ich doch mal nachgucken, ob ich Dich da irgendwo sehe … (Update 3 Minuten später: Tatsächlich!)

      Aber danke für Dein Lob. Man(n) lässt sich ja gerne schmeicheln :-)

  2. endlich mit der nachlese hier angekommen – da wär mir was entgangen! ich reih mich hiermit in die komplimentierendenreihe ein …

    • Vielen herzlichen Dank! – (Und immer viel lesen! Dann denkt man nicht mehr ans Rauchen ;-)

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