Abgeschleppt

Die Mercè aus der Buchhaltung, Gemma vom Empfang und ich waren uns schon nach dem ersten Cuba Libre einig: Der heißeste Kerl auf der diesjährigen Betriebsfeier war Josep Martell Fabres, unser lokaler Vertriebsmatador, der die Firmenkunden in Barcelona und Umgebung betreute und außerdem vermutlich allen Arbeitskolleginnen feuchte Träume bescherte. Dass Josep in seinem Beruf überdurchschnittlich erfolgreich war, hatte er sicher nicht nur guten Fachkenntnissen sondern vor allem seinem überwältigenden Charme zu verdanken, dem Männer wie Frauen im Gespräch mit ihm selten widerstehen konnten.
Josep stand kurz vor seinen Fünfzigern, sah noch immer geradezu unverschämt gut aus: schlanke Figur, dichtes schwarzes Haar, das von ersten grauen Strähnen akzentuiert wurde, stets aufmerksamer Blick aus dunkelbraunen Augen, in den frau geradezu hineingesogen wurde, und Pianistenhände, die ich besser nicht genauer betrachtete, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, direkt hier in der Karaokebar im Vergnügungsviertel Barcelonas schwach zu werden und in den Katakomben der Toiletten Hand an mich legen zu müssen.

„Was für ein Bild von einem Mann“, sinnierte Mercè mit ihrer von zu vielen Ducados und Brandies brüchigen Stimme und brachte damit die Gedanken von uns dreien auf den Punkt, die wir wie Schaufensterpuppen aufgereiht nebeneinander am Tresen saßen.
„Es ist wirklich ein Jammer, dass Pep verheiratet ist“, ergänzte Gemma in beinahe ehrfürchtigem Tonfall.
„Sag bloß, das würde Dich davon abhalten, ihn anzumachen, Gemma?“ Verächtlich stieß ich die Luft aus der Nase.
„Dich etwa nicht, Montse?“, hielt Gemma dagegen.
„Nein, mich nicht.“ Ich ließ die beiden Kolleginnen am Tresen sitzen und schlängelte mich zwischen den Tanzenden hindurch an Josep Martell heran. Ich war 28 Jahre jung und würde ihnen allen zeigen, dass ich selbstbewusst genug war, mir zu holen, was mir gefiel. Die Gelegenheit war günstig; gerade hatten der Geschäftsführer und sein Vertriebschef Josep auf die Schultern geklopft und sich von ihm verabschiedet. Das heißeste Eisen seit Antonio Banderas stand jetzt alleine am Rande der Tanzfläche.

~

Es gibt diese Aufreißertypen, bei denen brauchst Du nur einen Augenaufschlag abzuliefern und schon baggern sie Dich an wie Bob der Baumeister in Person, ohne dass Du auch nur den Hauch weiterer eigener Anstrengungen zu unternehmen brauchst, um an Dein Ziel zu kommen. Aber mir war schon klar, dass Josep ein ganz anderes Kaliber war. Männer wie ihn musst Du überraschen, um sie aus der Reserve zu locken. Also fragte ich ihn ohne jede Begrüßung in meinem beiläufigsten Small-Talk-Tonfall, ob er Kondome dabei hätte; die würden wir heute vielleicht noch brauchen.
Damit hatte ich sofort Joseps ungeteilte Aufmerksamkeit. Und als ich ihn vor den Augen aller anderen auf eine Art und Weise in die Mangel genommen hatte, die – im umgekehrten Fall – einem Mann, der sich einer Frau gegenüber so verhielt, die sofortige Kündigung wegen sexueller Nötigung einbringen würde, verzogen wir uns ohne Verabschiedung nach draußen. Im Hinausgehen spürte ich die Laserblicke Gemmas und Mercès Löcher in meinen Rücken brennen.
Josep hatte eines der schwarz-gelben Taxis herangewunken, die die ganze Nacht hindurch auf der Suche nach Fahrgästen die Palal·lel entlang schlichen, und dem Fahrer die Adresse eines Hotels im Vorort Castelldefels gegeben. Auf dem Rücksitz der Droschke bekam ich einen Vorgeschmack auf das, was mich im Hotelzimmer erwarteten würde. Ich schmolz auf der abgewetzten Kunstlederbank des Taxis dahin wie Butter in der katalanischen Frühlingssonne, als Josep mich küsste und die Handfläche seiner Rechten auf meinem nackten Oberschenkel Brandblasen hinterließ.

