Papierlos lesen (5)

Je länger ich mich mit dem Thema E-Books und den Lesemöglichkeiten befasse, desto unübersichtlicher nehme ich die Angelegenheit wahr. Grundsätzlich stören mich mehrere Rahmenbedingungen am heute gängigen Angebot der E-Book-Anbieter:

  1. Die Eigentumsrechte an „gekauften“ E-Books entsprechen nicht den marktüblichen Usancen. Wenn ich mir zum Beispiel über den Shop von Amazon eine Bibliothek anlege, verliere ich umgehend den Zugriff auf alle erworbenen Bücher, sobald ich meinen Account lösche. Außerdem kann ich gekaufte E-Books nicht weiterverkaufen. Als Gegenbeispiel führe ich den Kauf von Musik- oder Hörspiel-CDs an: Eine CD, die mir gehört, kann ich jederzeit parallel im MP3-Format abspeichern und auf dem Smartphone hören. Ich kann die CD aber auch verkaufen und müsste dann eben die MP3-Kopie wieder löschen; die Einhaltung dieser Vorgabe obliegt aber mir selbst. Ein E-Book darf ich jedoch nicht verkaufen. Oder kopieren, selbst wenn das technisch funktionieren würde. Zu dieser Fragestellung hat Udo Vetter eine aktuelle juristische Betrachtung veröffentlicht: Warum darf ich mein E-Book nicht verkaufen?
  2. Eine Weitergabe, also das Ausleihen von E-Books an Freunde oder Partner ist praktisch nicht möglich. Ich kann meine E-Books nicht verleihen, auch wenn ein gewisser Dovid in einem Kommentar dafür eine Lanze bricht: „Leih dir mal von einem bekannten für zwei Wochen ein Amazon kindle und dann sag mir nochmal, dass man so keine Bücher lesen kann/mag/liebt.“ – Dovid mag ja durchaus Recht haben, ich mag es nicht beurteilen. Aber was macht mein Bekannter, während der zwei Wochen? Er hat mir ja nicht nur ein E-Book geliehen sondern seine gesamte Bibliothek und kann solange selbst nicht lesen.
  3. Im Zusammenhang mit fehlenden Eigentumsrechten und Weitergabemöglichkeiten sorgt das Digital Rights Management (DRM) für zusätzliches Ungemach: Partner und Kinder, die gerne gemeinsam ein einziges Lesegerät verwenden möchten – weil es vielleicht nur eines gibt im Haushalt -, können ihre E-Books, die unter verschiedenen DRM-Kennungen erworben wurden, nicht zusammenführen. Sie müssen unterschiedliche E-Reader nutzen, jeder mit seiner eigenen Kennung. Das ist so, als ob jedes Familienmitglied dazu gezwungen würde, ein eigenes Bücherregal aufzustellen, auf das immer nur eine Person zugreifen könnte. – Wie realitätsfremd ist das denn?
  4. Die fehlende Standardisierung und Offenheit der E-Book-Angebote macht mich kirre. In mein hölzernes Buchregal kann ich alle gedruckten Bücher stellen, die ich – auf welchem Weg auch immer – angesammelt habe. Verlage können nicht verhindern, dass ich ihre Bücher neben die der Konkurrenz einreihe, Buchhandlungen können keinen Einfluss darauf nehmen, woher meine Romane kommen. Und wenn ich ein Buch vom Flohmarkt einstellen möchte, kann das niemand verhindern. – Aber die Verkäufer von E-Book-Readern nehmen sich genau diese Gängelung ganz selbstverständlich heraus. Auf Amazon-Kindles ist nur deren hauseigenes E-Book-Format lesbar, auch andere Lesegeräte verhindern zum Beispiel die Aufnahme von digitalen Büchern aus Onleihe-Büchereien. Jeder Anbieter will seinen Anteil am Kuchen so groß wie möglich machen. Das verstehe ich zwar unter kaufmännischen Gesichtspunkten. Aber für mich akzeptiere ich es nicht.

Fazit: E-Book-Reader aus dem aktuell verfügbaren Angebot sind großer Mist. Das Problem sind aber nicht die sicherlich in funktionaler Hinsicht tollen Lesegeräte sondern das grundsätzlich unausgereifte E-Book-Konzept. Es fehlt hier jegliche Konsumentenorientierung. Mich habt ihr jedenfalls abgehängt, auch wenn ich zähneknirschend weiterhin tote Bäume im Wohnzimmer anhäufen muss. Aber es bleibt natürlich trotzdem spannend; wird sich irgendwann eine wirklich verbraucherfreundliche Lösung etablieren?

