Gelocht und abgeheftet

Ich mag die N. aus der Personalabteilung der Fabrik wirklich gern leiden. Sie ist eine sympathische und empathische Gesprächspartnerin, und nicht zuletzt deshalb schaute ich letzthin nach dem Mittagessen wieder einmal bei ihr auf einen kurzen Plausch vorbei. Als ich das Großraumbüro betrat, war die N. mit Ablage beschäftigt. Auf ihrem Schreibtisch lag ein säuberlich aufgetürmter Papierstapel von gut fünf Zentimetern Höhe, von dem sie ein Blatt nach dem anderen abnahm und es lochte. Danach zog sie aus einer langen Schrankreihe einen Aktenordner, klappte den Metallbügel auf, fädelte das eben gelochte Einzelblatt auf die beiden Dornen, klappte Bügel und Ordner wieder zu und schob ihn wieder zurück zwischen die Nachbarordner im Schrank.

„Was wird das denn?“, fragte ich stirnrunzelnd. „Sieht irgendwie nach Sisyphus aus. Habt Ihr keine Praktikanten mehr?“

„Das sind die letzten Gehaltsabrechnungen der Fabrik.“ Die N. wirkte ungewohnt genervt. „448 Angestellte, 448 Monatsabrechnungen, 448 Leitz-Ordner. Das mache ich jeden Monat kurz nach dem Fünfzehnten, Herr W. Definitiv meine Lieblingsbeschäftigung!“ Die N. zuckte die Schultern und griff nach Locher und dem nächsten Blatt Papier.

Sagenhaft! Das war ja genau das, was man unter dem Begriff elektronische Datenverarbeitung versteht. – „Ich dachte, die Gehaltsabrechnung ist im SAP-System gespeichert?“, warf ich verblüfft ein.

„Ja, schon“, räumte die N. ein. „Aber jeder Gehaltszettel wird zweimal ausgedruckt. Ein Ausdruck geht an den Mitarbeiter, der andere wird hier in den Ordnern archiviert. Das haben wir schon immer so gemacht.“

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Ich wagte es nicht, die N. an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen, dass ich meine Gehaltszettel, die mir stets zur Monatsmitte sauber gefaltet in verschlossenen und abgestempelten Umschlägen zugingen, sogleich auf den Scanner legte, um sie im PDF-Format auf dem Arbeitsplatzrechner abzulegen und das Papier sogleich zu vernichten. Ich hätte befürchten müssen, dass die N. einen Nervenzusammenbruch erlitten hätte.

Nochmals zum Mitdenken: Die Gehaltsabrechnungen werden von einem EDV-System Monat für Monat automatisch erstellt. Wäre es nicht konsequent und folgerichtig, die Übersichten in PDF-Dateien zu überführen und allen Mitarbeitern ebenso automatisch meinetwegen per E-Mail zuzusenden? Oder vielleicht auf einem Dateiserver abzuspeichern und nur einen Link auf die Datei zu verschicken?

Statt dessen fällen wir Monat für Monat einen Baum, drucken das alles in zweifacher Ausfertigung aus, falten Kuverts, tüten Zettel ein, verteilen sie über die Sekretariate an alle Angestellten und legen zu allem Überfluss auch noch Kopien in Ordnern ab, die alle paar Jahre in Umzugskartons verpackt werden müssen, um dann auf nimmer Wiedersehen in verspinnwebten Lagerhallen gestapelt zu werden. – Unsere Fabrik, das Systemhaus, ein Musterbeispiel an Effizienz und Modernität!

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Traurig – nein: ärgerlich – ist die Tatsache, dass diese Geschichte keine Erfindung meines überhitzten Geistes ist, sondern leider harte Realität. Ich befürchte, ich muss mir einen neuen Arbeitgeber suchen. Das ist doch absurd.

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