Es war mir egal, dass mich der Knacker an der Hotelrezeption mit lüsternen Blicken taxierte wie eine Bordsteinschwalbe, während Josep ein Zimmer für die Nacht im Voraus bezahlte. Ehrlich gesagt machte mich der Gedanke, für eine käufliche Schlampe gehalten zu werden, sogar noch mehr an. Ich würde schon dafür sorgen, dass Pep diese Nacht mit mir den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen sollte.

Im Aufzug auf der Fahrt nach ganz oben knutschten wir hemmungslos, mir wurden die Knie weich. Doch im Zimmer angekommen, löste ich mich aus Joseps Umarmung.
„Gib mir ein paar Minuten, mich frisch zu machen, Süßer. Du kannst es Dir ja schon mal im Bett gemütlich machen. Bin gleich wieder bei Dir.“

Aus den von mir angekündigten paar Minuten wurde im Bad des Hotelzimmers eine gute Viertelstunde, bis ich mich vor der Nacht mit Josep für präsentabel hielt. Hoffentlich war mein Objekt der Begierde inzwischen nicht eingeschlafen? – Ach, wenn schon. Ich würde ihn schon wieder wach küssen!

Als ich endlich zurück ins Zimmer trat und mich in meiner teuren transparenten Wäsche vor dem Spiegel gegenüber dem Bett in Pose warf, damit sich Josep ein Bild davon machen konnte, worauf er sich freuen durfte, staunte ich nicht schlecht: Der Mann, von dem ich erwartet hatte, dass er auf dem Bett liegend auf seine Verführung warten würde, saß noch immer in Anzug und Schuhen auf der Matratzenkante, ein Buch in den Händen.
„Hey, guapo, was ist los? Willst Du mir etwa eine Gutenachtgeschichte vorlesen?“ Frech grinste ich Josep an. Mit einem Blick, aus dem Verwirrung – oder war es Verzweiflung? – sprach, sah er zu mir auf.

„Montse, das hier habe ich gerade eben in der Ablage des Nachtischkastens gefunden.“ Josep hielt mir das Buch entgegen. Jetzt sah ich, dass auf den aufgeblätterten Seiten eine Polaroidfotografie lag. Ich glitt neben meinem Liebhaber in spe auf das Bett und warf einen Blick auf das Bild:
Eine nicht mehr ganz junge Frau mit rotblondem Haar war darauf zu sehen, im Ausschnitt von der Taille aufwärts. Ihr Körper steckte in einem schwarzen Ganzkörperdessous, dessen nabeltiefes Decolletee ihre nicht mehr allzu straffen Brüste betonte. Mitte Vierzig mochte die Frau sein, die auf diesem Bild an genau der gleichen Stelle vor dem Spiegel des Hotelzimmers stand wie ich selbst noch vor ein paar Augenblicken. Sie schenkte dem Fotografen der Aufnahme ein selbstsicheres, herausforderndes Lächeln; das Lächeln einer Verführerin, die sich ihrer Wirkung unumstößlich sicher war.

„Ach, sieh mal an, Pep“, murmelte ich dem Traummann neben mir auf dem Bett ins Ohr, während ich mit den Fingern an seinem Ohrläppchen herumspielte. „Das sieht so aus, als hätten schon vor uns zwei andere genau im gleichen Zimmer ebenfalls ziemlich viel Spaß miteinander gehabt. Ist doch toll, oder?“
Doch obwohl ich meine zweite Hand nun in sein Hemd schob, um seine Brust zu liebkosen, wandte Josep den Blick nicht von dem Foto ab, das er mit vier spitzen Fingern an den Ecken hielt. Die Frau auf dem Bild schien uns beide, Josep und mich, mit spöttischem Blick zu fixieren.

Fotografie im Hotelzimmer

„Was ist denn los mit Dir, Pep?“ Ich flüsterte die Worte ganz leise in sein Ohr. „Bist Du nicht mehr scharf auf mich? Oder gönnst Du etwa der Alten auf dem Bild ihren Spaß nicht? Komm schon, lass uns jetzt endlich vögeln.“

„Nein, Montse!“ Josep rückt ein Stück von mir weg. „Du verstehst nicht. Diese Alte, wie Du sie nennst, da auf dem Bild, das ist Nuria, … meine Ehefrau …“

Das war mein Beitrag zum vierten Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.

Mein *.txt

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5 Kommentare

    • Vielen Dank, Lexa. Es freut mich sehr, dass Dir die Geschichte gefällt.

  1. Pingback: [*.txt] Das Idealbild und die Wirklichkeit - Lexasleben

    • Gell? So geht es den Menschen heutzutage gern, wenn sie nicht auf sich aufpassen. (Wobei ich persönlich ja der Ansicht bin, dass gekränkte Eitelkeit in so einer Situation fehl am Platze ist.)

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