Über Kunst und den Preis der Kunst

Eines war klar: Clara* brauchte Geld. Zaster, Money, Pinkepinke, Kohle. Wenn sie nicht in den nächste Tagen mindestens einen Hunni in die WG-Kasse einzahlen konnte, würden sie ihre Mitbewohnerinnen an die Luft setzen. Die beiden waren gerade ziemlich krass sauer auf Clara.
Ihr Problem war, dass es im Moment keine Alternativen gab. Ihr fester Stecher hatte Clara den Laufpass gegeben, weil er sich irgend so ein dürres Hühnchen angelacht hatte. Und andere Unterkunftsmöglichkeiten taten sich auch nicht unbedingt auf. – Also, Clara: Penunse ranschaffen!
Sie stand vor dem schwarzen Brett des Supermarktes und studierte die handgeschriebenen Kleinanzeigen: Putzhilfe gesucht, Haushaltshilfe benötigt, Babysitterin für ein bis zwei Abende pro Woche …
Alles Mist. Clara hatte keinen Bock, sich die Hände wund zu scheuern oder ihre Abende mit schreienden Gören zu verbringen.

Aber hallo, halt, was war das denn! – Künstler sucht laufend Rubensfrauen als Aktmodelle, 50 € pro Stunde.
Rubens ging klar. Clara hatte ein paar Pfunde zu bieten. Da würde sie anrufen. Hingehen, ausziehen, rumsitzen und der Uhr beim Tickern zuhören. Abkassieren.

~

Clara stand vor einem abgefuckten Wohnblock im Westend der Stadt. Komische Adresse für das Atelier* eines Künstlers, fand sie. Aber ohne Zweifel, der Typ am Telefon hatte ihr genau diese Adresse genannt. Ein bisschen merkwürdig hatte er schon geklungen am Telefon. So ’ne fistelige Krächzestimme, dass sie anfangs gedacht hatte, sie würde mit einer Frau mit Bronchitis telefonieren. Aber egal. Nur Bares ist Wahres.

Der Kerl, der ihr die Tür öffnete, war dann wirklich schon ’ne Nummer: Ein paar Zentimeter kleiner als sie selbst und höchstens halb so schwer. Ein Spichtel mit langen grauen Haarsträhnen auf dem Kopf, in Batik-T-Shirt und Schlotterjeans, die mit Farbklecksen bedeckt waren. Späthippie oder sowas, dachte Clara.
Aber dann stand sie schon in einem weiten Raum, der wahrscheinlich durch Entfernen aller Innenwände der Wohnung entstanden war, und besah sich die großformatigen Bilder, die an den Wänden lehnten. Seltsames Zeug. Knallige Farben, flächige Malerei. War das Acryl oder Öl? Clara hatte keine Ahnung. Sie blieb vor einem grellen, klecksigen Bild in türkis, rot und grün stehen.

Frauenakt in Türkis

Dafür brauchte dieser Heini ein Modell? Und zahlte auch noch Stundenlohn? Na ja, ihr sollte es recht sein.

Wo sind die anderen?* Wo bleiben sie denn?“ Der Pinselstricher wirkte nervös.
„Welche anderen?“, wollte Clara wissen.
„Die anderen Frauen natürlich, mein liebes Kind! Ich habe für heute fünf Modelle einbestellt. Mir schwebt etwas Gewaltiges vor. Eine Orgie wallenden Fleisches. Ein wollüstiges Portrait unserer Gesellschaft! Ich hab doch gesagt, sie sollen alle unbedingt pünktlich sein. Ich hab keine Lust, Euch fürs Rumstehen zu bezahlen.“

Schließlich hieß der Spichtel Clara, sich schon mal auszuziehen und noch einen Moment zu warten. Falls ihn die anderen Frauen tatsächlich versetzten sollten, würde er eben mit ihr vorlieb nehmen. Immerhin habe sie ja eine vernünftige Figur, aus der sich etwas machen ließe.
Als er den Atelierraum verließ, schielte Clara zu dem türkisen Gekleckse hinüber und fragte sich, wie sie selbst wohl demnächst auf einem Gemälde aussehen würde. Das Geld hatte der Pinselstricher noch mit keinem Wort erwähnt. Trotzdem schlüpfte sie aus ihrer Kleidung. Im Atelier war es brütend warm.

Sie hatte gerade Hose, T-Shirt, Bluse und Wäsche in einer einigermaßen sauberen Ecke des Raumes aufeinander getürmt, als erneut die Türglocke schellte, gefolgt von einigen lautstarken Rufen, rumpelnden Geräuschen und dem empörten Fistelgekreische von Rembrandt.
Schon flog die Alteliertüre auf, und vier Uniformierte stürmten den Raum. Ein fünfter schob den kreischenden Künstler vor sich über die Schwelle, dann kehrte auf einen Schlag Ruhe ein, und alle Anwesenden starrten sich gegenseitig an.
„Wer sind Sie denn?“, wandte sich eine der Polizistinnen an Clara, die vergebens versuchte, mit beiden Händen ihre Blößen zu bedecken.
„Ich? Ich bin sein Modell.“ Sie nickte in Richtung des Pinselstrichers. Als die fünf Beamten grinsten und der Künstler den Kopf senkte, wurde sich Clara auf einmal  der Groteske ihrer Situation bewusst und errötete.

