Zivilcourage

Der junge, dunkelhaarige Mann auf dem S-Bahnsteig im Untergeschoß des Hauptbahnhofes erinnerte Stepan an sich selbst, wie er vor mittlerweile zwanzig Jahren nach Deutschland gekommen war. Wahrscheinlich war er damals genauso verloren dagestanden wie heute dieser Bursche mit prall gefülltem Rucksack auf dem Rücken und einem großen Reisekoffer, über den er sich mit gespreizten Beinen gestellt hatte. Seinem Aussehen nach zu urteilen war der junge Mann Südländer; Grieche, oder Türke vielleicht. Ganz offensichtlich fühlte er sich unwohl auf dem nächtlichen Bahnsteig, auf dem kaum noch Passagiere unterwegs waren. Alle paar Minuten warf er unsichere Blicke in alle Richtungen, sah auf seine Armbanduhr und schob den Koffer nervös mit den Füßen ein paar Zentimeter hin und her.

Stepan wurde von plötzlichem Mitgefühl erfüllt. Er hatte sich bei seiner Ankunft im fremden Land auch unwohl gefühlt ohne seine Freunde oder Bekannte, völlig alleine gelassen auf einem Bahnsteig einer unbekannten Großstadt. Kein Wort Deutsch hatte er gesprochen, keine Mark in der Tasche, nur ein handbeschriebener Zettel mit einer Adresse, zu der er fahren sollte nach seiner Ankunft am Bahnhof.
Doch das war lange her. Inzwischen war Stepan verheiratet mit einer deutschen Frau, hatte zwei Kinder und eine gut bezahlte Anstellung bei der Versicherung. Er war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr in dem kleinen Vorort, in dem er mit seiner Familie lebte, und Freizeitsportler in einem Teakwondo-Verein. – Stepan hatte Glück gehabt in seinem Leben. Er führte ein deutsches Bilderbuchleben und war rundum zufrieden.

Ob es dem jungen Mann auch so gut ergehen würde in Deutschland? In einer Anwandlung beinahe väterlicher Fürsorge ging Stepan auf den Jungen zu und fragte auf Deutsch, ob er ihm helfen könne. Er sah das Misstrauen in den Augen des Jungen, der kaum älter als zwanzig Jahre sein konnte. Stepan versuchte es auf Englisch, und da schüttelte der Mann den Kopf. „No, thank you. I wait for subway five“, anwortete er mit schwerem Akzent und einem rollenden r. Stepan lächelte den Mann an. „Same train as myself“, sagte er freundlich, nickte dem Mann zu und entfernte sich wieder einige Meter.

Als der Zug der S-Bahnlinie 5 einfuhr, stieg Stepan zu und sah, wie der junge Mann seinen Koffer aufnahm und hinter Stepan in den Waggon schleppte. Der Mann nahm ein paar Meter von ihm entfernt alleine in einer Vierersitzgruppe Platz, nachdem er den Koffer mit einigen Schwierigkeiten auf die Gepäckablage über den Sitzen gehievt hatte.

Wenige Minuten vor Mitternacht war der Wagen nur mäßig besetzt. Zwei Stationen später stieg der Großteil der Fahrgäste aus, so dass außer Stepan und dem Burschen nur noch vier oder fünf Passagiere verblieben. Auf der Bank gegenüber von Stepan saß ein magerer älterer Herr mit Schnauzer in einer blauen Stoffjacke und blickte ziellos im Waggon umher. Weiter hinten stand eine Gruppe von drei Männern, die sich leise unterhielten. Fahrkartenkontrolleure? Stepan begann bereits nach seiner Börse zu suchen, als die drei den Gang herunter kamen; stiernackige, breitschultrige Kerle mit Bürstenhaarschnitten, schwarzen Hosen und schweren Schuhen.

Sie blieben neben dem jungen Mann stehen und sprachen ihn an. Stepan konnte nicht verstehen, was sie sagten. Aber er sah, wie in den Augen des Burschen Angst aufblitzte, seine Augen groß wurden, während seine Lippen Worte formte, die vom Brausen der Bahnfahrt verschluckt wurden. Nun wurde einer der drei Kerle laut. „Den Rucksack! Nimm ihn ab und gib ihn her!“, herrschte er den Jungen an.

Empört starrte Stepan auf die Personengruppe. Das waren gar keine Kontrolleure. Das waren Randalierer, oder Neonazis, oder Räuber! – Als der junge Mann in einer unverständlichen Sprache zu schimpfen und den Kerl, der ihn drangsalierte, zu schubsen begann, rückten auch die beiden anderen Stiernacken näher und packten den Jungen an Schultern und Armen. Jeden Moment würde der Wortführer zum Schlag ausholen und auf das wehrlose Opfer einprügeln.

In Bruchteilen einer Sekunde hatte sich Stepan entschieden. Er sprang auf und war in drei katzenartigen Sätzen hinter dem Schläger, tippte ihm auf die Schulter. Als sich der Kerl mit verwundertem Blick auf Stepan umdrehte, zögerte dieser keinen Augenblick. Mit geübtem Griff packte er den halb erhobenen Arm des Angreifers, hebelte ihn herum und schleuderte den Mann in einer Rückwärtsfallbewegung über sich hinweg. Der Körper des Kerls krachte gegen eine Trennwand, fiel rumpelnd zu Boden und blieb reglos liegen. Noch bevor sich die beiden anderen Typen von ihrer Überraschung erholt hatten, stand Stepan schon wieder, um sich den nächsten vorzunehmen. Doch plötzlich hörte er ein leises Geräusch hinter sich, ein Klicken.

Stepan schnellte herum. Was er zu Gesicht bekam, verstand er nicht: Sein vormaliger Sitznachbar, der alte Schnauzer, stand breitbeinig ein paar Meter vor ihm. In den ausgestreckten Händen hielt er eine Pistole, die er auf Stepan richtete. Mit stahlgrauen Augen starrte ihn der Schnauzer an und noch bevor Stepan reagieren konnte, ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen, er spürte einen stechenden Schmerz in der Brust, und seine Beine gaben unter ihm nach. Als Stepan in die Knie sank, sah er, wie sich die Waggontüre öffnete, der junge Bursche mit seinem Rucksack behende zwischen den beiden verbleibenden Stiernacken hindurch und aus der Türe schlüpfte, gerade noch rechtzeitig bevor sich diese wieder schloss.

Dann wurde es dunkel, und Stepan spürte nicht mehr, wie sein Gesicht auf den Wagenboden schlug, als er nach vorne kippte.

~

Toter im Rauschgiftkrieg

Gestern Nacht kam es in einem S-Bahnzug der Linie S5 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Vier Zivilfahnder des Rauschgiftdezernats waren dabei, einen mutmaßlichen Kokainschmuggler aus dem Iran festzunehmen, als einer der Beamten unvermutet von einem Komplizen des Schmugglers tätlich angegriffen und schwer verletzt wurde. In der folgenden Auseinandersetzung wurde der Komplize von einem Polizeioberkommissar angeschossen. Er erlag seiner Verletzung auf dem Transport ins Krankenhaus. Dem mutmaßlichen Schmuggler gelang die Flucht. – AP

Gesammelte Kurzgeschichten

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