Der Scheißbaum

Bestechende Theorie über den unregelmäßigen Wuchs von Bäumen, deren Zweige sich ja eigentlich nur schlicht verzweigen, aber letzlich doch in einer unendlich komplizierten Verrenkung erstarren, die einen Baum ausmacht. Derlei verquere Gedanken pflanzt der Buchpreis-Shortlister 2012 Clemens Setz einer seiner Hauptfiguren, einer „septischen Sau“ einem „Dingo“ einem Idingo-Kind, ins Hirn:

„… Ein Baum wollte ja immer alles umarmen. er steht seit hundert Jahren auf demselben Fleck und wird jeden Tag übermannt von seiner Zuneigung zu ein paar Enten im Teich, einem verschlungenen Pärchen auf der Parkbank, einem lustigen, bunt überquellenden Mülleimer oder einer geheimnisvoll gebogenen Parklaterne. Wenn eines der Wesen oder Dinge seine Aufmerksamkeit erregt und der Wunsch, es zu umarmen, überhandnimmt, beginnt der Baum – langsam natürlich, fürchterlich langsam -, in die entsprechende Richtung zu wachsen und seine Zweige wie Arme danach auszustrecken. […] Und der Baum ist, von seinen minimalen täglichen, stündliche Richtungsänderungen in seinem Wachstum über die Jahre hinweg, zu einem bizarr verzerrten Gebilde geworden. Scheißbaum.“

(Clemens J. Setz, Indigo, Suhrkamp, 2012)

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