Verwählt

Janosch: Das kam noch nicht vor.

„Um ein anständiger Mensch zu bleiben, muss man zunächst anständig sein. Das kam aber noch nicht vor.“ – Da hilft nur eines: Man wechselt seine Identität und wird ein ganz anderer Mensch.

~

Telefon: Dingelingeling! – (Klaus nimmt den Hörer ab.)

Klaus: Ja bitte?

Stimme am Telefon: Maria! Ich bin’s. Entschuldige, dass ich noch so spät anrufe, aber …

K: Moment, bitte. Sie haben sich verwählt.

S: Verwählt? Ich habe mich verwählt?

K: Ja.

S: Bist Du sicher?

K: Natürlich bin ich sicher. Hier gibt es keine Maria.

S: Und es wäre nicht möglich, dass Du Dich täuschst und in Wirklichkeit Maria heißt?

K: Hören Sie mal, wie sollte ich mich bitte ein einer solchen Angelegenheit täuschen.

S: Na ja, es ist nämlich so, dass ich mich so gut wie niemals täusche. Das letzte Mal war im Jahr 2005, als ich dachte, es wäre kompletter Schwachsinn, dass Mobiltelefone eine Kamera hätten, dass das ja überhaupt keinen Sinn macht.

K: Tja, dann ist Ihre Strähne jetzt wohl gerade zu Ende gegangen. Sie haben sich in der Telefonnummer getäuscht. Und in der Person.

S: Du bist also nicht Maria? Meine Cousine Maria?

K: Was für ein Quatsch! Ich heiße Klaus, nicht Maria.

S: Klaus? Bist Du sicher? – Ich meine, ich weiß ja, dass Maria ziemlich zerstreut ist, und …

K: Nein, ich heiße Klaus. Schon mein ganzes Leben lang.

S: Und Deine Freunde? Deine Familie? Nennen die Dich alle Klaus?

K: Na ja, nicht immer. Manchmal nennen sie mich auch Maria, aber nur als Scherz. Mein zweiter Vorname ist nämlich Maria. Das war früher so üblich bei uns in Bayern, und meine Eltern …

S: Sieh an! Maria! – Sag mir, Maria, bist Du verheiratet? Heißt Dein Mann zufällig Herbert?

K: Ach was, ich bin Junggeselle. Ein eingefleischter Junggeselle.

S: Würdest Du mir einen Gefallen tun, Maria? Du bist doch zu Hause.

K: Ja, bin ich. Aber hören Sie bitte auf, mich Maria zu nennen. Das macht mich ganz nervös.

S: Bist Du alleine, Maria?

K: Verdammt nochmal, ich heiße nicht Maria. Und ich bin auch nicht alleine. Es sitzt jemand neben mir auf dem Sofa.

S: Aha. Dann frag diesen jemand doch bitte, wie er heißt.

K: Mannomannomann. – Er sagt, er heißt Herbert.

S: Siehst Du? Natürlich bist Du Maria. Und mit Herbert verheiratet.

K: Jetzt komm ich aber echt ins Grübeln. Der Mann neben mir hat gerade gesagt „Was ist denn los mit Dir, Maria?“.

S: Ich hab es Dir ja gesagt. Du warst schon immer ein bisschen zerstreut, Maria.

K: Aber vielleicht meint dieser Herbert mit Maria nicht mich sondern Sie?

S: Ich heiße nicht Maria. Ich bin Claudia, Deine Cousine.

K (grüblerisch): Claudia … wer ist Claudia. Ich war total davon überzeugt, dass ich Klaus heiße.

S: Also, wir sind ja jetzt schon zwei gegen einen. Herbert und ich sind dafür, dass Du Maria bist.

K: Jetzt hören Sie mal! So eine Sache kann man doch nicht per Abstimmung entscheiden.

S: Maria. Denk einmal nach. Wie heißt Dein Kind?

K: Aha, da haben wir es doch. Ich habe keine Kinder!

S: Sei so nett, Maria, schau im Kinderzimmer nach.

K: In welchem Kinderzimmer …

S: … na ja, in irgendeinem Zimmer, in dem vielleicht ein Kinderbettchen steht.

K (legt den Hörer beiseite): Kruzifümferl nochmal …

K (konsterniert): Tatsächlich. Nebenan liegt ein Kind im Bett.

S: Na also.

K: Aber ich weiß nicht, ob Junge oder Mädchen.

S: Ein Mädchen, Maria. Glaub mir, ein Mädchen. Oder frag einfach Herbert, wenn Du mir nicht glaubst.

K: Hm, woher soll ich wissen, dass Sie beide keine Komplizen sind, die mir weismachen wollen, ich sei Maria und nicht Klaus?

S: Hör mal, welches Interesse sollte ich denn daran haben.

K: Was weiß denn ich … Welche Nummer haben Sie eigentlich gewählt?

S: Selbstverständlich Deine Nummer, Maria.

K: Und wie lautet meine Nummer?

S: Na, so wie ich sie gewählt habe!

K: Nein, sagen Sie mir jetzt, welche Nummer Sie gewählt haben.

S: Herrgott, das ist doch ganz egal!

K: Nein, das ist eben nicht egal.

