Nicht vernehmungsfähig

Man muss sich ja erst wieder einfinden nach so einer radikalen Schreibpause von einem Monat. Schließlich weiß man gar nicht, an welcher Stelle man anknüpfen soll, so viel ist überall passiert. Portugiesischer EM-Sieg, ganz ohne Terrorschlag während des Turniers, den ich insgeheim befürchtet hatte. Politisches Chaos in GB. Und dann doch noch erschütternde Gewalt in Nizza und gerade auch in München. Da könnte man natürlich ein Thema finden, wenn nicht all diese Ereignisse mich sozusagen abgepolstert in einer Watteschicht erreicht hätten.
Weil es doch noch zu häufig vorkommt, dass mir in bestimmten Situationen Begebenheiten durch den Kopf wandern, die ich mit meiner so plötzlich verstorbenen Mutter in Verbindung bringe. Auch wenn diese Jahre oder Jahrzehnte zurück liegen. Dann bin ich oft für Stunden nicht für Aktuelles ansprechbar, und das merken meine Gesprächspartner natürlich.

Ich bin froh, dass mich mein Arbeitgeber in den letzten Wochen weitgehend aus der Pflicht entlassen hat. Also beurlaubt, meine ich. Dafür darf ich jetzt bis Ende August alles Liegengebliebene langsam aufarbeiten.
Ich habe mir einen Plan gemacht, der zwischen Montag und Freitag um neun beginnt und um zwei am Nachmittag endet. In diesen fünf Stunden täglich will ich versuchen, genug Konzentration aufzubringen, um mich den Geschäften zu widmen. Im Anschluss verlangt dann auch der Haushalt gewisse Aufmerksamkeiten, weil Tochter 3.0 mit ihren siebzehn Jahren nicht allzu stringent den Notwendigkeiten nachkommen konnte. Die Ärmste, sie scheint froh zu sein, dass ich das Regiment wieder übernehme.

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Im Radio habe ich eben gehört, dass die Eltern des Münchener Amokläufers ihren Sohn noch am gleichen Abend auf Bildern erkannt und bei der Polizei angerufen hatten. Derzeit sind sie „nicht vernehmungsfähig“.
Ich versuche, mir das vorzustellen. Gegen das, was dieses Paar gerade durchmacht, sind meine Befindlichkeiten geradezu ein lächerlicher Klacks. Ein Taubenschiss auf der Anzugschulter: ärgerlich gewiss, aber doch vollkommen unerheblich.
Gerade wäre ich geneigt, die beiden Unglücklichsten aller Unglücklichen zu umarmen und zu versuchen, ihnen Trost zu spenden. Was natürlich völliger Quatsch ist, mir aber trotzdem nicht aus dem Kopf geht.
Die zwei müssen in etwa in meinem Alter sein. Ich erinnere mich an den grausigen Schrecken, der mir durch die Glieder schoss, als mein Bruder mich anrief und nichts anderes sagen konnte als: „Die Mutter liegt im Sterben.“ – Jetzt multipliziere ich diesen Schock mit zehn oder zwanzig und bekomme eine Vorstellung des Zustandes der beiden Amok-Eltern.

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Entschuldigen Sie bitte meinen Befindlichkeitsreport. Vielleicht müssen Sie sich in den kommenden Wochen noch mit derlei Unpässlichkeiten meinerseits abfinden. Oder kommen Sie einfach später wieder.

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17 Kommentare

  1. Ich glaube nicht, dass man Schmerz absolut quantifizieren kann. Mutter gestorben? Drei Punkte auf der Richterskala. Sohn ist Amokläufer? Dreißig Richterpunkte. Geht nicht.
    Als ich geschieden wurde, das ist schon etwas her, war ich am Boden zerstört. Gefühlt mindestens vierzig Richterskalapunkte. Ist aber alles relativ.

    Das wird Dir nicht helfen, das weiß ich. Aber es gibt Daumendrücker für Dich hier draußen. Nur dass Du das weißt. Und dass ich geduldig weiterlese, Befindlichkeiten hin oder her.

  2. Mir geht es in solchen Situationen ähnlich. Auch ich denke oft an die Eltern, Großeltern und an das, was sie wohl durchmachen müssen. Grauenvolle Vorstellung.

  3. Werter Herr Wortmischer,
    wo, wenn nicht hier, sollten Sie Ihre Befindlichkeit kundtun? Mein volles Verständnis haben Sie jedenfalls.

    • Danke sehr! (Und irgendwie waren Sie in den Spamordner gerutscht, sorry.)

  4. Danke sehr an Poppkörnchen, Frau Tonari und die Testsiegerin für Eure einfühlsamen Worte. Eure Präsenz und Unterstützung tun mir ehrlich gut.

