Die Zuckerdose

Als der Frau Kaltmamsell neulich der Mantel geklaut wurde, drängte sich eine alte Familiengeschichte in meine Erinnerung zurück, die wahnwitzig aber eben auch so wahr ist, dass ich sie hier nicht unerzählt lassen kann. Es hatte sich nämlich vor zig Jahren ergeben, dass eine der unzähligen Tanten der Schmerzdame ins ferne Kanada ausgewandert war. Der gefiel es scheinbar so gut am Strand an der Wiese in Calgary, dass sie sich dort verheiratete und bis zum Ende ihrer Tage lebte. Als dieses Ende schließlich erreicht und die Tante nicht mehr war, machte sich der Ehemann auf den weiten Weg nach Deutschland, um der Familie die eingeäscherten Überreste der Tante sowie einige Erbstücke zu überbringen, damit dem letzten Wunsch der Verblichenen Genüge getan werden konnte.

Nun war auch der kanadische Ehemann ein Herr in hohem Alter, dem die Reise nach Europa zu schaffen machte. Schon der Flug nach Paris muss eine Strapaze gewesen sein und auch die Zugreise nach München war offenbar nicht gerade eine Erholungstour für den älteren Gentleman. Und irgendwo, irgendwann, noch auf französichen oder bereits auf deutschen Gleisen machte er sich von Hunger gepeinigt auf den Weg in den Speisewagen. Gutgläubig wie Kanadier offenbar sind, ließ er dabei sein Hab und Gut zurück im einsamen Zugabteil. Und natürlich kam, was kommen musste: Als der Reisende gesättigt zurückkehrte, fehlte sein Handgepäck, ein alter Rucksack.

An sich war das schon eine dumme Sache, da der Herr des Deutschen überhaupt nicht mächtig war und sich im Rucksack all seine Reiseunterlagen und Ausweispapiere befanden. Doch diese unerquickliche Sachlage wurde in tiefen Schatten gestellt durch die Tatsache – Sie ahnen es längst! -, dass sich im Rucksack auch die Urne und die Erbschaft in Form einzeln verpackter und mit Namen versehener Krüger-Rand-Münzen befunden hatten.

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Irgendwie schaffte es der alte Herr, den Schock zu überwinden, den Raub bei der Bahnhofspolizei in München zur Anzeige zu bringen und die Eltern der Schmerzdame ausfindig zu machen. Dort zeigte er sich untröstlich und bekniete die beiden, seine Schande nicht an die Familie weiterzutragen. Wie sollte er das Verschwinden der Asche seiner armen Frau der Verwandtschaft nur erklären?

Jedenfalls ließ er am nächsten Morgen meine Schwiegerelternschaft mit bedrückten Herzen im Hause zurück und überraschte sie Stunden später mit der Beute seiner Einkaufstour in der Münchener City: einer weißen Porzellanzuckerdose. – Man könne doch, so meinte der verzweifelte Gentleman, mit ein wenig Kaminasche …

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Diese Geschichte hätte in einem bösen Familienkrieg enden können, wenn nicht findige Reporter die unglaubliche Story eines in Asche reisenden Kanadiers im Polizeibericht gefunden und schon unter die Zeitungsleser gebracht hätten. Denn auf diese Weise erfuhren einige Verwandte bereits beim Frühstückskaffee aus der Rubrik „Vermischtes“ vom Verbleib der Familienleich‘, so dass sich die Zuckerdose glücklicherweise nie füllen musste.

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