Oh Tannenbaum!

Paris, Weihnachten1961

Egon kommt. Also nicht so, wie Sie jetzt wieder denken. Denn Egon ist weder Papst noch Pornodarsteller sondern ein vom Wetterdienst angepriesener Wintersturm. Und so bläst Egon also hier um die Ecke und rüttelt an den Rollläden. Auf fünf Uhr hab ich mir den Wecker gestellt, um nachzusehen, ob Egon womöglich auch ein bisserl Schnee mitgebracht hat. Aber als ich mit kleinen Augen nach draußen lure, ist da nichts Weißes zu sehen. Nasser Asphalt, schwankende Baumwipfel, sonst nichts. Es bleibt mir also erspart, mich als Vertretung unseres Hausmeisters an meinen Arbeitsplatz zu begeben, um dort mit der Kehrschaufel für verkehrsfähige Wege zu sorgen. Gott sei Dank, ich kann mich nochmal für knapp zwei Stunden aufs Ohr legen.

Unten vor dem Haus sehe ich den Nachbarn aus dem Dritten mit seinem Weihnachtsbaum über den Hof gehen. Er schleppt den Baum in die Ecke, in der schon fünf oder sechs andere Nadelgerippe liegen. Bevor die alle komplett eintrocknen und die Nadeln verlieren, sollte die mal jemand rüber zum Opel-Zoo bringen, wo sich die Elefanten über die Delikatesse freuen. Also geh ich rasch nach unten, hab ja noch ein bisschen Zeit. Als ich mit der Gartenschere die Tannenzweige von den Stämmen knipse, bermerke ich, dass ich noch im Schlafanzug bin und nur ein Paar ausgetretene Crocs an den Füßen trage.

Aber kalt ist mir gar nicht bei der Arbeit mit den Tannenbäumen, die allesamt gar keine Tannen sind sondern Fichten. Fichtennadeln pieksen. Aber die Elefanten werden sich sicher trotzdem freuen, denke ich. Und schon bin ich auch fertig mit dem Entasten. Ich lege die nackten Stämme auf den Anhänger und decke sie mit den Zweigen ab. Aber als ich den Hänger an meinen Wagen andocken will, stelle ich fest, dass das nicht mein Auto ist, das dort auf meinem Stellplatz steht. Und dass das Ding auch gar keine Anhängerkupplung hat. So ein Mist!
Also zerre ich den Hänger hinter mir her bis zur Straße, wo sogleich eine freundliche Autofahrerin anhält und fragt, ob sie mir helfen könne. Gut schaut die aus, denk ich im Stillen und wundere mich überhaupt nicht, warum die Frau hinterm Steuer nur weinrote Unterwäsche trägt.

Ja, antworte ich, gerne! Und schon habe ich den Hänger an ihrem Auto befestigt und setze mich neben der Wäschedame in ihren Wagen. Ich brauche gar nichts zu sagen, sie weiß auch so, dass das Geäst zum Opel-Zoo soll. Klar, die Elefanten freuen sich, das weiß auch meine schöne Begleiterin. Als wir am Zoo ankommen, muss ich das Vorhängeschloss aufbrechen, weil es noch mitten in der Nacht ist und niemand auf unser Klingeln reagiert hat. Aber das macht nichts. Wir finden unseren Weg zum Elefantengehege auch ohne Hilfe.

Dort stehen wir dann, werfen den begeistert trompetenden Tieren Nadelgehölz zu. Trotz der Winterkälte geraten wir dabei ins Schwitzen und entledigen uns der wenigen Kleidungsstücke, die wir tragen. Dann nehmen wir uns gegenseitig in die Arme, und natürlich kommt es, wie es kommen muss …

~

Kann mir mal jemand sagen, was man in zwei Stunden für einen kompletten Schmarrn träumen kann, bevor einen der Wecker mit einem Ton, der einem Elefantenrüssel zu entströmen scheint, zum zweiten Mal in der gleichen Nacht aus dem Schlaf reißt und man feststellen muss, dass Egon da draußen inzwischen doch eine ganze Menge Schnee verteilt hat?

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6 Kommentare

  1. Was für ein wunderbarer Traum! Ist die Dame in Rot vielleicht ein Platzhalter für den Weihnachtsmann und ist es in Wahrheit eine Weihnachtsfrau? Ist das Zuführen der Bäume einer schmackhaften Nutzung möglicherweise eine Anklage an Weihnachtskommerz, Abholzungsindustrie und dass die Sache mit den unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen auch nächstes Jahr für Aufregung sorgen wird?
    Hach, Traumdeutung könnte mein Steckenpferd werden!

    • Die Weihnachtsfrau, meinst Du? Ach, Du liebes bisschen … Also, wenn die Weihnachtsfrau und ich … dann … ja, dann wär‘ ich ja der Weihnachtsmann! Aber das kann doch gar nicht sein. – Obwohl?

      (Zu schade, dass ich mich so gut wie nie an meine Träume erinnere. Sonst könnte ich sie alle hier erzählen und deuten lassen.)

  2. Sie wollen gar nicht wissen, was mir alles untergekommen ist im Traum! Von Kühen, die sich über eine Brücke ins Tal stürzen, bis zum privaten Treffen mit dem scheidenen Präsidenten Obama und meinem Baby, das in einem Dessertschüsserl ertrinkt, ist alles drin.

    Weinrote Unterwäsche? Ist es nicht Tradition in Italien, Frankreich und Spanien rote Unterwäsche zu tragen an Silvester? Das soll Glück bringen. Und das haben sie mit ihrer neuen Dame des Herzens …

    • Träume sind (meistens hoffentlich?) Schäume. Obwohl sich die Elefanten schon sehr über die harzigen Lutscher gefreut haben.

      Und diese Sache mit der roten Unterwäsche gilt zumindest in Spanien in der Neujahrsnacht tatsächlich als unabdingbarer Glücksbringer ;-)

    • Übrigens, die Tierpfleger im berühmten Tierpark Schönbrunn sammeln Elefantenknödel ein und machen damit Geschäfte. Die Elefantenknödel gibts in Kübeln zu kaufen, als Dünger von den gern besuchten Lieblingen im Tierpark. – Wirklich wahr.

    • Jetzt, wo Sie das so sagen, befürchte ich, in einen meiner nächsten Träume auch noch diese Elefantenknödel eingebaut zu bekommen. Wahrscheinlich bin ich dann so ein Mahut, der sein Taschengeld mit den Bollern seiner Rüsselfreunde aufbessert. – Ich ahne Schlimmes!

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