    (Noch ein Wort zu einer E-Mail aus dem Freundeskreis zu meiner Anteilnahme für die Eltern des Täters von München. Das war eine spontane Reaktion meinerseits, und ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass mir die Angehörigen des Täters näher stünden als die der Opfer. Dass diese auch, oder sogar schwerer betroffen sind als die Eltern des Täters, wollte ich bestimmt nicht in Frage stellen. Es wäre schön, wenn wir hier keine Opfer-Täter-Debatte bekämen, denn eine solche liegt mir gerade sehr fern.)

    • Ich sag jetzt mal nichts. Außer vielleicht, dass sich deine sogenannten Mailfreunde vielleicht vor Augen halten sollten, dass es sich hier nicht um eine der messerscharfen Wortmischeranalysen sondern um einen sehr persönlichen und (entschuldige bitte) ein klitzekleines bisschen desorientierten Ansatz handelt, dich zu sortieren. „Nicht vernehmungsfähig“. Boah! Ey!
      Entschuldige, ich hab hier gerade etwas Blutdruck. Mach es mal gut!

    • Ruhig Blut, Annette! Und vielen Dank für die Diagnose meiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit ;-þ

  5. Lieber Wortmischer, das sind doch keine Befindlichkeiten sondern das Leben, das einen beutelt und schüttelt. Das kann und darf man in Worte fassen. Vor allem in solche wie in diesem Text, der Themen aufgreift, die mir auch durch den Kopf gehen.
    Schmerz um die Mutter, Schmerz um das Kind oder Schmerz über das Leid, das vom eigenen Kind verursacht wurde – man kann ihn nicht bewerten. Ich denke aber auch, dass man durchaus Mitleid für die Eltern empfinden darf. Mitgefühl ist nichts, dass wertend vergeben wird.
    Herzliche Grüße

    • Danke, Mitzi. Ich fühle mich tatsächlich ziemlich geschüttelt derzeit. Und freue mich gerade deshalb über die Bestärkung. Mit meiner „Wortfassung“ dieser Gefühle bin ich allerdings nicht sehr zufrieden. Da passt vieles nicht, ich weiß aber nicht, wie ich es besser machen könnte.

      Jedenfalls bin ich dankbar für stützende Kommentare, die mich wieder in die Spur kommen lassen. Alles wird gut, ich bin ja im Kern ein unverbesserlicher Optimist ;-)

  6. Ach, die Zeit, in der man ohne Haut unterwegs ist, wo solche Geschichten direkt treffen. Lieber Herr Wortmischer: beste Wünsche. Und einen robusten Wollpullover, auch wenn das bei dem Wetter gar nicht nötig scheint.

    • Danke für die guten Wünsche, die nehm ich gern. Und wenn das hier so weiter geht mit den Temperaturen, jeden Tag zwei Grad weniger, dann ist es auch bald Zeit für den Wollpulli :-(

  7. Lieber Wortmischer,

    was auch immer sie in Worte zu fassen suchen, was auch immer Sie im Herzen wirklich bewegt, es gibt immer Menschen, die sich davon berührt fühlen. Oder sie sind selbst von ähnlichen Erfahrungen betroffen und in diesem Fall hilft und bestärkt oft das Lesen darüber, wie andere Menschen die Situation bewältigen. In diesem Sinn, was auch immer sie schreiben mögen in dieser Zeit nach dem Tod Ihrer Mutter, herzlich willkommen.

    Was die Eltern des Amokläufers betrifft: In den Mittagsnachrichten des Radios habe ich vor ein paar Tagen diesen Satz gehört, seine Eltern wurden befragt, solange sie noch vernehmungsfähig waren. Die Eltern haben mein höchstes Mitgefühl. Keine einfache Situation, sich als Eltern eines Kindes in der öffentlichen Anprangerung zu fühlen. Vor allem in einer medial aufgeheizten Zeit, in der penetrant danach gesucht wird, welche Personen und welche Umstände als die Schuldigen verantwortlich zu machen seien, dass ein Mensch zum Amokläufer wird.

    • Ja, wir durchleben gerade betroffen machende Zeiten. Am kommenden Donnerstag wird meine Mutter beerdigt. Ich hoffe, ich kann dann meinen Frieden machen, zumindest mit diesem Ereignis.
      Danke für die Bestärkung.

  8. Mir fehlen die Worte. Zu allem, was sich gerade in der Welt abspielt und auch zu Deinem persönlichen Schmerz, durch den Du Dich gerade kämpfen musst.
    Ich wünsche Dir viel Kraft und ich freue mich, dass Du uns teilhaben lässt an Deinen Gedanken.

    • Danke Dir. Die kommenden sieben Tage mit Beerdigung und Familienschmerz werden sicher nochmal quälend.
      Danach geht es dann hoffentlich wieder bergauf.

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