Winter?

Eiszweige am Niddapark

Erster Weihnachtsfeiertag vor ungefähr vierzig Jahren: Der kleine Wortmischer und sein noch kleinerer Bruder F. leiden noch an den heftigen Nachwehen der Christmette, als sie unbarmherzig aus dem Schlaf gerissen, von der fürsorglichen Mutter in lange Unterhosen, Jeans, Rollkragenpullover gesteckt und mit Köfferchen, Holzskiern und Lederskischuhen in Richtung Stadtmitte chauffiert werden. Dort besteigen sie einen Reisebus mit der Aufschrift „Sport Scheck“, der sie innerhalb von zwei oder drei Stunden in ein österreichisches Skigebiet verbringt. Die Wortmischereltern winken dem Bus hinterher und eilen sogleich nach Hause, einer kostbaren kinderfreien Woche entgegen.

So verlief meine Weihnachtswoche samt Silvester und Neujahrstag über vier oder fünf Teenagerjahre hinweg. Ich habe sie genossen: Schnee ohne Ende, Skifahren, Spaghetti Bolognese bis zum Abwinken und – nicht zu vergessen – das berauschende Gefühl der Verantwortung für den ängstlichen kleinen Bruder. Das war überhaupt das Beste. Der F. liebte es, in den Abendstunden eine Tafel Schokolade auszupacken, sich diese von älteren Skifreizeitlern abnehmen zu lassen und sofort lauthals nach dem großen Bruder zu brüllen. Und ich liebte es, diesen Kerlen die Schokolade wieder abzutrotzen und dabei nicht mit dem Austeilen von Stößen und Schlägen sparsam zu sein. Big Brother eben. Stolz präsentierte der F. den schockierten Eltern nach der Rückfahrt ein blaues Auge, das aber gar nicht so schlimm gewesen sei, weil ja stets der Wortmischer antrat, ihn zu rächen.

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Das alles aber ist heute eher Nebensache. Denn worum es mir eigentlich geht, ist die Tatsache, dass wir damals immer zuverlässig mit Unmengen an Schnee rechnen konnten. Zu Hause, in der Stadt und erst recht in der Skifreizeitwoche. Ich erinnere mich an riesige Schneeberge, die von Dezember bis Februar an den Straßenrändern lagen. Das war einfach so. Immer, all die Jahre über. Und schulfrei hatten wir wegen der Schneeberge nie. Denn sie gehörten einfach zu unserem Winterleben.

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Zeitsprung, Ende Dezember 2012: Die Tagestemperaturen liegen bei rund 15°C, es regnet wochenlang in Strömen. Wenn all diese Wassermassen als Schnee vom Himmel fielen, dann hätten wir endlich wieder solche Schneeberge, an die ich mich erinnere. Die Massen fallen aber leider flüssig vom Himmel, und wir brauchen Kellerpumpen statt Schneeschippen.

Ach, vor ein paar Tagen ist er dann doch noch angekommen, der Winter. Siehe Foto. Mitte Januar. Mit Eisregen und Schneefall. Nichts Dramatisches, in ein oder zwei Wochen wahrscheinlich wieder vorbei. Aber die Schulen schließen sofort ihre Pforten. – Weicheier!

Der Hobbit – über Kinofilm und Buch

Nach dem Kinobesuch vor zwei Wochen habe ich mir nach vielen Jahren wieder einmal meine Ausgabe des Hobbit aus dem Regal genommen. Das Buch wurde, wie natürlich alle wissen, zum ersten Mal im Jahr 1937 aufgelegt, in dunklen Zeiten, damals; die hier abgebildete Ausgabe stammt aus der vierten Auflage aus dem Jahr 1978.

Buchcover: The Hobbit, 4. Auflage, 1974

Ich konnte nicht widerstehen und habe gleich noch einmal mit dem Lesen angefangen. Dabei sind mir drei Dinge aufgefallen, die ich gar nicht mehr präsent hatte, oder die ich vielleicht auch erst mit dem Abstand der Jahre erkenne. Zum Ersten war ich sehr erstaunt, wie eng sich Regisseur Jackson an die Originalhandlung gehalten hat. Teilweise wurden sogar die Dialoge aus dem Buch im Film wiedergegeben. Bisher die gröbste Abweichung gegenüber der gedruckten Geschichte stellt dieser „Albino-Ork“ dar, den es im Buch überhaupt nicht gibt. Außerdem wird der Zauberer Radagast im Buch zwar knapp als Cousin Gandalfs erwähnt, fährt aber keinesfalls auf einem von Hasen gezogenen Schlitten durch die Lande.

Im Großen und Ganzen wurde im Kinofilm an zwei Schrauben gedreht: Die Kampf- und Actionszenen wurden mit dem Faktor hundert vervielfacht; Verbindungen zum Herrn der Ringe wurden eingebaut, die im Roman nicht vorkommen: Frodo, Galadriel und Saruman beispielsweise haben ihre ersten Auftritte erst in der Ringe-Trilogie, nicht im Hobbit.