S: Na gut, na gut. Du hast recht. Ich sehe gerade, ich hab mich tatsächlich verwählt. Ich rufe vom Festnetz an und muss mich irgendwie beim Ablesen vom Handy vertippt haben.

K: Aha! Ich bin also Klaus. Klaus und nicht Maria!

S: Ja, Klaus, meinetwegen. Was weiß denn ich. Ich kenn Dich doch überhaupt nicht. Woher soll ich denn wissen, wie Du heißt?

K: Puh, was hab ich mich erschreckt. Ich dachte schon, mein ganzes Leben wäre ein Traum gewesen. Wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Ein guter Mensch? Ein schlechter? Wir sind doch alle nur Spiegelbilder unserer Erinnerung …

S: Jetzt lass das. Ich hab doch gesagt, ich habe mich verwählt. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich mich täusche. Da werde ich eben manchmal ein wenig übergriffig. – Mannomann, das erste Mal seit 2005. Verflixt.

K: Seit 2005, sagen Sie. Unglaublich. Sie täuschen sich nie? Niemals? Wie ist das denn beim Lottospielen?

S: Beim Lotto behalte ich natürlich auch immer recht. Ich sage jede Woche „mich trifft es nicht“. Und tatsächlich trifft es mich nicht.

K: Das ist ja unglaublich!

S: Egal, ich lege jetzt auf. Wiederhören. Oder besser: Auf nimmer Wiederhören.

K: Hören Sie, eine kleine Sache noch. Was mache ich mit dem Kind im Nebenzimmer und dem Mann auf meinem Sofa?

S: Ach ja, Herbert und die kleine Maus. Ich rufe gleich bei Maria an, sie soll die beiden bei Dir abholen.

K: Der Mann frisst mir die Chips weg.

S: Typisch Herbert. Wahrscheinlich hat er Hunger.

K: Beeilen Sie sich bitte. Rufen Sie Maria an. Und verwählen Sie sich nicht.

Freitagstexter-Pokal

Es war ja wieder so schwierig. Manchmal denk ich, es ist ganz gut, dass nicht gar so arg viele Leut mitmachen bei der Freitagstexterei. Sonst wüßt ich ja gar nicht mehr, wem ich den Pokal für die nächste Runde zuwerfen soll.
In den letzten fünf Tagen haben sich tatsächlich fünf Kommentatoren gefunden, denen etwas zu meinem Reifenhändler-Foto eingefallen ist. Eine(r) pro Tag, das ist doch was, oder?

Interessant ist allerdings, dass dieser Freitagstexter eine Frauenquote erreicht hat, um die mich wahrscheinlich sogar die Emma-Redaktion beneidet: 80 Prozent weibliche Texter? Holla hossa! Nur Hubbie, der ja schon zum Inventar der Texterei gehört, hat sich als einziger Mann unters Weibervolk gemischt. Und der hat kein eigenes Blog. Also ist schon mal klar, dass der Goldpott heute an eine Frau geht.

Vieleicht an Hele mit dem dem Black-Friday-Schnäppchen? Oder an La-Mamma mit dem reifen Gesichtsausdruck? Oder an Lakritzes aufgeblasenes Profil? Oder gar an Aurorula a., die uns Englischnachhilfe gibt? …

Wisst Ihr was? Ich halte mich einfach an …

Angst vor Löchern?

Englisch für Fortgeschrittene (Lektion 78):
„I am tired“ = „Ich bin gerädert“

… den Herr Nömix, der schon am Samstag den Publikumspreis vergeben hat. Und zwar an die Lektion 78 von Aurorula a.: tired – tire – gerädert, das werde ich nie mehr vergessen!

Übermorgen, am 1. Dezember, geht es also weiter beim Kleinen Südlicht. – Stellt die Mantelkrägen hoch, zieht die Wollmützen über; ab Freitag weht uns eine eisige Nordseebrise ins Gesicht!

Zum nächsten Freitagstexter!

Zebra hatte kurze Beine

Valley-Riders; Laimer Brösel; Copyright 2017; wortmischer.gedankenschmie.de

Mein Besuch unlängst in Turin hat die ganzen Geschichten wieder in meinen Gedanken hochkochen lassen. Es ist aber auch zu unwahrscheinlich, dass der reine Zufall mich über dreißig Jahre nach der apokalyptischen Frankreichreise der Valley-Riders wieder an die gleiche Stelle zurückführte, an der die Laimer Brösel damals einem Ende entgegen strebten. Das hat schon eher ‘was von Karma.

~

Nach der Trennung von Handy, Rita und dem Rest der Truppe im Sommer 1986 hatte ich mich ans Mittelmeer durchgeschlagen und dort ein paar Holländer getroffen, denen ich mich in Richtung Italien anschloss. Luuk, Finn, Daan, Tess und Merle waren zu fünft in einem rostigen, handbemalten VW-Bus, einem Relikt aus den Siebziger-Hippie-Zeiten unterwegs, in dem mengenweise loses Gepäck, Konservendosen, volle und leere Flaschen während der Fahrt zwischen den Passagieren umher rutschten und rollten.
Übernachtet wurde in Grüppchen: Tess und Daan waren ein Paar, Finn und Luuk vom anderen Ufer. Diese vier teilten sich je zu zweit ein kleines Zelt, während Merle, die ohne Boyfriend unterwegs war, auf der Rückbank des Busses schlief. Ich legte meinen Schlafsack meist unter die Markise des Busses, direkt neben die offen stehende Schiebetüre. Wie so eine Art Wachhund. Vielleicht knurrte ich ja nachts im Schlaf?

