Im Blogspiegel

Venus im Spiegel, Diego Velazques

Venus im Spiegel, Diego Velazques

 
Vor beinahe einem Monat und elf eigenen Einträgen bin ich hier beim Wortmischer als Schreiberin untergeschlüpft. Unbedarft, neugierig und naiv. Wenn ich mir heute einmal vom Bloggerengelchen den Spiegel vorhalten lasse, erkenne ich mich nur mit Mühe wieder.

Von Montag bis Freitag ist meine erste Tat nach Ankunft am Schreibtisch der Besuch in der Kommentarabteilung des Blogs. Hat jemand eine Antwort hinterlassen? Sollte ich selbst darauf reagieren?
Und bei jedem Text, den ich lese, bei jeder Begebenheit, die mir widerfährt, geht mir der Gedanke durch den Kopf, ob sich daraus nicht eine Geschichte machen ließe. Inzwischen habe ich längst nicht nur die elf veröffentlichten Beiträge getippt sondern mindestens die doppelte Menge in Form von Entwürfen, von denen ich die meisten wieder gelöscht und den Rest als dämlich auf Eis gelegt habe. Mein Leben ist zu einem Notizbuch geworden, in dem sich möglicherweise veröffentlichungswürdige Textfragmente stapeln.
Das macht mich manchmal richtig nervös. Wie kriegt man das nur hin, mit schöner Regelmäßigkeit witzige, nachdenkliche, aber wenigstens interessante Einträge von sich zu geben? Muss man dazu eine besondere Ader haben? Eine Art innere Lektorin, die innerhalb von Minuten die guten Texte ins Entwurfstöpfchen und die schlechten in den Papierkorb einsortiert?

Wenn es so eine Lektorin gibt, dann fehlt sie mir jedenfalls. Ich schreiben, grüble, ändere, fange wieder von vorne an, lösche irgendwann die paar Zeilen, die ich mir bis dahin abgerungen hatte. Es ist ein Kreuz mit meiner inneren Zensur.
Vielleicht liegt meine Entschlussunfähigkeit ja daran, dass mir das eigene Thema fehlt? Einfach so ins Blaue schreiben, emfinde ich als unwahrscheinlich schwierig. Ich fühle mich meist wie eine Schriftstellerin, die einen Abgabetermin des Verlages näher rücken sieht und noch nicht einmal eine Idee für den Roman hat.

Was rät die Lektorin so einer Schreiberin? Schreib irgendwas, das wird schon? Oder: Halt die Klappe, solange Du nicht weißt, worüber Du schreiben willst?

Wie auch immer, ich bin gerade ziemlich genervt von der Situation, in die ich mich begeben habe. Ich weiß auch noch nicht, wie ich damit umgehen werde. Ob ich mich in Schweigen hüllen will oder einfach drauf los tippen. Sicher ist nur, das ich mich nicht mehr selbst unter Druck setzen werde.

Nimm den Spiegel weg, Engelchen, und mach lieber einen auf Lektorin. Doofe Putte.

Eure Charlotte

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4 Kommentare

  1. Liebe Charlotte,

    das kenne ich gut, das mit der inneren Zensur. Und ich find spannend, wie sich die Tatsache, dass man schreibt, auf den Alltag auswirkt. Wie man Dinge anders erlebt, anders beobachtet, anders interpretiert, weil man gleichzeitig überlegt, wie man darüber schreibt, ein paar Pointen dazu fügt, was man weglassen kann…

    Seit mittlerweile einem knappen Jahr schreibe ich täglich Forscherinnentagebuch. Manchmal 10 Minuten, manchmal eine Stunde, in der Früh, wenn die Träume einem noch die Sinne vernebeln, die Kontrolle hinuntergefahren ist. Nicht, dass so jedes Mal wahnsinnstolle Texte entstehen. Aber der Druck ist weg. Der Druck, etwas Tolles schreiben zu müssen, weil man, wenn man noch im Halbschlaf ist, eben nicht täglich etwas total Tolles schreiben kann. Wichtig: Die Hand muss dabei in Bewegung bleiben. Das hilft vor zu viel Nachdenken und zu viel Selbstzensur. Manchmal entstehen so nur Fragmente, manchmal lernt man sich dadurch selbst besser kennen, manchmal aber entstehen Ideen oder Anfänge für einen richtig guten Text. Und wenn nicht, dann hat man zumindest geübt und gelernt.

  2. geht mir auch so, obwohl mans nicht immer in meinem blog sieht. schreiben kann und wird nicht immer sensationell sein. aber erstaunlicherweise entwickeln sich die sachen, die so harmlos anfingen, zuweilen zu einem richtigen knaller. man muss sie nur lassen und die selbstzensur ausschalten. (seit allerhand zeit schon habe ich diese ein szene aus „fame“ vor mir: da sitzen sie im schnee an einem zaun und spielen irgendetwas russisches nach, ohne sich um die passanten zu scheren. und irgendwann sagt er zu ihr, dass es zum job gehört, die torte im gesicht zu ertragen.)
    ich denke, übrigens auch beim malen, wer sich ausstellt, hat keine andere chance, als so richtig, richtig tief in sich selbst zu graben. erst dann werden die dinge aussergewöhnlich. denn oberflächliches geplätscher sehen wir doch überall.

  3. Das Dilemma kenne ich gut, habe für mich aber einen guten Weg da heraus gefunden, indem ich nämlich täglich etwas schreibe. Es kann ja beim besten Willen niemand – auch nicht man selber – erwarten, dass dann jeden einzelnen Tag etwas Tolles dabei herauskommt! Insofern kann man da ganz unbefangen sein.

    Manchmal ist dann was Schönes dabei, immer natürlich nicht. Aber zumindest gibt es keine Hemmschwelle mehr. Ich weiß an grob 90% der Tage nicht, was ich schreiben werde. Ich öffne das Fenster und schreibe den ersten Satz, der mir durch den Kopf geht. Von da entwickelt sich irgendwas, oft ist es dann etwas ganz anderes, als ich anfangs dachte, so dass ich den Anfang dann weglösche.

    Ganz Verstummen ist natürlich auch eine Lösung. Wenn man eigentlich gerne etwas schreibt, ist es aber schade. Und um die schönen Texte, die irgendwo zwischen dem Alltäglichen herausgekommen wären, auch.

  4. Erstaunlich. Ich hätte gar nicht gedacht, dass sich überhaupt jemand zu meinem Stoßseufzer äußert. Aber noch erstaunlicher ist, dass sich nur Frauen zu Wort melden. Scheinbar haben Männer das Problem nicht.

    Euch dreien jedenfalls vielen Dank für die aufmunternden Worte. Interessant ist, dass ihr alle drei verschiedene Schreib-Rezepte habt. (Wahrscheinlich heißt das, dass ich selbst ein eigenes viertes entwickeln muss. Das hätte sicher zumindest mein Statistiklehrer behauptet.)

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