Herr Albert bleibt sauber

Nutella se acabó

Ratten. Ratten! – Diese Vollpfosten würden es noch so weit treiben, dass es hier in der Reihenhaussiedlung Ratten gäbe, dachte Herr Albert, als er das zur Hälfte geleerte Nutellaglas ohne Schraubverschluss in der Plastikmülltone liegen sah.
Das musste man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Diese Affen entsorgten doch tatsächlich ein Glasgefäß mit angetrockneter Nougatcreme in den Recycling-Mülleimer. Auf diese Idee musste ein normaler Mensch erst einmal kommen.

Er selbst kratzte ja immer auch noch den allerletzten Nutellarest aus den Gläschen, bevor er diese zum Altglascontainer zwei Straßen weiter brachte. Aber diese Blawatzkis waren in Fragen der Mülltrennung ja schon immer beratungsresistent gewesen, und seit es in der Siedlung zusätzlich zu Papier-, Recycling und Restmülltonnen auch noch separate Biomülleimer gab, drehten sie komplett durch.
Letzte Woche hatte er die fette Blawatzki tatsächlich dabei erwischt, wie sie ein Paar alter Herrenschuhe in die braune Biomülltonne gesteckt hatte.
„Was denn, Herr Albert?“, hatte sie zurückgeschnappt, als er sie darauf ansprach. „Die sind doch aus Leder, aus einem Naturprodukt, oder? Die zerfallen doch praktisch von alleine! Und außerdem kippen diese Müll-Alis doch sowieso alles in das gleiche Loch, egal was wir vorher in welchen Kübel stecken.“

Gehirnamputiert. Zweifellos waren die Blawatzki und ihr verschwitzter Alter in seinen Feinripphemdchen gehirnamputiert. Seit wie vielen Jahrzehnten wurden Schuhe nicht mehr aus Leder hergestellt? Und wie viele Jahrhunderte benötigten selbst Lederschuhe, um zu verrotten?
Diese Schwachmaten! Glaubten die tatsächlich, dass für sie andere Regeln galten als für ihre Nachbarschaft?

Aber er, der aufrechte Herr Albert, würde ihnen das nicht durchgehen lassen, nein! Sie waren hier alle gleich! Niemand konnte Sonderrechte nur für sich beanspruchen. Und ganz bestimmt nicht die prolligen Blawatzkis!

Mit spitzen Fingern angelte er das klebrige Nutellaglas aus der gelben Tonne und warf noch einen Kontrollblick in den blauen Papiermülleimer. Aha! Hatte er doch so eine Ahnung gehabt: Albert nahm auch das in Plastik eingeschweißte Päckchen mit Werbeprospekten aus der Papiertonne, trug die Fundobjekte nach Hause und legte sie zunächst auf der Terrasse ab.

~

Später, um Punkt 20.15 Uhr, als längst die Nacht hereingebrochen war, trat er nach draußen in seinen Garten. Hinter allen Wohnzimmerfenstern auf den Parzellen rechts und links von ihm zuckten synchron die blauen Lichtblitze der Fernsehgeräte und tauchten die Reihenhausgärten in das Feuerwerk des Tatortvorspanns. Ganz in schwarz gekleidet und mit rußiger Camouflage im Gesicht nahm Herr Albert die Müllfundstücke auf und schlich durch sein Gartentürchen hinaus auf den Feldweg, der hinter den Reihenhausgärten entlang führte.
Er wandte sich nach links und zählte die Grundstücke ab, bis er das Türchen der Blawatzkis erreicht hatte, betrat den Garten der Müllanarchisten und schlängelte sich im Schatten der Sträucher hinter das blawatzkische Gerätehäuschen. Dort legte er das Plastikpäckchen akkurat auf den Stapel gleichartiger Wurfsendungen, die er über die letzten Wochen und Monaten hinweg im Schatten des Schuppens deponiert hatte. Die Nutella-Schweinerei steckte er in einen der beiden ausgelatschten Treter, die neben dem Werbestapel auf dem Boden standen. Hinter den Prospekten befand sich eine verrostete Blechdose, in die Blawatzki im letzten Frühjahr das Altöl seines vergammelten Merzedes abgefüllt und die Albert kurz danach aus der Restmülltonne gezogen hatte. – Diese Umweltschweine würden sich wundern, wenn sie im Frühjahr einen Blick hinter ihr Gartenhaus werfen sollten …

Auf dem Rückweg von seiner Mission zündete sich Herr Albert eine Zigarette an. Er fühlte sich befreit, konnte wieder atmen. Er war The Last Man Standing, der Bruce Willis der Reihenhaussiedlung. Zorro und Robin Hood in Personalunion. Er war sich sicher, dass ihm die Mehrheit seiner Nachbarn außerordentlich dankbar sein würde, wenn sie von seiner Untergrundaktion für mehr Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Viertel erführe.

Achtlos schnippte Herr Albert die herunter gerauchte Zigarettenkippe in den Rinnstein der Straße, bevor er in den Schutz seines Heimes zurückkehrte.

Das war mein Beitrag zum fünften Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.

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4 Kommentare

    • Danke, das freut mich. Mein Herr Albert ist ja auch ein ganz feiner Kerl :-)

    • Herzlichen Dank auch! (Aber nicht, dass Deine Lobeskommentare jetzt womöglich zur Regel werden. Ich befürchte, das würde mich erröten lassen.)

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