Grrrff!

Wir gondelten schlingerten die Côte d’Azur entlang in Richtung Osten. Selten schafften wir mehr als dreißig oder vierzig Kilometer am Tag. Wir schliefen lang, so lange jedenfalls, wie die Hitze es zuließ, begannen die Tage mit Kaffee, Joints und Croissants. Meist hatten wir mittags schon ein, zwei Bier intus, bevor wir uns auf den Weg machten. Abends Bier & Wein, noch mehr Joints (die Holländer hatten schier unerschöpfliche Gras-Vorräte unter der Rückbank des Busses gebunkert), Witze und Geblödel, bis irgendwann alle zu ihren Schlafplätzen torkelten oder krabbelten.
Die Holländer sangen viel. Luuk spielte Gitarre, und sie kannten alle die Texte auswendig. Ich sang nie mit. Allein schon, weil ich weder Niederländisch sprach noch singen konnte. Aber ich hörte den anderen gerne zu. Besonders Merle hatte eine glockenklare Altstimme, die mir eine Gänsehaut den Rücken hinunter laufen ließ. Vor allem einen Song von Bram Vermeulen mochte ich: Jij En Ik. Natürlich verstand ich kein Wort, aber irgendwann kapierte ich immerhin, dass das „du und ich“ hieß. Immer wenn dieses Lied gesungen wurde, schaute ich über das Lagerfeuer hinweg rüber zu Merle und versuchte ihren Blick einzufangen.

Merle. Sie hieß zwar wirklich so, und ich dachte zu Anfang, der Name hätte etwas mit dem französischen Wort für Amsel zu tun. Eine Singamsel war das Mädchen auf jeden Fall.
Im echten Leben, also jenseits aller Vorstellungsrunden, wurde Merle aber von den anderen Vieren nur Zebra genannt. Eigentlich fies, denn das Mädchen litt an Vitiligo, im Volksmund auch Weißfleckenkrankheit oder Scheckhaut genannt. Überall auf dem Körper hatte sie helle Flecken und Streifen, die sich von der Sonnenbräune ihres Körpers auffällig absetzten. – „Zebra“, das traf es ziemlich gut, und Merle nahm nicht den geringsten Anstoß daran, so gerufen zu werden.
(Sie war für ihre fünfundzwanzig Jahre ohnehin eine enorm selbstbewusste junge Frau, und dass sie an Vitiligo „litt“, wie ich schrieb, ist nicht richtig. Merle litt nämlich nicht unter ihrer äußerlichen Besonderheit. Eher schon kokettierte sie damit. Irgendwann fragte sie mich sogar, ob ich nicht neugierig sei, ob sie diese Flecken überall am Körper hatte.)

Zebra hatte kurze Beine. Kurze Beine, die in zwei runde Hinterbacken mündeten. Das gefiel mir. Lange Beine „bis zum Himmel“, so wie sie das geltende Schönheitsideal vorschrieb und -schreibt, haben mich nie angemacht. Ich sah Zebra gerne nach, wenn sie in Flip-Flops, Bikinihöschen und T-Shirt auf ihren Wunderstumpen irgendwohin schlenderte; auf die Toilette oder zum Camping-Supermarkt, um Nachschub an Dosenbier oder Nudeln zu besorgen.
„Glotz nicht so!“ Daan grinste mir zu, boxte mir in einer Spaßgeste auf den Oberarm und hielt mir eine Dose kalten Kronenbourgs hin, die er aus der Kühlbox geangelt hatte, aus dem Schatten neben dem VW-Bus. „Trink lieber noch ein Döschen, das hilft.“ Sein meckerndes Gelächter, das nun wie so oft während der Reise folgte, werde ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen.
Aber ich wollte mich gar nicht besaufen. Ich hatte echt Spaß daran, Zebra auf den Hintern zu starren. Ein echter Hingucker, dieses Mädchen. Und im vergangenen Jahrhundert dachte noch niemand daran, einen #MeToo-Aufschrei loszulassen, wenn ihr ein Kerl hinterher schaute.

Natürlich merkte Zebra, dass sie mir gefiel. Aber sie tat nichts dafür, mich auf andere Gedanken zu bringen. Im Gegenteil, wenn sie wusste, dass ich sie ansah, bewegte sie sich besonders aufreizend, so bildete ich mir das zumindest ein.
Außerdem versäumte sie es nie, mich morgens in meiner Hundehütte meinem Schlafsack vor dem Bus aufzuwecken, bevor sie langsam und mit wiegendem Hintern von unserem Standplatz zum Waschraum schlappte.
Wenn abends ein Joint die Runde machte, gab ihn Zebra immer an mich weiter, nachdem sie einen tiefen Zug genommen hatte und dabei den Blickkontakt mit mir nicht abreißen ließ.
Natürlich bekamen die anderen mit, dass Zebra und ich uns anhimmelten. Einen unserer besonders langen Schmachtblicke kommentierte Tess, die an diesem Abend schon völlig breit und hin & weg war, mit einem berüchtigten Fernsehzitat: „Zegt u het maar neuken!“ Daraufhin brachen alle in wieherndes Gelächter aus, nur Zebra lief zartrosa an und bewarf die Freundin mit ihren Flip-Flops.

