Statussymbole?

Och, sie mögen kein Markengedöns. Wollen Sie damit sagen, all die Bemühungen der Werbeindustrie, Ihnen ihre Angebote schmackhaft zu machen, verhallen ungehört? Sie haben in Ihrer Wohnung nirgends einen George Clooney oder wenigstens einen sensiblen Kaffeeautomaten stehen? Kein Pitralon-Rasierduft in Ihrem Badezimmer? Keine Zimmerli-Herrenunterhemden in Ihrem Kleiderschrank liegen? Auch keinen Hahnemühle-Skizzenblock auf ihrem Schreibtisch griffbereit? Kein Faber-Castell-Bleistift im Köcher? Auch keine Mammut-Jacke, die sie vor den Unbillen der Natur schützt? Vermutlich haben Sie auch keine Briefmarke im Haus.
Rosenherz

Mit diesem Kommentar lockt mich Frau Rosenherz aus der Reserve, nachdem ich vor ein paar Tagen über Käufer von Krokodil- und andere Marken hergezogen bin. Mein Rundumschlag war ja auch ziemlich gemein; wer bin ich denn, anderen das Tragen von zum Beispiel pfotenbestickten Kleidungsstücken madig zu machen?

Aber ich sehe schon, dieser Sache mit den Markenartikeln müssen wir auf den Grund gehen. Schonungslos. – Dann kommt doch einfach mal rein in die gute Stube. Setzt Euch, macht es Euch gemütlich, Kaffee kommt gleich.

Mein hipsteriger Kaffeevollautomat verströmt allerdings kein Marken- sondern Bohnenaroma und braucht ’ne Weile, ihr müsst Euch also gedulden. Den hab ich übrigens auf einer Dult im spanischen Huesca erstanden. Ohne Karton, ohne Herstellerhinweis. Der Rasierduft im Badezimmer hat natürlich einen Namen, der steht aber nicht drauf (auch nicht auf der Rückseite) und kennen tut ihn ohnehin kein Mensch, weil man ihn in Parfümerien längst nicht mehr bekommt. Auf meinen Unterhemden steht absolut nichts drauf außer Waschhinweise auf dem Zetterl im Halsausschnitt, und Skizzen- oder Notizblöcke verwende ich nicht. (Papier lasse ich mir vom Großhändler mitbringen, in unbedruckten, markenlosen Umverpackungen.)

Sachen in der Wortmischerei

Die Bleistifte im Köcher! Ich drehe durch, Frau Rosenherz hat mich tatsächlich erwischt. Die Stifte sind zwar nicht von Faber-Castell, aber von der Staedler Mars GmbH aus Nürnberg, die ganz sicher auch jeder kennt, die Marke mit dem behelmten Römerkopf.
Und die Geschichte meiner Winterjacke treibt mir noch heute die Schamesröte ins Gesicht: Vor zwölf Jahren kaufte ich mir eine sagenhaft robuste grobe Leinenjacke in einem Textilgeschäft in München. Der Preis war ein Witz, das Ding war auf 99 Euro runtergesetzt. Und dieses komische Emblem am Ärmel, ein rotes Wappen mit weißem Kreuz darin hatte ich vorher nie gesehen. Der Jacke sieht man ihr Alter noch heute nicht an, da ist nichts abgeschabt, keine Naht aufgegangen, alles tiptop!
Aber seit mindestens fünf Jahren rennt gefühlt jeder, der keine Wolfskin-Jacke trägt, mit einer von Wellensteyn herum, der Marke mit dem weißen Kreuz im roten Wappen. Lange Zeit nach dieser Entdeckung war mein Verhältnis zu meiner einstigen Lieblingsjacke stark getrübt. Ich fror lieber, als mich in sie zu gewanden. Solange bis ich das $(#3!$$-Emblem abtrennte und einen runden NASA-Raumfahrt-Button draufbügelte. Jetzt trau ich mich damit wieder auf die Straße.
Ja ja, lacht nur. Mir ist das aber wichtig.

~

Aber es kommt noch viel schlimmer. Als ich unlängst mit dem A. auf meinem Sofa herumlungerte und an ihm meine geplante Tirade über Krokodiliges ausprobierte, ermahnte er mich:
„Sei nicht so selbstgerecht. Sieh Dir nur mal diese Regalwand an.“
Er deutete auf die gegenüber liegende Seite des Raumes.

Keine Chance für Billy

„Schau Dir das mal an, so wie es ein zwar neugieriger, aber unvoreingenommener Besucher sehen würde: Meterweise Bücher! Und noch immer Platz für mehr. Was glaubst Du, kommt da rüber?“
„Keine Ahnung. Sag Du es mir“, erwiderte ich lahm.
„Ja, ich sag es Dir! Du machst hier einen auf intellektuell. Und wenn man genauer hinsieht, wird es noch schlimmer: Fast genau so viele spanische und englische Titel wie deutsche. Wie angeberhaft ist das denn? Auch wenn Du unten vor der Tür bloß dieses abgewrackte Motorrad stehen hast, Dein Bücherregal steht einem Benz-SUV letzer Generation und mit allem Schnickschnack in nichts nach, mein Lieber!“
„Böh …“, murrte ich.
„Und dann dieses Klavier, um Himmels Willen. Da braucht nur mal einer den Deckel kurz anheben: Steinway & Sons. Du musikalisches Großmaul, Angeber!“
„Aber das hab ich geerbt!“, begehre ich auf und gehe in Verteidigungshaltung.
„Aha? Und diese sauteuren Boxen im Regal? Hast Du die auch geerbt? Oder hätte es vielleicht auch etwas Günstigeres aus dem M*diamarkt getan?“

Jetzt bin ich beleidigt. Für die SONOS-Musikanlage hatte ich jahrelang gespart. Die hab ich doch für mich gekauft, nicht um Besucher damit zu beeindrucken. A. ist ein Arschloch. Der kann einem auch den letzten Spaß am Leben nehmen.

„Du bist der gleiche Statusjunkie wie die Wolfskin-Abercrombie-Fans, die Du anprangerst, mein Lieber. – Hast Du noch was von dem Rotwein? Der ist wirklich gut.“ Der A. hält sein leere Glas in die Höhe.
Eilfertig flitze ich hinunter in den Keller und ziehe eine Flasche aus dem Regal. Ohne Etikett. Die ist nämlich von der Cooperativa aus dem Familiendorf in Teruel. Da wird der A. Augen machen.

~

Ach ja: Natürlich habe ich auch Briefmarken im Haus, Frau Rosenherz, auch wenn ich die so gut wie nie benötige ;-þ

24 Kommentare

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