Ach, Du liebes Finanzamt!

Vor einigen Monaten rief ich die Steuerberaterin an und sagte: „Ich habe jetzt alle Unterlagen für die Steuererklärung beisammen. In den nächsten Tagen bringe ich Ihnen das alles vorbei. Wann haben Sie Zeit?“ Die beste Steuerdame von allen antwortete: „Wenn Sie wollen, Herr Wortmischer, können Sie die Bescheinigungen auch gerne per Fax schicken. Wir reichen neuerdings alle Unterlagen beim Finanzamt digital ein, die Originale brauchen wir nur, falls das Amt Stichproben machen will.“

Ich war begeistert. Denn natürlich hatte ich längst alle Bescheinigungen für meine eigene Ablage PDF-isiert. Fünf Minuten später hatte die Steuerberaterin alle Unterlagen säuberlich als E-Mailanhänge im Postfach, und ich konnte mir den Weg zur haptischen Papierübergabe sparen. Brave New World, wie einfach das moderne Leben doch sein kann! Hach!

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Am vergangenen Montag liegt ein großer Umschlag vom Finanzamt in meinem Briefkasten. Ziemlich dick, wie ich finde, sehr umfangreich für einen nicht so komplizierten Steuerbescheid. Ich fummle den Umschlag auf und entnehme ihm einen säuberlich gehefteten Papierstapel samt Anschreiben des Amtes:

Ihre Steuererklärung 2011

Sehr geehrter Herr Wortmischer,

hiermit werden Ihnen die vorgelegten Belege zur Prüfung zurückgesandt. Damit Sie etwaigen Abweichungen von den gemachten Angaben nachgehen können, wird empfohlen, die Belege zumindest solange aufzubewahren, bis die Einspruchsfrist abgelaufen oder ein etwaiges Rechtsbehelfs oder Änderungsverfahren abgeschlossen ist. […]

Moment mal, „die vorgelegten Belege zurückgesandt“? – Ich blättere den Stapel durch. Tatsächlich, der Finanzamtsknilch hat wirklich alle PDF-Belege ausgedruckt, nach Rubriken sortiert und mit handschriftlich beschrifteten Trennblättern unterteilt. Den ganzen Papierhaufen hat er gelocht und mit Hilfe eines Heftstreifens gebündelt.

Lasst Euch das mal auf der Zunge zergehen: Ich reiche meine Steuererklärung im Sinne der Ressourcenschonung in digitaler Form ein, das Finanzamt druckt alles aus, wahrscheinlich sogar in zweifacher Ausfertigung, und schickt mir meine ausgedruckten PDF-Dateien zur Entlastung zurück. – Orrr!

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Liebes Finanzamt, Ihr seid einfach die Größten.

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7 Kommentare

  1. Das ist nicht ganz so unsinnig, wie es hier klingt. Daten können schon mal verschwinden, leicht nachträglich geändert werden, nach ein paar Jahren auf aktuellen Geräten evtl. nicht mehr lesbar sein.

    Bei behördlich relevanten, rechtsverbindlichen Schriftstücken, die auch einer Aufbewahrungspflicht von X Jahren unterliegen, ist das „Ausdrucken“ also vermutlich noch lange Standard.

  2. Ich habe noch Hoffnung, dass es irgendwann einfach nicht mehr genügend Holz für beides gibt: einerseits für das Papier und andererseits für das Brett vorm Kopf.

  3. @Claudia: Dass das Amt alles für seine Archive ausdrucken will, finde ich zwar verwerflich, aber ich kann mich damit abfinden. Aber warum drucken sie alles für MICH auch noch einmal aus? Das ist mit Verlaub ignorant.

    @Shhhhh: Das MUSS bald ein Ende haben!

  4. @Wortmischer: damit auch DU weißt, bzw. rechtsverbindlich ERHALTEN HAST, was sie bei sich ausgedruckt speichern.

    Damit sicher sie sich ab gegen nachträgliche Änderungen, die DU an deinen Daten/Unterlagen ja theoretisch noch vornehmen könntest.

    • Gute Antwort, die mich zwar genauso unbefriedigt zurück lässt wie zuvor, der man aber nicht widersprechen kann ;-)
      Wenn ich ’s nicht besser wüsste, hätte ich darauf getippt, dass Du womöglich Finanzbeamtin bist.

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