Später klärte mich einer der Jungs auf, dass damals ein niederländisches Reporterteam durch die Innenstädte spaziert war und Passanten vor laufender Kamera lautstark dazu aufgefordert hatten, Ihnen ein Reizwort nachzusprechen. Ganz Holland lachte wochenlang über die unsäglichen Reaktionen der Angesprochenen:

„Jetzt sagen Sie doch einfach mal FICKEN!“

Es war (Merle, ihren Freunden, mir und wahrscheinlich auch längst Euch) klar, dass Zebra und ich zueinander fanden. Irgendwann waren wir soweit, die Rücksitzbank des Busses jeden Abend umzuklappen und das Gefährt sanft in die Nächte hinein schaukeln zu lassen.
Auch tagsüber, während der kurzen Fahrten von Standort zu Standort, schloss sich Zebra mir an, überließ den zwei anderen Paaren den zugemüllten Bus und fuhr hinten auf meinem Bike mit; in abgeschnittenen Jeans-Shorts und T-Shirt.

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Es waren wunderbare, träge dahin kullernde Tage und Wochen, in denen wir in kurzen Etappen von Campingplatz zu Campingplatz zogen, schließlich bei Ventimiglia nach Italien hinüber kreuzten, alle französischen Francs in italienische Lire umtauschten und mit einem Schlag Millionäre waren.
Außer Währung und Sprache änderte sich nicht viel. Der Rotwein hieß jetzt nicht mehr vin rouge sondern vino rosso. Außerdem tranken wir den zweiten Kaffee morgens ab jetzt mit einem Schuss Amaretto.

Immer die ligurische Küste ging es entlang: San Remo, Savona, Rapallo und irgendwann Pisa, wo wir ins Landesinnere abbogen, um uns über Florenz in Richtung Verona zu halten. Aus nicht mehr so ganz nachvollziehbaren Gründen knickte dort unsere Route zurück nach Westen ab, und eine Woche später landeten wir in Turin.
Ich glaube mich zu erinnern, dass Finn und Luuk schwule Freunde in der italienischen Stadt am Po hatten. Nur so kann ich mir erklären, warum wir letztlich dort in einer Wohnung landeten, in der ein Claudio und ein außergewöhnlich weiblich wirkender junger Mann namens Guglielmo zusammenlebten.

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Wie gesagt, genau diese Wohnung und auch die beiden Schwulen hatte ich per Zufall über dreißig Jahre später wiedergefunden. Wieso konnte ich mich an die beiden erinnern, Claudio und Guglielmo jedoch ihrerseits nicht an mich?
Nun ja, zum einen hatte ich den Standortvorteil; ich kannte ja die Wohnung, auch wenn sie in den Achtzigerjahren ziemlich chaotisch, völlig anders eingerichtet und dekoriert war als heute. Und zum anderen hatte mein damaliges Ich sehr wenig mit dem zu tun, das man heute sieht, wenn man mir gegenüber steht.
1986 muss ich wohl um die einhundertzehn, -zwanzig Kilo gewogen haben, bei über eins neunzig in Stiefeln, mit breiten Schultern und Stiernacken. Die langen Haare hatte ich zu lockeren dünnen Zöpfen geflochten, die ich mit mehreren Lederriemchen in einen dicken Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Den Rest des Schädels hatte ich kahl rasiert oder ließ ihn haarstoppelig. Dazu kam ein breiter Fu-Manchu-Bart, das „Tier unter den Schnauzern“, fies und wild wie Hulk Hogan. Meine Kleidung bestand aus ölfleckigen Jeans, T-Shirts und einer Jeanskutte mit einem Valley-Schriftzug auf dem Rücken. – Alles in allem: Keine angenehme Erscheinung, kein Kerl, dem man nachts gern allein im Finstern begegnet wäre.

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Guglielmo und Claudio feierten von Donnerstag bis Sonntag durchgehende Partys in ihrer Wohnung. Alkohol floss in Strömen, und es waren auch viele, viele bunte Smarties zu haben, wenn man das nötige Kleingeld dafür einstecken hatte oder einen solventen Gönner fand. Alles normal für die damalige Zeit. Lucy In The Sky With Diamonds.
Gäste kamen und gingen, es tauchten Typen auf, die niemand kannte, nicht einmal die beiden Chefs. Ich erinnere mich an zwei schmierige Italo-Kerle in schwarzen Klamotten und mit pomadigen Brisk-Frisuren, die irgendwann in den frühen Morgenstunden an unserem zweiten Wochenende in Turin aufkreuzten.
Die beiden waren fiese Gestalten, die nicht nur mir unangenehm auffielen. Offenbar waren sie auf Streit aus. Erst legten sie sich mit Claudio an, indem sie ständig Guglielmos „weibisches Gehabe“ nachäfften. Und dann verstiegen sie sich in abartige Kommentare über Zebra, „das Streifenvieh“, la bestia zebrata.
Luuk und Finn merkten, dass mein Blutdruck rasch in Richtung zweihundert stieg, und wollten Merle und mich aus der Wohnung bugsieren. Aber dafür war es zu spät.

