Große Erwartungen

Große Erwartungen

Frau Tikerscherk reicht elf Fragen weiter an Mitbewohner des Internetzes. Ich bin einer ihrer acht Auserwählten, danke sehr. Weil ich die Tikerscherk mag und weil mich die Fragen interessieren, antworte ich mit Vergnügen. Also, here we go:

1. Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?

Das hatten wir schon mal, das ist einfach: „Ich würd‘ ja gern mal die Panamericana mit dem Motorrad von Alaska bis Feuerland durchfahren. Das will ich schon, seit ich siebzehn war.“ – Stand 1977. Dem gibt es noch immer nichts hinzuzufügen. Punkt.

2. Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10.000 Euro bekommt. Wer wäre das und warum?

Dies wäre jetzt die Bühne für einen großherzigen Appell: Spendet für …
Aber wofür denn eigentlich? Katastrophenopfer? Flüchtlinge? Obdachlose? Drogenopfer? Griechenland? – Keine Frage, die brauchen alle Geld.

Dürfte ich tatsächlich über zehntausend Euro verfügen, würde ich mich wahrscheinlich trotzdem anders entscheiden. Ich glaube ganz fest an die nächste Generation und würde deshalb in die Bildung unserer aller Kinder und Kindeskinder investieren wollen.
Wenn Sie also etwas übrig haben, dann spenden Sie an die Fördervereine unserer Schulen. Insbesondere an die Freien Schulen, wegen der Bildungsvielfalt und weil die Freien vom Staat ohnehin nicht üppig bedacht werden.
Das würde jedenfalls ich mit diesen zehntausend Euronen machen.

3. Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten Sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?

Nun ja, das sollte wohl jemand sein, der mich persönlich interessiert, bei dem ich aber Probleme habe, ihn oder sie zu verstehen. Alles andere würde keinen Sinn ergeben; wieso sollte ich einen Tag lang Wladimir Putin oder Helene Fischer sein wollen? *grusel*
Ich glaube, ich wäre ganz gerne einen Tag lang Frau Kerstin, also eine Dame Granate aus dem Bekanntenkreis meines echten Lebens, deren Verhalten mir Rätsel aufgibt. Ich wüsste in der Tat nur zu gern, wie sich ihr Leben anfühlt.

4. Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?

Oh! Schon wieder ganz einfach. Ich oute mich jetzt und gestehe, dass ich ein Katzenmensch bin. Die Menschheit teilt sich ja bekanntlich in Katzen- und in Hundemenschen. Ich bin definitv ein Katzenmensch.
Gern wäre ich Chakamankabudibaba, obwohl ich dann meine beiden Bällchen aufgeben müsste. Aber glücklicherweise handelt es sich ja um eine hypothetische Frage.

5. Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?

Nein. Meine Träume sind immer sehr flüchtig.

6. Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?

Sin noticias de GurbOh je. Das wird jetzt ganz sicher eine Enttäuschung für die Leserschaft, tut mir wirklich leid. Mein am häufigsten gelesenes Buch ist zweifellos ein dünnes Bändchen, keine 150 Seiten, von Eduardo Mendoza mit dem Titel Sin noticias de Gurb, das nie ins Deutsche übersetzt wurde.
Aus gutem Grund: Es geht um die Landung zweier Außerirdischer in Spanien. Einer von ihnen, ein sehr pragmatisch veranlagter Alien namens Gurb, begibt sich unter Menschen, erlebt und meistert zum Vergnügen der Leserschaft das Grauen des spanischen Alltags. Der andere, Pedant buchhalterischen Zuschnittes, verbleibt im Raumschiff und konstatiert Tag für Tag kopfschüttelnd im Logbuch des Raumschiffes: Sin noticias de Gurb. – Keine Nachricht von Gurb.
Leider komplett unübersetzbar. Das wäre, als versuchte man, zum Beispiel Karl Valentin oder Dall oder Loriot ins Spanische zu übertragen. Absolut hoffnungslos.

Mindestens schon hundertmal gelesen. Ich kann das fast schon auswendig. Was wiederum sehr lustig sein kann: Sehr viele Menschen, mit denen ich irgendwann auf das Thema Herkunft und Sprachen zu sprechen komme, fragen nach: „Du kannst Spanisch? Echt? Sag doch mal was!“ – Wieso wollen die das eigentlich hören? Ich meine, heutzutage kann man doch jederzeit einen spanischen Radiosender aus dem Internet abspielen, wenn man jemanden die Sprache sprechen hören will? (Aber ich schweife ab …)
Jedenfalls zitiere ich auf diese Frage hin gern Passagen aus Sin noticias de Gurb. Ich meine, was soll man auch sonst sagen, wenn einen das Gegenüber sowieso nicht versteht.

7. Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache Sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen?

Also sozusagen: Ich als Flüchtling anderswo? – Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Regionalsprache, welche auch immer, innerhalb von ein, zwei Wochen so hinbekäme, dass ich als Dolmetscher für andere, weniger Sprachbegabte auftreten könnte.
Ob das finanziell tragfähig wäre, ist natürlich eine gute Frage, und was sich danach ergäbe, das wissen die Götter …

8. Verraten Sie uns ihr Lieblingsrezept (für diejenigen, die nicht kochen oder backen: Ihr Lieblingsgericht)?

Ich muss für niemanden kochen? Keine Wünsche berücksichtigen? Keine Vegetarier, keine Veganer bedienen?

