#hotpantsverbot

Derzeit wird es saisonbedingt wieder ziemlich eng bei der Themenfindung für alle öffentlichen Schreiberlinge, egal ob für Journalisten im Broterwerb oder für die Bloggeria aus Idealismus. Die Hitze dampft für alle gleichermaßen die Synapsen trocken, und der Dauerbrenner #grexit ist längst zum Schulterzucker verkommen. Gerade noch versorgte die Kanzlerin mit #merkelstreichelt die Empörungskader jeglicher Couleur mit Futter; und bevor wir uns alle mit Schippchen und Förmchen dran machen, das nächste Sommerloch auszubuddeln, will ich rasch ein paar zähe Gedanken zum #hotpantsverbot aus meinem persönlichen Baggerloch holen.

Happy Love Bug

Hinsichtlich der Standpunkte im Streit zur Kleiderordnung an Schulen ist bereits alles gesagt. Die einen reklamieren ihr Grundrecht auf freie Persönlichkeitsentwicklung, die – wenn ich sie recht verstehe – notfalls auch zum gänzlich textilfreien Auftritt in der Öffentlichkeit führen dürfen soll. Die anderen benennen die notwendige gesellschaftliche Regulativfunktion als wichtige Errungenschaft bei der Weiterentwicklung der Menschheit und plädieren für Schuluniformen oder Burkas, je nach kultureller Ausrichtung .

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Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit in den 60-ern und 70-ern. Meine Altersgenossinnen und -genossen werden sich daran erinnern, dass die Schülerinnen schon damals zur Sommerzeit in abgeschnittenen Jeans und Tops zum Unterricht erschienen, die komplett rückenfrei waren und vorderseits interessante Einblicke erlaubten.

Ich weiß nicht, ob diese Bekleidung damals in irgendwelchen Zirkeln negativ kommentiert wurde. Trafen sich unsere besorgten Eltern heimlich abends? Berieten sie, wie ihre lieben Kleinen vor den Versuchungen des Fleisches bewahrt werden konnten? Hatte unser Direktor einen textilen Notfallplan in der Schublade? – Keine Ahnung. Wir hatten ja damals nix; keine Blogs, kein Twitter, nur die Tagesschau. Klar, unser Religionslehrer, der damals etwa so alt war wie ich heute, geriet regelmäßig ins Stottern angesichts frei gelegter Mädchenhaut. Aber ganz ehrlich – wir alle fanden das damals gut; vermutlich sogar der Religionslehrer.

Jedenfalls kann ich Ihnen noch heute berichten, dass die E., die zwei Jahre lang in der Schulbank vor mir saß, auf ihrem Rücken fünf Muttermale hatte, eines davon ziemlich groß. (Ich behaupte, eine derart präzise Aussage können die wenigsten Männer über ihre eigenen Ehefrauen machen!)
Übrigens hatten wir in den Jahren ’76 bis ’78 eine Chemielehrerin, die erstens einen roten Porsche 924 fuhr und zweitens unter ihren Blusen keinen BH zu tragen pflegte. An einem heißen Sommernachmittag, die Fenster des Klassenraums waren sperrangelweit geöffnet, waren unten auf dem Pausenhof Handwerker zu Gange, die unerwartet die Lautstärke ihres Kofferradios aufdrehten. Chemie um 15 Uhr vs. Roy Orbison:

Pretty woman, won’t you pardon me?
Pretty woman, I couldn’t help but see
Pretty woman, you look lovely as can be
Are you lonely just like me?

Chor war bei uns übrigens verpflichtendes Schulfach auch in der Oberstufe. Und so sangen urplötzlich zehn halbwüchsige Jungs den Song mit. Ziemlich melodie- und ziemlich textsicher. Wenn Sie mich nach einem Beispiel für Glück fragen wollten: In diesem Moment waren wir glücklich. Und zwar alle in der Klasse Anwesenden, gleich welchen Geschlechts, gleich welcher Generation.

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Was ich damit sagen will: Vielleicht wäre es auch heute für alle eine ganz gute Idee, von den jeweiligen ideologischen Felsen herunterzuklettern, die Keulen beiseite sowie – statt derer – gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Rücksichtnahme an den Tag zu legen, damit wir alle wieder ein bisschen stressfreier miteinander umgehen können. Das Leben könnte so schön sein.

Das ist mein Beitrag zum zehnten Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.

Mein *.txt

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7 Kommentare

  1. sie wissen aber schon, dass man im lauf des lebens ein paar muttermale hinzu bekommt?;-)

    aber recht haben sie natürlich auch! uns hat die lederminiröcke auch niemand verboten;-)

    • Na ja, ich hatte ja in den letzten vierzig Jahren keine Gelegenheit mehr, bei der E. nachzuzählen.
      Aber Lederminiröcke gab es an unserer Schule damals nicht. Das muss ein Privileg in Felix Austria gewesen sein.

    • Oha! Herzlichen Dank. So ein Lob liest man natürlich sehr gerne ;-)

  2. Pingback: Not So Wunderbra | Wortmischer

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