Als einer der geifernden Pomadenheinis Merle an die tette striate griff, hatte er Sekunden später meine Faust im Hals stecken. Sofort hielt der andere ein Klappmesser in der Hand und ging damit auf mich los. Claudio wollte dazwischen, bekam aber einen Messerschnitt am Oberarm ab. Blut spritzte, Guglielmo kreischte hysterisch. Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf ich zunächst den Messerstecher massakrierte und anschließend noch drei weitere Freunde der schmierigen Mischpoke in Arbeit nahm, bis sie alle mit blutigen Nasen reglos auf dem Fußboden lagen.

La pula! – „Die Bullen!“, schrie irgendjemand. Daan zerrte mich die Treppe nach unten, bevor ich in meinem Adrenalinschub noch mehr Unheil hätte anrichten können, und gerade als ich auf der Yamaha saß, stoppten zwei Polizeiautos vor der Haustüre und acht Carabinieri stürmten das Treppenhaus. Wir machten uns ohne Umschweife aus dem Staub.

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Tatsächlich gelang es allen fünf Holländern und mir, aus Turin heraus zu kommen, ohne von der Polizei aufgehalten zu werden. Ich folgte dem VW-Bus, bis wir an der Autopista nach Mailand an einem Rastplatz anhielten. Merle schlotterte am ganzen Leib, als ich sie in die Arme nahm. Das war ein bisschen zu viel für sie gewesen in der letzten Stunde.
Wir beschlossen, Italien so schnell wie möglich zu verlassen. Niemand hatte Lust, in polizeiliche Ermittlungen verwickelt zu werden; Luuk war geradezu elektrisiert wegen der verbliebenen Grasreserven unter der Rückbank.
Nach einigem Hin und Her packte Zebra ein paar Sachen in meine Reisetasche, mein Schlafsack musste im Bus zurück bleiben. Die vier anderen wollten an Turin vorbei direkt in Richtung Norden, auf kürzestem Wege über den Sankt Bernhard in die Schweiz. Zebra und ich fuhren auf der Yamaha ins Morgengrauen hinein weiter über Mailand und dann nach Norden, am Ostufer des Lago Maggiore entlang bis Tenero, ebenfalls in der Schweiz, kurz hinter der italienisch-schweizerischen Grenze.
Dort blieben wir eine Nacht auf einem großen, unglaublich sauberen Campingplatz. Am nächsten Tag fuhren wir sehr früh morgens weiter, durch den Sankt-Gotthard-Straßentunnel, der erst ein paar Jahre zuvor eröffnet worden war. Ich spüre es noch heute: Es war glühend heiß im Tunnel, an die vierzig Grad.

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Spät nachts kamen Zebra und ich – nach mehr als fünfhundert Kilometern Fahrt zu zweit auf einer kurzen Motorradsitzbank – gerädert in München an. Wir verbarrikadierten uns regelrecht in meiner kleinen Laimer Wohnung: Niemand bekam mit, dass ich nach monatelanger Abwesenheit zurück war. Weder meldete ich mich bei meiner Familie oder meinen Schulfreunden, zu denen ich damals ohnehin nur losen Kontakt gehalten hatte. Noch schaute ich im Valley vorbei, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was aus meinen Biker-Freunden nach der Episode am französischen Atlantik geworden war.
Mein Telefonanschluss war ohnehin stillgelegt worden, nachdem ich seit Mai keine Rechnung mehr bezahlt hatte.

Wir taten, was uns in jener Zeit am meisten interessierte: Wir erforschten die Zebrastreifen an den Stellen des Körpers meiner Freundin, die normalerweise kein Tageslicht sahen. Und wenn uns doch einmal die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, fuhren wir hinaus an einen kleinen, wenig bekannten Badesee im Norden Münchens oder mischten uns in einem der großen Biergärten der Stadt unters Volk.

~

Ich frage Euch: Was glaubt Ihr, wie lange kann das gut gehen? Wie viele Wochen oder Monate können zwei junge Menschen so ein Leben aushalten? Wie lange dauert es, bis Unzufriedenheit und der Wunsch nach früher Altbewährtem oder nach gänzlich Neuem diese zwei Menschen rastlos werden lassen?

In unserem Fall dauerte es bis September, bis der Sommer zu Ende ging und uns die kühlen Herbstnächte noch mehr als bis dahin in meiner Bude einschlossen. Am Montag nach dem ersten Oktoberwies’n-Wochenende stand Zebra mittags in meiner Wohnküche, als ich aus dem Bad kam und Kaffee aufsetzen wollte. Sie hatte einen Jutebeutel mit ihren Habseligkeiten geschultert.
„Ich muss gehen, Brösel“, sagte sie tonlos, mit Tränen in den Augen.

Da sind diese Momente im Leben, in denen man weiß: Etwas muss geschehen, etwas muss sich ändern. Es kann nicht so weiter gehen wie bis dahin. Da kann man noch so verliebt (gewesen) sein, irgendwann wird das weniger wichtig, der Rest der Welt dafür wieder um so mehr.