Dann wähle ich Münchener Weißwürscht. Entweder frisch aus einer Metzgerei der Region, alternativ vom Vinzenz Murr, oder – falls im Exil – die Fünferpackung von Aldi. (Eine echte Empfehlung für Exilanten!)
Die Würscht in heißem Wasser ohne Topfdeckel ein Viertelstündchen bei halber Hitze ziehen lassen, bitte drei Stück für mich.
Dazu selbst im Ofen aufgebackene Salzbrezen, Butter und süßen Weißwurstsenf, notfalls vom Händlmaier, der weltweit in den Supermarktregalen vorrätig ist.
Extrem wichtig: Als flüssige Begleitung eine Halbe Weißbier, Hefeweizen, Weizen, Hefeweißbier.

Dies alles etwa um das Mittagsläuten herum eingenommen und danach wochenendliches Abhängen. – Holladriöh! Göttlich!

9. Unter Ihrem Balkon soll jemand ein Ständchen singen. Sie dürfen sich Sänger_in und Lied wünschen. Also, wen und was wünschen Sie sich?

Das ist eine blöde Frage, finde ich. Unter meinem Balkon soll bitte niemals jemand singen, wie peinlich wäre das denn! Ich bin doch nicht Julia oder Romeo.
Aber wenn trotzdem unbedingt da unten jemand singen muss, dann bitte diese drei Gestalten um die Sängerin Luz Casals; die da unten im Video. Allerdings unabdinglich mit dem Leadgitarristen in Jogginghose!
Stellen Sie sich bitte das mal vor: Der Wortmischer im Schlafanzug auf dem Balkon mit einem Glas Rotwein in der Hand, eine Zigarre in der anderen, huldvoll winkend; die Nachbarschaft auf hundertachtzig; und da unten die gute Luz und ihre bizarre Combo: ¡Piensa en mi! – „Denk an mich, wenn Du leidest …“
Boah, was für ein Aufstand!

10. Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?

Kaffee, Kaffee, Kaffee, Kaffee und Kaffee. Frisch gemahlen, bitte. – Schon mehrfach ausprobiert: Einzig auf den Kaffee mag ich nicht verzichten. Alles andere ergibt sich.

11. Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

Der Narr ist mir eine lieb gewordene Figur. Nicht umsonst lautet der Titel meiner Facharbeit im Abiturleistungskurs Englisch „Die Rolle des Narren in den Bühnenstücken von Shakespeare“.
Andererseits verabscheue ich die organisierte Karnevalsheiterkeit jeglicher Couleur. Würde mich jedoch jemand zu einem Auftritt in der lokalen Karnevallerei überreden, etwa die Frau Kerstin aus Frage 3, so würde ich mich vermutlich … nein, nicht schnöde verweigern … ja, doch … als Sträfling maskieren, also mit schwarz-weiß quergestreifter Hose, Oberteil und Häubchen. Häftlingsnummer nicht zu vergessen, auf der Haube und tätowiert auf dem Unterarm (wichtig!).
Der Gefangene in grausiger Kollektiverheiterung, melodramatische Situation. Innere Revolte trotz äußerer Anpassung. – Na, hören Sie mal. Was sonst kann man denn tun in verzweifelter Situation?

~

Da ich bekanntlich Probleme mit Kettenbriefen habe, werde ich keine Nachfolger für das Stöckchen von Frau Tikerscherk nominieren. Es bediene sich, wer wirklich und aus ganzem Herzen auf die oben stehenden 11 Fragen antworten möchte. – Nur zu und schon mal im Voraus vielen Dank!

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6 Kommentare

  1. Wunderbare Antworten, lieber Herr Wortmischer- vielen Dank!
    Das Gurb-Buch würde ich zu gerne auch mal lesen, wahrscheinlich reicht mein klitzekleines Minispanisch nicht aus dafür.

    `Piensa en mi´v on Luz Casal ist einer meiner all time classics (ich sehe gar keine Jogginghose.. Hat da jemand eine an?)

    Ich wünsche mir für Sie und Ihre Leserschaft, dass sich die Geschichte mit der rätselhaften Kerstin beizeiten auflösen möge- in oder mit Wohlgefallen!

    • Hat der links keine Jogginghose an? Vielleicht muss ich doch mal einen Fielmann konsultieren. *notizinmeinetodolist*

      Und der Gurb ist leider nur dann so lustig, wenn man die spanische Gesellschaft des letzten Jahrhunderts kennt, also zum Beispiel Julio Romero de Torres, Marta Sánchez und noch 20 andere.

      Aber ich freu mich, dass meine Antworten offenbar nicht langweilig sind.

  2. Lieber Wortmischer,

    sie outen sich als Fan der Münchner Weißwurst.
    Voriges Jahr hat mein lieber Mann, ich hätt es nicht gedacht, mir welche heimgebracht. Aber dieses Bleichgesicht, es mundete mir nicht. Eine Rothaut wäre fein, doch dann würd’s ja keine Weißwurscht sein.

    • Ach ja, das ist wohl wahr: Weißwürscht polarisieren!

      Ich erinnere mich daran, wie ich die Würscht zum ersten Mal meinen spanischen Freunden aufgetischt habe. Die dachten, ich würde sie verar veräppeln wollen. (Ich hab dann leider sieben Stück essen müssen, damit nix verkommt.)

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