Ganz ruhig

Ich schlug die Augen auf und lauschte in die geradezu ohrenbetäubende Stille hinein, diese unerwartete und völlig untypische Ruhe. Es war Juni, und wir waren campen. In Südfrankreich, in der Nähe von Nizza.
Draußen war helllichter Tag, ich blickte auf die Armbanduhr: kurz nach acht Uhr morgens. Eine Zeit, zu der auf einem Campingplatz im Hochsommer am Mittelmeer gewiss längst nicht mehr eine solche Ruhe herrschen sollte. Die J. lag neben mir, besinnungslos, ihr Arm auf meinem Bauch. Ich musste dringend schiffen und schob den Arm vorsichtig zur Seite. Die Luftmatratze knarzte, als ich mich erhob. Dann trat ich hinaus ins Freie. Zwischen unserem Zelt und dem des Essener Pärchens von gegenüber qualmte noch die Feuerstelle unserer gemeinsamen Vorabendfeierei. Ein paar Schritte vom Lagerfeuer entfernt saßen Asterix und Obelix übernächtigt mit bleichen Gesichtern auf ihren Campingstühlen.
„Bon jour“, grüßte ich, und die beiden hoben wortlos die Hände zum Gruß. Man kannte sich. Zwei Pumpguns lehnten zwischen ihren Knien an den Stühlen. Das restliche Gelände des Campingplatzes war wie leergefegt. Meine Schritte auf dem Kiesweg zu den Waschräumen erzeugten das einzige Geräusch, das in der sonst vollkommenen Ruhe des anbrechenden Tages zu hören war.

~

Grotesk? Oder zumindest bizarr, finden Sie? – Wenn Sie wissen wollen, wie es zu dieser merkwürdigen Situation kam, dann lesen Sie bitte weiter.

Gut dreißig Stunden zuvor war noch alles so richtig campingplatzmäßig gewesen, so wie man sich das vorstellt: Kindergeschrei, gröhlende Fußballaficionados, schimpfende Mütter, keifende Großmütter, alles im Diskant durcheinander gemischt. Die einen saßen beim Abendessen vor den Wohnwägen, andere waren noch mit den Vorbereitungen beschäftigt. Der M. und die M. aus Essen, die J. und ich saßen zu viert an einem Tisch in der Bar, betrachteten wohlgefällig das Treiben und ließen ganz entspannt den Pastis in uns hineinlaufen, rauchten Gauloises. Gauloises mit Filter. Weil wir waren ja keine Hardcore-Franzosen sondern deutsche Weicheier auf Urlaub.
Ich flirtete heftig mit der M., und ihr Freund baggerte die J. an. Urlaub eben. Mal was anderes, warum eigentlich nicht? Beschwingt schlenderten wir irgendwann zurück zu den Zelten, wo wir noch einen Absacker trinken wollten und wo sich womöglich die Paarfrage klären würde, also wer in dieser Nacht mit wem in welchem Zelt verschwinden würde.

Auf unserem Rückweg begegneten uns die beiden merkwürdig blassen Franzosen, die wir Asterix und Obelix getauft hatten, weil einer sicher zwei Meter groß und drei Zentner schwer war, der andere untersetzt und bullig, höchstens eins siebzig. Ab Mitternacht patroullierten Asterix und Obelix bis in die frühen Morgenstunden mit geschulterten Schusswaffen über den Campingplatz.
„A cause des Africains“, hatten sie geantwortet, als wir irgendwann fragten. „Wegen der Afrikaner.“ – Ach so. Über die hatten wir schon viel gehört. Gerüchteweise. Angeblich sollten nachts afrikanische Banden die südfranzösischen Campingplätze heimsuchen, Zeltplanen aufschlitzen, die Urlauber mit Gas betäuben und ausrauben. Räuberpistolen eben. Es gab Touristen auf dem Platz, die jemanden kannten, dessen Nachbarn so um Hab und Gut gekommen sein sollten.
Nun ja, wir hatten ja Asterix und Obelix, die über unseren Schlaf wachten.

Die Paarfrage klärte sich an diesem Abend übrigens äußerst unspektakulär. Die M. kippte nämlich kurz vor eins besoffen vom Klappstuhl, und ihr Freund schleppte die Schnapsleich‘ mühsam ins Zelt, während die J. und ich uns kichernd in unsere Kabine zurückzogen.
Nur wenige Stunden später, mitten in der Nacht, erwachte ich von einem trockenen Leberhaken, den mir Muhammad Ali in den unteren Rippenbogen hämmerte. „Uff!“, keuchte ich und richtete mich auf der Matratze auf. Neben mir lag mit weit aufgerissenen Augen die J., die sich den Schlafsack trotz der Hitze bis an den Hals hinaufgezogen hatte.
„Wach auf!“, flüsterte Muhammad J. erregt. „Da draußen hat jemand geschossen! Tu was!“
„So ein Quatsch“, entgegnete ich schlaftrunken. Es herrschte Totenstille, wenn man mal von ein paar Zikaden absah, die noch keine Ruhe gefunden hatten und sich selbst um drei noch immer einen abfiedelten.
„Ich hab ’s genau gehört“, wisperte die J. „Unternimm was!“