Zebra-Merle wollte zurück nach Heerlen. Zurück zu ihrer Familie, zu ihren Freunden, in ihr altes, bewährtes Leben. Und ganz ehrlich: Auch ich vermisste mein früheres Leben. Ich wollte endlich wissen, was aus Handy, Rita und den anderen geworden war. Und ich wollte im November einen neuen Anlauf auf mein Informatikstudium nehmen.
Unsere Leben trennten sich an dieser Stelle, auch wenn das weh tat. Wir waren ein gutes Vierteljahr gemeinsam gegangen. Wir waren uns nicht über, ganz gewiss nicht. Aber jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an einer Weggabelung unterschiedliche Richtungen einzuschlagen.

Mach es gut, Merle …

Merle 1986

Laimer Brösel

Direkt zu den einzelnen Kapiteln: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9

Für alle, die neugierig auf die Gestalten aus den Laimer Bröseln sind, gibt es eine kleine Galerie mit Portraitzeichnungen von Rita und den Jungs aus dem Valley.

Freitagstexter: Wer schreibt, dem bleibt nichts erspart.

Jetzt ist es schon wieder passiert: Vor zwei Tagen, am Mittwoch, entschied sich der geschätzte Herr Nachbar Kulturflaneur dafür, mir „die goldene Wandertuba“, … äh, also den Freitagstexter-Pokal, in die Hände zu drücken, weil ich japanische Kriegstubas mit einem Gottestelefon verwechselt hatte. Das ist ja auch mit das Schöne am Freitagstexter: Man lernt nie aus!
Jedenfalls: Sehr herzlichen Dank für den Pott!

Also heißt es jetzt, ein Bildchen für die nächste Runde auszustellen. Mal sehen, ob ich Eure Gehirnzellen damit massieren kann. Jedenfalls hoffe ich, keine(r) von Euch leidet an Trypophobie? (Damit Ihr auch in dieser Freitagstexter-Runde etwas lernt: Das ist die Angst vor Löchern; es gibt ja nichts, was es nicht gibt und vor dem man nicht Angst haben könnte.)

Angst vor Löchern?

Hier könnte Deine Bildunterschrift stehen.

So, dann aber mal los. Her mit den Assoziationen. Zeit für Eure Ergüsse bleibt nur bis zur kommenden Dienstagnacht, sobald die Geisterstunde anbricht. Aber zwischen null und ein Uhr will sich ohnehin niemand mehr das Foto da oben ansehen.

Mitmachen ist so einfach wie immer: Ruck zuck, schon bist Du dabei!

Ciao, bella ciao

Turiner Grabtuch

Frau A. reist gerne*. Sie wirkt schnell ein wenig unausgeglichen, wenn nicht mindestens eine Unternehmung mit wenigstens einer auswärtigen Übernachtung in der Planungs-Pipeline steckt. Mit festem Datum und Zielort. Mir soll das recht sein, zumal die Gefährtin freiwillig und unaufgefordert den gesamten Planungs- und Reservierungsteil der Reisevorbereitungen übernimmt. (Schließlich ist sie ja in der Reisebranche tätig. Da macht man sowas nebenbei mit links.)

Gianluigi Buffon

Ciao, bella ciao!

Während der Herbstferien wurde ich auf eine Fahrt durch die Schweiz nach Turin und weiter an den Lago Maggiore beordert. Turin natürlich wegen der Santa Sindone, diesem heiligen Schwitzlappen (siehe Abbildung oben), und wegen des ägyptischen Museums, der bedeutendsten Sammlungen altägyptischer Kunst und Kultur außerhalb von Kairo. Und natürlich wegen der „Alten Dame Juventus“, einem der ehrwürdigsten europäischen Fußballvereine, dessen Torhüter Gigi Buffon zu den Weltbesten gehört; und das seit dem vergangenen Jahrhundert.
Dieser Buffon, den ich persönlich nicht ausstehen kann**, auf den aber die Frauen abfahren wie einst Maria De Filippis im Formel-1-Boliden in Spa.
Dieser Buffon, der gerade heiße Tränen weint, weil die Squadra Azzurra ausgeschieden ist und er nicht zum sechsten Mal hintereinander und über zwei Jahrzehnte hinweg an der nächsten WM 2018 in Russland teilnehmen darf.
Dieser Buffon, der nächstes Jahr mit vierzig Lenzen und als Multimillionär in Rente gehen wird. – Mein Mitleid hält sich in Grenzen, aber das Heimstadion seiner Mannschaft, das wollte ich schon gern einmal sehen.

Der Lago Maggiore bot im Anschluss Unterkunft und Verpflegung bei Freunden, also musste lediglich für ein paar Tage in Turin eine Bleibe gefunden werden. Frau A. besorgte irgendwo im Internet eine private Bleibe, die ihr von Ortskundigen empfohlen worden war.

