Not So Wunderbra

Wer sich vor 22 Jahren in London aufhielt, konnte dort ein bis zwei Blicke auf eine überlebensgroße Darstellung des tschechischen Supermodels Eva Herzigová in stark reduzierter Bekleidung werfen und je nach Stimmungslage ihren Gruß erwidern: Hello Eva, you’re looking wunderbra!

Hello Boys.

Die Anzeige wurde 1994 vom Label Sara Lee veröffentlicht und soll angeblich zu mehreren spektakulären Auffahrunfällen geführt haben. Ob Letzteres stimmt, habe ich nicht recherchiert. Tatsache ist aber, dass die Kampagne ein derartiges Aufsehen erregte, dass sogar im fernen Spanien eine – ich erinnere mich: ziemlich kritische – Glosse in der Wochenendbeilage der Tageszeitung El País veröffentlicht wurde.

Heutige Großstadtstreuner werden ganz sicher die Köpfe schütteln. Solche Plakate hängen doch längst an allen öffentlichen Werbetafeln, sogar in den versauerländischsten aller Kleinkäffer, und bewerben Billigangebote von C&A oder H&M. Damals™ war das aber noch nicht gang und gäbe; selbst wenn das Patent auf den Wonderbra aus dem Jahr 1941 (!) stammt und die Umsätze allein in Großbritannien schon vor diesem spektakulären Werbefeldzug fast bei dreißig Millionen US-Dollar pro Jahr lagen und jeder achte verkaufte BH ein Wonderbra war.

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Auch ich verstand allerdings die Aufregung damals nicht. Zum Teil lag das sicher daran, dass zaundürre, fleischlose Hühnchen wie diese Herzigová in meiner Fantasie- oder Traumwelt bis heute noch allenfalls als abschreckende Beispiele auftauchen. Zum anderen wurde ich (in erotischer Hinsicht) in einer völlig anderen Atmosphäre sozialisiert:

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an eine Nachrichtensendung, so etwa 1970 im damaligen Schwarzweißfernsehen, in der Standbilder von Frauen zu sehen waren, die öffentlich ihre Büstenhalter verbrannten. Feministische Revolte! Yeah!
Als etwa zehnjähriger Pimpf fand ich das komplett super und war davon so schwer beeindruckt, dass ich meine Mama sofort unverblümt fragte, ob sie nicht vielleicht auch ihren BH anzünden wollte. Ich würde ihr gerne dabei assistieren! Und das könnten wir doch praktischer Weise gleich auf dem Balkon machen.
Auf dem Balkon wurden bei uns schließlich alle schmutzenden und übel riechenden Angelegenheiten erledigt: Schuheputzen, Abschießen von Silvesterraketen, Rauchen, exzessives Furzen … Aber ich schweife ab.

Auch wenn meine Mutter damals mein selbstloses, wenn auch hoch engagiertes Angebot – womöglich gar mit rosig angehauchtem Gesicht? – ablehnte, so waren BHs, Bühas, Bras, Over-the-shoulder-bolder-holders in meiner Jugend so ziemlich das allerletzte, worin die Mädchen meines Alters in den nachfolgenden zehn Jahren ihre Tüten verpacken wollten.
Die Mädels ließen frei schwingen! – Dieser Umstand führte wohl ab und an zu Verklemmungen, etwa bei unserem Religionslehrer. (Das erwähnte ich bereits.) Aber ich erinnere mich an maximal zwei Mitschülerinnen in der Oberstufe, die von ihren Müttern zum Tragen von BHs genötigt wurden und die diesen elterlichen Vorgaben auch folgten. Tatsächlich gab es Mädchen, die morgens an der Straßenbahnhaltestelle ihre Brustgeschirre verschämt im Schutze des Kreises ihrer Freundinnen aus den Jackenärmeln fädelten und in ihren Schultaschen verschwinden ließen, bevor sie sich damit an der Schule hätten blicken lassen.

Verständlich, wie ich finde. Denn weder Jungs noch Mädchen hätten damals angenommen, dass auch nur eine einzige unserer weiblichen Idole beziehungsweise Traumfrauen je einen Büstenhalter getragen hätte. Stellen Sie sich mal Joan Baez, Janis Joplin, Grace Slick oder etwas später Stevie Nicks mit BH vor. Nein, niemals, im Leben doch nicht!

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O tempora, o mores! – Siehe Cicero oder meinetwegen Asterix. Ich weiß gar nicht, wie das heutzutage gehandhabt wird mit dem Wippen an den weiblichen Rippen. (Schon gut, Herr Fendrich, ich zitier‘ Sie und Ihr „Oben ohne“ ja auch hiermit brav.)
Ich habe zwei Töchter: Eine, die ältere, eher in der Gewichtsklasse von Claudia Cardinale; die jüngere mehr so der Herzigová-Typ. Soweit ich das beurteilen kann, besitzen beide keine Bruststützen, also auch keine push-up Wonderbras. In der Wäsche finden sich jedenfalls keine, wenn man mal sommers von Bikinioberteilen absieht.

Ich bedanke mich natürlich für alle sachdienlichen Hinweise kundiger Dritter zum gesellschaftlichen Status Quo erhebender Notwendigkeiten.

Das ist ein Beitrag zum Buchstaben W wie Wonderbra meines eigenen Schreibprojektes für jedermann: Kleider machen Leute – von A bis Z

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