Nun war es ja so, dass die J. ein Mädchen war, das keine Ruhe gab, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Also unternahm ich etwas, das ohnehin mit meinen körperlichen Bedürfnissen in Einklang stand: Ich nahm die Taschenlampe und kroch aus unserem Zelt ins Freie, um die Schleusen des Anisschnaps-Stausees in meiner Blase auf der Toilette zu öffnen.
Mit halb geschlossenen Augen schleppte ich mich zu den Waschanlagen, und stellte mich an die Pissrinne des strahlend erleuchteten Herrenpissoirs. – Oh, was für eine Erleichterung! Ich blickte nach unten, in die Rinne, in der meine rosarote Pisse um den Ablauf strudelte.

Moment mal: rosarot? – Nierenversagen, oder was? Verstört blickte ich mich um. Ein paar Schritte hinter mir stand Obelix im grellen Neonlicht der Deckenbeleuchtung, seine Pumpgun wie ein Baby im Arm. Zu seinen Füßen lehnte ein schwarzhäutiger Kerl mit dem Rücken an der gefliesten Wand und hielt mit beiden Händen seinen Oberschenkel umklammert. Aus dem zerfetzten Stoff seiner Hose quoll Blut. Jede Menge Blut. Ströme von Blut, die über die weißen Fliesen dahinliefen bis in die Pissrinne, wo sie sich eben noch mit meinem Pastisstrahl vermischt hatten.
Aha! Ich glotzte also die beiden Männer eine Weile wortlos an, bis ich mich an meine gute Erziehung erinnerte, ein freundliches bon soir an beide richtete und mich auf den Rückweg zum Zelt machte.
„Haste geträumt“, nuschelte ich der J. zu. Die Wahrheit konnte ich am nächsten Tag immer noch anbringen. Nach einer Mütze voll Schlaf.

~

Am nächsten Morgen war natürlich auf dem Campingplatz die Hölle los. Die Urlauber stürmten geradezu das Büro, um zu bezahlen und so schnell wie möglich zu verschwinden. So blieben an diesem Abend nur die beiden M.’s, die J. und ich übrig. Und natürlich Asterix und Obelix, die von dieser Nacht an exklusiv über die beiden Zelte der vier Deutschen wachten.

Ich frage mich heute, nach so vielen Jahren, was Asterix und Obelix wohl dabei dachten, als sich die J. und die M. eines Abends offensichtlich im Zelt irrten und die Nacht auf den falschen Matratzen verbrachten.

Das ist mein Beitrag zum siebzehnten Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.

Mein *.txt

||||| 2 Gefällt Dir? |||||

4 Kommentare

  1. Eine gruselige Geschichte.

    Dass Asterix & Obelix von irgendetwas anderem beseelt waren, als für `Ordnung´ zu sorgen, kann ich mir kaum vorstellen. Gefährlich hätte es allerdings werden können, wenn eine der zellwechselnden Damen die falsche Hautfarbe gehabt hätte.

    Waren Sie nicht sehr beunruhigt, als sie den verletzten Mann sahen? Ich glaube ich hätte sofort Polizei, Feuerwehr, Rettungswagen und einen Pfarrer gerufen.

    • Polizeiruf 110! – Die Geschichte trug sich zu in prähistorischen Zeiten, als Telefone jeglicher Art nur funktionierten, wenn sie mit Kabeln über einen sog. Telefonapparat mit der sog. Telefonzentrale verbunden waren. Ich hätte bestenfalls lautstark nach Polizei oder Ambulanz brüllen können, wovon ich mir angesichts der Ortsentfernung des Platzes nichts versprach, außer vielleicht einer Massenpanik. (Pfarrer & Gott waren schon damals nicht so mein Ding.)
      Ich vertraute auf Asterix. Und tatsächlich erschien ja kurz darauf die Obrigkeit in unterschiedlichen Personifizierungen und beseitigten diskret & nachhaltig die Störung, wie wir am Day After erfuhren.

    • Oh je, ich glaub nicht, dass ich damals so richtig cool war. Eher schlaf- und vielleicht auch noch sonst irgendwie trunken. Aber davon abgesehen: Was hätt ich tun können? Weder war/bin ich Rettungssanitäter, noch fühlte ich mich berufen, mit Obelix in einer Sprache zu diskutieren, die ich nur sehr rudimentär beherrschte. Und offensichtlich wartete der ja auf Asterix.

      (Zur Beruhigung aller Mitlesenden: Nein, der Afrikaner verblutete damals trotz unterlassener Hilfleistung meinerseits nicht im Pissoir. Vielmehr schafften ihn Polizei und Notarzt noch in der Nacht mit entsprechendem Spektakel davon, was wiederum dafür sorgte, dass alle anderen Camper mitbekamen, was los war, und ja gerade deshalb am nächsten Morgen das Weite suchten.)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.