„Wir nehmen Sie fest wegen Vertragsbruch und fortgesetztem Betrug“, leierte einer der Polizisten herunter, legte dem Künstler einen Kabelbinder* um die Handgelenke und zog die Schlaufe zu.
„Was ist mit Ihnen, Fräulein …?“ Eine der uniformierten Frauen blickte Clara an. „Wollen Sie auch Anzeige erstatten, wie seine anderen Modelle?“
„Äh, wieso?“, wollte Clara wissen.
„Na ja, er hat keines seiner Modelle bezahlt. Hat er Sie bezahlt?“
„Das weiß ich noch gar nicht.“ Clara blickte den Maler an. „Bezahlen Sie mich? Ich bin seit zwei Stunden hier. Macht ’nen Hunderter, oder?“
Das war zwar gnadenlos übertrieben, aber Clara fand, das Geld hatte sie sich verdient.

~

Wenig später marschierte sie mit einem Grinsen auf dem Gesicht die Straße entlang. Sie pfiff* den Radetzky-Marsch. Denn Clara hatte eine Schwäche für Operette. Und das gerade eben war ja wohl mit Abstand das Operettenhaftigste, das ihr in ihrem jungen Leben passiert war.

In der Hintertasche ihrer Jeans steckten zwei Fuffziger, die sie ungemein fröhlich stimmten.

*) Dies ist sozusagen eine Auftragsarbeit, ausgelöst durch Jutta Reichelts Geschichtengenerator, den ich in der Mutterkiste bei Dora gefunden habe. Mit dem Zufallsgenerator habe ich gewürfelt und eine Figur, einen Ort, einen Satz und einen Joker gezogen: Clara (kann sehr laut pfeifen), Atelier, Wo sind die anderen?, Kabelbinder. – Heiliges Kanonenrohr, dachte ich. Was machste jetzt daraus?
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12 Kommentare

  1. Was für eine verrückte Idee, mit diesem Assoziationsgenerator. Aber ich war ganz lang bei Dir in Deiner Geschichte. Solange bis die Polizei das Atelier stürmte. Vor dieser Abzweigung jedoch wäre mir etwas ganz anderes eingefallen zu den Stichworten Atelier, Aktmodell und Kabelbinder ;-)

    Aber trotzdem, sehr gelungene Umsetzung zu den wahnsinnigen Vorgaben!

    • Danke! Und das glaub ich sofort, dass Deine Geschichte anders verlaufen wäre ;-)

  2. Freut mich sehr, dass du den Geschichten-Generator ausprobiert hast! Die wichtigste Regel für einen ergiebigen Umgang mit ihm ist: Alles ist erlaubt. Eigentlich geht es „nur“ darum, die Idee für eine Geschichte zu finden. Wenn man die hat, kann man einfach loslegen und wenn am Ende keins der Worte in der Geschichte auftaucht, ist das vollkommen in Ordnung ,-) Schöne Grüße!

    • Danke sehr. Ich hab die Stichworte weniger als Möglichkeiten sondern als Herausforderung gesehen: Irgendwie muss alles rein! Das war nicht einfach ;-)

  3. Haste was schönes draus gemacht (ob ich ihren ex-typen stecher genannt hätte…nun ja ;-) ) …war klasse zu lesen. und das mit dem generator muss ich mir morgen mal bei tageslicht genauer angucken :-D . Liebe Grüße von
    Andrea

    • Danke sehr für die insgesamt positive Rückmeldung!

      Und was den „Stecher“ und so einigen anderen Formulierungen betrifft: Claras Gedankenwelt und insbesondere ihre Ausdrucksweise sind nicht meine eigenen Ansichten. Die gehören zur Geschichte :-þ

      Den Generator kann ich zur Schärfung der Gedanken wirklich nur empfehlen.

  4. Lieber Wortmischer,

    ich bin am Schluss an dem Satz „eine Schwäche für die Operette“ hängen geblieben. Eine Schwäche für etwas haben, diese Redewendung ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. Ich frage mich, ob das das Gleiche bedeutet, wie eine Vorliebe für etwas haben.
    Nun ja, Eigenschaften scheinen als „Schwäche für“ eher neagativ konnotiert zu sein, in der Begrifflichkeit der Vorliebe anscheinend als positive Eigenschaft betrachet.

    • Ich weiß nicht? – Nach meinem persönlichen Empfinden ist dei „Schwäche“ mehr mit Herzblut verbunden, während die „Vorliebe“ verstandgesteuert daherkommt. Aber wahrscheinlich nimmt das jeder Leser anders auf. Das ist ja das Spannende an Texten ;-)

    • Ah, interessant, Herr Wortmischer! Schwäche entstammt sprachlich aus dem Bereich des Gefühls, während „Vorliebe“ ein Begriff aus dem Kognitiven ist.

    • Ja, genau. Also so deute ich jedenfalls die Unterschiede. Ob das allerdings sprachwissenschaftlich haltbar ist, das mag ich lieber nicht beurteilen. Da müssten Experten ran, die auf diesem Feld deutlich mehr drauf haben als ich, der ich solche Differenzierungen rein aus dem Bauch heraus treffe.

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