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An einem Samstagnachmittag schaukelten wir südwärts am Genfer See vorüber und querten den Großen Sankt Bernhard über die alte Passtraße, der Tunnel war gesperrt. Von da an ging es bergab. Bis nach Turin. Elli Pirelli*** leitete uns mit ihrer leicht quäkenden Stimme durch unbekannte Lande, bis wir im Turiner Stadtviertel San Donato unter Ellis Zielflagge hindurch fuhren.
Wir wurden schon erwartet. Zwei italienische Herren in meinem Alter stellten sich als Guglielmo und Claudio vor, Cousins, wie sie sagten. Doch das mit den Cousins kann man sehr schnell vergessen, wenn man die Altbauwohnung gesehen hat, in die sie uns führten; einen innenarchitektonischen Traum mit messingfarben lasierten Wänden, Kandelabern, metallic-goldenen Kissen, purpurnen Quasten und todschick kombiniertem Mobiliar.

Doch ich nahm das alles nur am Rande wahr. Ich war derart weggetreten, dass Frau A. mich später fragte, ob es mir denn nicht gefalle in der Mietwohnung. Das war es aber nicht, die Wohnung war ein absoluter Traum. Vielmehr hatte mich schon beim Anblick des Portals unten auf der Straße fast der Blitz gestreift: Ich kannte das alles: Die Straße, das Treppenhaus und sogar die beiden Kerle! Genau in dieser Wohnung muss ich vor zweiunddreißig Jahren schon einmal gewesen sein!

Damals, als ich nach der Apokalypse am Atlantik mit Merle und den Holländern durch Italien gurkte, hatten wir auch in Turin einen Aufenthalt eingelegt und tatsächlich in eben dieser Wohnung und mit eben diesen beiden schwulen Typen, Claudio und Guglielmo, ein ziemlich hartes Stück Orgie abgefeiert. – Vielleicht ist dieser Zufall die Gelegenheit, das noch fehlende Stück Geschichte der Laimer Brösel zu Ende zu erzählen?

(Die beiden italienischen Herren haben mich jetzt im Oktober übrigens & glücklicher Weise nicht wiedererkannt. Das wundert mich wenig, zumal ich vor drei Jahrzehnten sehr wenig Ähnlichkeit mit meinem heutigen Ich hatte. Aber auch davon wird in meiner letzten Brösel-Folge sicher noch die Rede sein müssen.)

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Meine Turiner Erlebnisse Mitte der Achtzigerjahre haben übrigens nicht (negativ) auf den Kurzurlaub vor ein paar Wochen abgefärbt. Die Stadt am Po hat einen sehr angenehmen Eindruck bei mir hinterlassen: entspannt, cool, ursprünglich und im Gegensatz zu vielen europäischen Großstädten – Barcelona, Paris, Mailand und Venedig eingeschlossen – touristisch geradezu unterentwickelt. Tolle Restaurants, moderate Preise, sehr viel Italienisch, kein Russisch und wenig Deutsch auf der Straße …

Ciao, bella ciao!

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*) Das ist jetzt nichts Neues für die paar Gäste, die im vergangenen halben Jahr hier vergeblich auf der Suche nach Lebenszeichen vorbei gekommen sind. Ich war ja ständig auf Achse.

**) Dieser Buffon hat sich vor gar nicht so langer Zeit mit unverkennbar faschistischen Aktivitäten hervorgetan, und sein geradezu ekelhaftes Machogehabe geht mir gehörig auf die Nerven.

***) Ich bin fast sicher: Alle Navigationssyteme haben eigene Namen. Die Stimme in der „Silberbüchse“, so heißt das Automobil meiner ehemaligen Familie, das jetzt von Hand zu Hand gereicht wird, hört auf den Namen Elli Pirelli. Nicht verwandt und nicht verschwägert mit Udo Lindenbergs Elli Pyrelli, auch wenn es durchaus stimmliche Parallelen gibt. (Unsere Elli stammt natürlich aus dem Mailänder Pirelli-Clan.)

Viktorianisches

Victoria & Abdul

Ich war letzthin mit Frau A. im Kino. Genauer gesagt war ich letzthin sogar zweimal im Kino. Aber über den ersten Film – Bullyparade – schreib ich lieber nichts. Es ist peinlich, wenn die wenigen guten Szenen eines Machwerks ausgerechnet die „Ausrutscher“ im Nachspann sind*. Lasst mich also lieber über den zweiten Film schreiben: über Victoria & Abdul.

Es ist spannend zu erfahren, dass die damals wichtigsteste Frau der Weltöffentlichkeit, durch die der Begriff „Viktorianisches Zeitalter“ (florierende Wirtschaft, britische Vormachtstellung) geprägt wurde, sich als Spleen, oder aus persönlichem Ungehorsam, oder meinetwegen sogar aus Verliebtheit einen Berater oder Munshi, wie sie Abdul Karim nannte, leistete. Auf heutige Verhältnisse übertragen wäre das so, als ließe Angela Merkel auf Schritt und Tritt einen syrischen Flüchtling neben sich herlaufen, sich von ihm im Arabischen unterrichten und ihn die Personalentscheidungen zur Besetzung der Regierungspositionen diskutieren. Und dafür zu sorgen, dass Cem Özdemir in den Mittleren Osten abkommandiert würde, um ihr eine echt syrische Zitrone zu bringen. (O-Ton Merkel: „Ich bin die Kaiserin von Syrien, also …“)

Fluch der Karibik

(By the way: best ZEIT-Cover ever!)

