Eins nach dem anderen

Ich hab gerade so einen richtigen Lauf. Morgen um elf steh ich auf dem nächsten Friedhof am nächsten Grab. Zuletzt nach meiner Mutter ist jetzt meine Patentante an der Reihe; inzwischen der fünfte Todesfall 2016 in meinem nächsten Umfeld. Und soll ich Euch was sagen? Es sieht nicht gerade danach aus, als wäre das dann auch der letzte gewesen vor Silvester und Neujahr. Für meinen schwarzen Anzug hab ich jetzt ein Jahresabonnement in der Reinigung abgeschlossen. Da spar ich mir ein paar Hunderter.

Mein Arbeitgeber hat schon angekündigt, dass ich für die nächste Beerdigung keinen freien Tag mehr genehmigt bekomme. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn mittlerweile habe ich einige der Trauergäste öfter getroffen als zuvor über die vergangenen fünfzig Jahre hinweg. Inzwischen fühlt sich das fast schon so an wie die Dreharbeiten zu einem Film. – „Beerdigungsszene, die fünfte. Klappe!“

Das Leben kann manchmal makabrer sein als schlechte Bestatterwitze. Bei der vorletzten Beerdigung – der meiner Mutter, Klappe, die dritte! – stolperte nämlich einer der Trauergäste beim Niederlegen seines Blümchens und stürzte bäuchlings mitten auf das Grab. Wäre es keine Urnenbeisetzung gewesen, so wäre er in der Grube auf dem Sarg gelandet. Wie in einem schlechten, oberbayerischen C-Movie: Die Schmeißfliegen surren; Schweißbäche rinnen in Großaufnahme an Schläfen hinab; rotadrige Augäpfel ganz nah, die vom ewigen Enziansaufen wässrig geworden sind; und auf einmal – krach, Herrgott, hilf! – der Trauergast stürzt hinab in die Grube. Bestürztes chorales Seufzen, dann Schweigen, wieder Fliegensurren.
Aber der trockene Handkantenschlag ins Genick, der kommt noch. Aufgepasst & Vorsicht! Dieser Gast, der da auf dem Grab meiner Mutter landete, das war nämlich die besagte Patentante, die wir morgen unter die Erde bringen.

Da sag noch mal einer, mein Leben wäre kein C-Movie.

||||| 4 Gefällt Dir? |||||

18 Kommentare

    • Das, in der Tat, sollte ich tunlichst vermeiden! Oh Gott, mein Herz!

    • Nachtrag: Glück gehabt. Keine Katastrophen, keine bösen Omen. Die Tant‘ ist begraben, der Schnaps auf ihr Wohl hinunter gekippt und alle wieder wohlbehalten zu Hause angekommen.

  1. Ziemlich entsetzlich ist das alles … ich schaudere nicht leicht beim Lesen, aber diese Geschehnisse packten mich an. Ich hoffe wirklich sehr, dass jetzt erst mal Ruhe sein mag mit der Ewigen in Wortmischers Kreisen. Das ist wirklich schwer zu fassen …

    • Ja, in der Summe ist die Folge der Ereignisse tatsächlich zum Gruseln, und ich hoffe ja auch, dass da jetzt bitte Ruhe einkehren möge. Denn von der Elterngeneration bleiben jetzt in der Tat nur mehr zwei Personen: mein Vater mit 83 Jahren und der zur eben verblichenen Tant‘ gehörige Onkel mit 94 Jahren. Ich sag mal: Meine Zuversicht, dass da nicht bald noch ein Ereignis anstehen könnte, hält sich in Grenzen. – Aber Danke jedenfalls für die guten Wünsche! Ich nehm sie gern.

    • Schön wär’s. Statistisch gesehen, hab ich das Thema Todesfälle mit 2016 für die nächste Dekade abgehakt. Direkt märchenhaft: Denn wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch 2026!
      Das ist übrigens das Jahr, in dem ich aus dem Erwerbsleben ausscheiden werde, wie das so schön heißt. Aus Sicht des Gemeinwohles wäre es wünschenswert, danach möglichst bald das Zeitliche zu segnen, den Löffel abzugeben und ins Gras zu beißen. Aber bis dahin möchte ich bitte meine Ruhe haben.

    • Ich glaube, Du könntest durchaus mal eine Aufmunterung gebrauchen, mein lieber Wortmischer. Was ist denn mit Frau A. los? Oder muss etwa ich vorzeitig aus der Schweiz zurückreisen, um Dir den Gram auszutreiben?

    • Ach ja, so sind sie, die Frauen in meinem Leben: Du wanderst im Tessin herum, und Frau A. bereist die Toskana, derweil ich mich hier mit den Herbsten herumschlage ;-)

  2. Soviele Todesfälle kann man ja nur noch mit Humor nehmen. Dass die Patentante bäuchlings auf dem Grab der Mutter gelandet und jetzt als nächste gestorben ist, ist ja makaber. Wäre tatsächlich ein Plot für ein C-Movie. Oder anders: Gäbe es einen Gott, wäre er ein schräger Komiker. Ich hoffe für dich, lieber Wortmischer, der schwarze Anzug kann vorerst im Schrank bleiben.
    Beste Grüße!

    • Du hast ja so recht. Habe mich längst dazu durchgerungen, mich nicht mehr zu grämen, sondern alles was kommt mit einem (wenn auch grimmigen) Lächeln entgegen zu nehmen.
      Der schwarze Anzug ist trotzdem schon wieder in der Reinigung. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

    • Tja. Mein 2016 ist schon sehr durchwachsen, so Goethe-Egmont-mäßig: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt …

  3. 2016 ist wirklich kein gutes Jahr.
    Ich hoffe das nächste wird besser.
    Dir wünsche ich das ganz besonders- der Anfang scheint, zumindest in Herzensdingen, gemacht.

    • Ja, Gott sei Dank! Alles andere, ganz ohne Herzensfreude, wäre ja zum Trübsinnigwerden. (Ich freu mich über Deine guten Wünsche, danke :-)

    • Ach ja, es wird schon wieder irgendwann weitergehen, hier in der Wortmischerei. Ich werde halt gerade recht ausführlich vom echten Leben beansprucht, so dass mir die Muße und die Muse für die Schreiberei fehlen.

      Aber danke für Deine Ermunterung. Vielleicht sorgt die ja für einen baldigen Elanschub?

  4. Pingback: Einer nach dem anderen | Wortmischer

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.