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Bisher durchgenudelt zum Thema „papierlos lesen“:

  • Teil 1 fasst meine Wunschvorstellungen zu einem E-Book-Lesegerät zusammen, ohne auf bestimmte Geräte einzugehen.
  • Teil 2 berichtet über einen merkwürdigen Fall der Löschung gekaufter E-Books durch Amazon.
  • Teil 3 beschäftigt sich mit dem E-Book-Abodienst Skoobe für Vielleser.
  • Teil 4 weist auf einen umfangreichen Artikel hin, der sich mit dem Für und Wider gedruckter und digitaler Texte unterschiedlicher Medien beschäftigt.
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10 Kommentare

  1. Was mich bei eBooks vor allem abschreckt, sind die Preise.
    Ich sehe nicht ein, warum ich für ein derart eingeschränktes elektronisches Produkt fast genausoviel zahlen soll, wie für ein Taschenbuch.
    Eine digitale Leihe würde ich mir ja noch eingehen lassen; dass das Buch gelöscht wird, sobald ich damit durch bin, und dafür sagenwirmal (wie in der Bibliothek) einen €uro oder so zahle (wobei das „Durchsein“ digital zu erfassen auch nicht so ganz einfach ist, wenn ich an meinen wild blätternden Junior denke). Dann wäre mir der DRM- und Lizenzierungsquatsch mehr oder weniger Wurscht und ich würde hinnehmen, dass ich nicht wie in der Bibliothek mir einzelne Seiten kopieren kann und meine Frau und die Kids das Lesen des Buch eben nochmal zahlen müssen, wenn sie es auch lesen wollen.

    Aber die Anbieter gehen ja noch viel weiter. Als ich neulich in Spanien ein deutsches (zugegebenermaßen kostenloses) eBook auf mein Android-Handy runterladen wollte — ging das nicht! Offizielles Statement von Google: „Laden Sie Bücher in ihrer Muttersprache herunter, _bevor_ Sie das Land verlassen“ …
    Was dann auch wiederum zum Teil 2 gehört, ist eine Geschichte aus der c’t von jemandem, der seine ganzen Bücher verkauft hat, um sich anschließend die elektronische Variante davon zu laden. Leider kann (in diesem Fall Amazon) nichts mit der EU-Freizügigkeit anfangen – mit einem deutschen Account darf man bei Amazon UK nix einkaufen beziehungsweise die mit einem deutschen Account lizenzierten Bücher verfallen ersatzlos, sobald man sein Land ändert.

    Ich schließe mich also direkt an: die eBook-Industrie kann mich aktuell auch kreuzweise …

    • Die Nationalbeschränkung beim Buchkauf kannte ich bisher noch gar nicht. Das ist ja ein Supergau. Ich würde ausrasten, wenn ich in meinem Bücherregal keine spanischen neben die deutschen Bücher stellen dürfte. – Vollkommen unbegreiflich, welche Blüten der E-Book-Markt treibt.

    • Mein Beileid. Aber machen Sie sich nichts d’raus. Ich hatte auch so ein Teil herumliegen, das ich dann enttäuscht an Tochter 3.0 weitergab. Die holt sich damit jetzt Digitales aus der Onleihe-Bücherei. – Wenigstens zu etwas gut.

  2. Ernüchternd, leider. Ich habe ganz andere Vorbehalte aber mit diesen durchaus ernstzunehmenden scheint mir auf lange Sicht, keine Alternative zum Baum im Wohnzimmer zu existieren.

    • Ja, der Trend geht ja inzwischen zum Zweitbaum im Regal. Aber was mich ärgert, ist die Tatsache, dass die Marktherrscher uns – also die Leserinnen und Leser, immerhin ihre Kunden – so unverschämt veräppeln. Ich kaufe nicht mehr bei Amazon. Bücher hole ich mir in der kleinen Buchhandlung vor Ort, Elektronik entweder bei Conrad oder die teuren Sachen bei notebooksbilliger.de. (Aber wahrscheinlich ist Letzteres aus irgendwelchen Gründen auch schon wieder falsch.)

  3. Das Problem bei eBooks ist eben die Tatsache, dass im Sinne der Elektronikindustrie versucht wird, das Buch an sich zu kopieren. Was aber mit all seinen Ausprägungen nicht gelingt. Befriedigt wird nur die Elektronikindustrie, welche ihre Überkapazitäten auf diese Art versucht, zu kompensieren, da der Handymarkt letztendlich nicht mehr in dem Maße wächst, wie es die Industrie gerne hätte.

    Aber zum Thema Bäume – in Deutschland werden fast ausschliesslich nur noch Hölzer aus Wiederaufforstung benutzt. Ich glaube die Umweltbillanz kann sich immer noch sehen lassen. Und ja – ein gedrucktes Buch kann ich noch in 30 Jahren lesen. Bis dahin würden bestimmt 8-10 eReader benötigt werden und die damit verbundenen Upgrades usw…

    Gruß,

    Oliver 2.0

    • Danke für die wahren Worte. Ja, ich denke ebenfalls, dass das derzeitige Konzept E-Book langfristig keine Zukunft hat und bestenfalls einen Teil der Leserschaft abschöpft; nämlich diejenigen, die Bücher wie Zeitungen lesen und danach vergessen/entsorgen. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.

      Wir anderen werden uns weiterhin an gedruckte Bücher halten. Das sagt einer, der eben den „Schatten des Windes“ zum vierten Mal durch hat und ebenso verzaubert ist wie nach dem ersten Mal.

    • Ich lese Bücher, die mir gefallen immer mehrmals. Und den „Schatten des Windes“ habe ich jetzt noch einmal als Vorbereitung für den „Prisionero del Cielo“, den dritten Teil, gelesen. Es heißt im Klappentext, dass nun die Fäden des ersten und zweiten Romans zusammenlaufen würden. Daniel und Fermín werden mit ihrer größten Herausforderung konfrontiert …

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