 
Eines jedoch ist klar, sowohl in der deutschen Wirklichkeit als auch in der britischen Vergangenheit: So sicher wie einst der Nachfolger von Frau Merkel, also der hessische König Bouffier, den syrischen Munshi zurück in die Wüste schicken würde, so schnell war auch Abdul Karim damals wieder in Indien gelandet. Als gebrochener Mann, wie man liest. Er konnte aus seiner royalen Bekanntschaft keinen Profit schlagen.
(Ich weiß nicht, ob das heute anders wäre. Also ob Frau Merkels Syrer womöglich einen gut dotierten Job zum Beispiel am Hofe von Kim Jong-un bekommen würde. Ich meine, alles ist möglich, wenn deutsche Ex-Kanzler Aufsichtsratschefs bei Rosneft werden können, oder?)

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Themenwechsel: Seit diesem Kinobesuch bin ich ein krasser Verehrer der Schauspielerin Judi Dench, die mit ihren 83 Jahren eine sagenhafte Queen Victoria abgab. Ich meine überhaupt: Wer über zwei Jahrzehnte hinweg in James-Bond-Filmen mitspielt, von Goldeneye bis Spectre, wer seit 1965 Rollen in über fünfzig der bekanntesten Filme** bekommt, wer für sechs Oscars nominiert wird und eben diesen Oscar zumindest einmal verliehen bekommt, wer zur Ritterin des britischen Adels geschlagen wird, die hat zweifellos die Schauspielerei direkt in den Genen verankert.

Victoria & Abdul lebt nicht zuletzt von Großaufnahmen der Gesichter seiner Hauptdarsteller. Die Augen von Judi Dench in dieser Verfilmung werde ich nicht so schnell vergessen. Großartig, was sie da leistet.
(Da macht es fast gar nichts, dass die Handlung des Films ein wenig langatmig ist und dass ich mich furchtbar über diesen depperten Abdul Karim aufgeregt habe, weil er sehenden Auges über den Tod seiner Gönnerin hinaus kein Schrittchen weiter gedacht hat und sich von seinen Gegnern alles kaputt machen lässt, ohne auch nur ansatzweise und rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen, um sein Hab und Gut in Sicherheit zu bringen, solange dafür noch Zeit war. So ein Trottel, meine Herren!)

Ein schöner Film insgesamt, den ich ganz bestimmt noch einmal ansehen werde, sobald er über die Streaming-Dienste verfügbar sein wird. Aber zuvor gehe ich lieber nochmal ins Kino und schau mir Tulpenfieber an, in dem Judi Dench eine umtriebige Klosteräbtissin gibt.
Und dann würde ich natürlich noch gerne die Verfilmung von Angie & Cem, dem Gras rauchenden Papageienflüsterer, zu Gesicht bekommen.

~

*) Zur Ehrenrettung der Bullyparade: Der Film hat immerhin dafür gesorgt, dass ich den felsenfesten Entschluss gefasst habe, mir unter gar keinen Umständen Fack ju Göhte 3 anzusehen. Selbstgeißelung ist nur etwas für stark religiöse Menschen, zu denen ich nicht gehöre.

**) Übrigens sogar in einer der Folgen von Fluch der Karibik.

Freitagstexter-Pokal

Am vergangenen Freitag kniete ich hier in abgerissener Kleidung auf den kalten Fliesen der Wortmischerei, einen zerknitterten Pappbecher vor mir auf dem Boden  stehend mit zwei oder drei Cent-Münzen darin, und bettelte um ein paar Kommentare zu einem Foto aus der beliebten Serie Freitagstexter – ein Bild – keine Limits.

Tatsächlich haben sich fünf Passanten meiner gleich zehnmal erbarmt und ein paar Worte in den Becher die Kommentare geworfen. Ich bedanke mich herzlich beim Herrn Vielfraß, Frau Lakritze, dem Bee, Frau Aururola und dem Christoph – Gott vergelt’s! – ¡Diós os bendiga!

Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Allerdings tauchte schließlich beim Lesen eines der Kommentare ein gruseliges Bild vor meinen Augen auf, das letztlich entscheidend war: Erich Honnecker und Helmut Kohl sitzen sich mit um die Knöchel schlackernden Hosenbeinen gegenüber, und der Kohl sagt zum Honni „Du kriegst nur Klopapier, wenn Du sofort, unverzüglich die Grenze aufmachst“. – Eine wahrhaft beschissene Lage für den Staatsratsvorsitzenden.

Dos vater

„Wie die deutsche Einheit wirklich entstand“

Dieser Untertitel stammt vom Herrn Bee, der Pokal geht also an die Zynæsthesie, und wenn Ihr dort vorbeischaut, werdet Ihr noch einen weiteren Grund finden, warum das diese Woche wirklich gut passt: Lest das Mantra und werft noch einmal einen Blick auf mein Freitagstexterfoto; dann wisst Ihr, woher die Planktonbisse stammen, von denen das Bee schreibt.

Vielen herzlichen Dank an alle, die mit Freude gelesen oder sogar mitgespielt haben. Wir treffen uns alle wieder, und zwar übermorgen beim Bee, wenn es wieder heißt: Freitagstexter, die Feder ist mächtiger als das Pferd!

Zum nächsten Freitagstexter!