Alter Falter!

Didi war Student der Elektrotechnik im fünften Semester und hatte über die Sommerferien einen Job in der Abteilung für Verpackungstechnik bei der BASF angenommen. Und weil er sich mehr als alle Festangestellten mit Technik auskannte, hatten sie ihn schon am zweiten Arbeitstag an diese neue Maschine gesetzt. Der Abteilungsleiter hatte ihm eine Bedienungsanleitung für den Apparillo auf den Tisch gelegt und dazu gesagt:
„Sie machen das schon, Dieter. Probieren Sie einfach ein bisschen herum, bis die Maschine den Beipackzettel so faltet, dass er in die Pillenschachtel passt.“

Didi war aus dem User Manual der Faltmaschine nicht schlau geworden. Der Text war zwar englisch, stammte aber wohl aus Fernost. Er war schlicht und einfach unverständlich.

Neben dem Manual lagen drei Pappschachteln mit rosafarbenen Dragees in Blisterpäckchen sowie ein dicker Stapel mit Beipackzetteln frisch aus der Druckerei.
Er legte den obersten Zettel in die Maschine, drückte den größten Knopf auf dem Bedientableau und sah zu, wie der Apparat das Papier kreuz und quer faltete, bis es aussah wie das Himmel-und-Hölle-Spiel eines Besoffenen.

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Nach drei Wochen, zwei weiteren Stapeln mit Beipackzetteln und unter Verkostung aller vorhandenen rosa Tabletten aus den Blistern, die Didi in einen rastlosen aber kreativen Zustand versetzten, hatte er es tatsächlich geschafft:
Wahllos hatte er einzelne Kommandozeilen aus dem rätselhaften Manual auf der Bedienkonsole der Faltmaschine untereinandergesetzt und immer wieder vertauscht und abgeändert, solange bis das Ding die Zettel mit genau acht schnellen Knicken in längliche Streifen faltete, die problemlos in die Pillenschachteln geschoben werden konnten.

Zugegeben, die Faltungen erschienen nicht nur Didi selbst wahllos; niemand in der Abteilung schaffte es, die acht Faltschritte der Maschine per Hand nachzuvollziehen. Der Abteilungsleiter jedoch war hellauf begeistert, stellte Didi den Vorständen der BASF vor und sorgte dafür, dass der Werksstudent eine großzügige Sonderzahlung erhielt.

Beipackzettel

Die Faltmaschine für Medikamentenbeipackzettel verkaufte die BASF in Lizenz zusammen mit Didis Programm in wenigen Monaten mit hohem Gewinn an alle anderen großen Pharmaunternehmen weltweit.

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So, oder zumindest so ähnlich, muss es sich zugetragen haben – damals, als die Faltung der Beipackzettel erfunden wurde.

Das ist mein Beitrag zum achten Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.

Mein *.txt

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6 Kommentare

    • :-) … Ich hoffe, Sie sind auch mit einem Lächeln erwacht?

    • Morgens? Lächeln? Mit Verlaub, das ist für meine Wenigkeit ein Hauch zuviel verlangt. Aber tagsüber kann ich über diese fabelhafte Geschichte immer noch und ausdauernd lächeln!

    • Ach, tatsächlich? – Und ich habe mir immer vorgestellt, wie Frau Moggadodde am frühen Morgen mit einem bezaubernden Lächeln ihren MamS anstrahlt, bevor sie in die Küche entschwebt, um Mokka aufzusetzen …

    • Ach, wie schön! Es freut mich zu sehen, dass aus Didi noch ein rechtschaffener Mensch geworden ist. – Cheerio!

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