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Zum Zweiten stelle ich fest, dass der Hobbit in der Tat ein Kinderbuch ist. Die Geschichte ist durchaus bereits für unter Zehnjährige geeignet; es wird viel mehr erzählt als im Film und viel weniger gekämpft. Außerdem ist das Englisch des Romans so einfach gehalten, dass es nicht nur jüngere Muttersprachler sondern auch fremdsprachige Leser verstehen, die erst am Anfang des Englischlernens stehen. Ein toller Tipp als Schullektüre? – Steht aber wahrscheinlich auf keiner Liste deutscher Kultusministerien. Wegen mangelndem Realitätsbezug, nehme ich an. Schade.

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Und zum Dritten habe ich festgestellt, dass meine Buchauflage Abbildungen von (zum Teil kolorierten) Zeichnungen enthält, die von J.R.R. Tolkien selbst stammen. So steht es jedenfalls auf der inneren Titelseite: „Illustrated by the Author“. Auf dem Beispielfoto seht Ihr den Hügel, in dem Bilbo lebt, so wie ihn sich Tolkien vorgestellt hatte.

Illustration: Hobbiton, J.R.R. Tolkien

Die Sandelholzstrafe

Mit Nobelpreisträgern ist das ja immer so eine Sache. Es gibt fast immer Kommentare, nach denen der eine oder andere Preisträger nicht würdig sei; weil sie oder er in Wirklichkeit nichts dafür getan hätte, das die Verleihung rechtfertigen könne; weil sie den Preis nur als Quotenfrau bekommen habe; weil er ihn ohnehin nur stellvertretend für diese oder jene gesellschaftliche Gruppe erhalten habe; oder weil ja eigentlich endlich der Kollege N.N. dran gewesenn sei, das gäbe es doch nicht, dass der noch immer nicht …

Dieser Beitrag wurde an eine andere Stelle im Netz der Netze ausgelagert. Dorthin, wo er besser passt. (Juli 2022)

Bill Beau Beutlin

„Stand an der Kasse im Supermarkt an der Elben. Hobbit alles eingekauft und war frodo. Doch – Orks! Staubsauger-Beutlin vergessen.“
(Peter Breuer auf Twitter)

Verfilmungen von Kultromanen sind Mist, heißt es. Die könnten gar nicht an die literarische Vorlage heranreichen, weil im Zuge des Medienwechsels zwangsläufig Information verloren gehen müsse. Schlimmer sei das Ergebnis nur noch andersherum, wenn also nachträglich das Buch zum Erfolgsfilm aufgelegt werde. – Die Einschätzung aus dem letzten Satz teile ich uneingeschränkt; da habe ich beim Buchdealer meines Vertrauens wirklich schon Schauderhaftes anlesen müssen.

Dass aber Romanverfilmungen unbedingt schlechter sein müssen als die Bücher, würde ich nicht unterschreiben wollen. Seit über fünfunddreißig Jahren bin ich treuer Fan der Geschichten von J.R.R. Tolkien, hatte erst den Herrn der Ringe in der deutschen Übersetzung gelesen und seither mehrfach auch den Hobbit und das Silmarillion in den Originalversionen ebenso wie auf deutsch. Und ich war sehr skeptisch, als ich mir zunächst wegen der Kiddies den Herrn der Ringe und den Hobbit als Hörspiele zugelegt hatte. Zahllose Urlaubsreisen im Auto mit ebenso zahllosen Durchläufen der Hörspiele (nicht etwa der Hörbücher!) ließen jedoch meine Skepsis schwinden; längst kann ich viele der Textpassagen mitsprechen und begeistere mich immer wieder an der akustischen Umsetzung.
Dann kam der Herr der Ringe ins Kino. Und natürlich waren die Filme wieder ganz anders als Bücher oder Hörspiele. Aber nach dem zweiten Durchlauf der Serie – erst Kino, dann DVD – war ich doch recht angetan. Ich wundere mich zwar, dass beim Lesen der Geschichte (eben erst wieder ausprobiert!) ganz andere Bilder in meinem Kopf ablaufen als die, die ich in den Verfilmungen kennengelernt habe. Tatsächlich trennt mein Gehirn die Genres weitgehend, und ich kann mich an allen drei Varianten mit ihren jeweiligen Stärken freuen.

Am letzten Wochenende war ich mit der Familie im Kino: den ersten Teil des Hobbit gucken.

Der Hobbit im Kaskade

Es war ein in mehrfacher Hinsicht denkwürdiger Kinobesuch. Seit Jahren schon haben wir nicht mehr zu fünft gemeinsam einen Film gesehen. Schließlich ist Tochter 1.0 ja schon neunzehn, und Sohn 2.0 wird in Kürze achtzehn; wer geht in diesem Alter denn noch mit seinen Eltern ins Kino, wie peinlich ist das denn?
Aber es wird vielleicht an den bereits erwähnten Hörspielen gelegen haben, den die Kiddies der heranreifende Nachwuchs womöglich immer noch mit den Familienfahrten in Verbindung bringt. Nur dass mittlerweile der Generationensprung unübersehbar war, weil uns hinter dem Fahrzeugsteuer eine Führerscheinnovizin zum Kino chauffierte, keine Mama, kein Papa.

Na ja, das Kino bot dann auch noch eine kleine Überraschung: In einer Ecke des überschaubaren Zuschauerraumes, links hinten, waren einige Sitzreihen durch raumhohe Glasscheiben vom Rest der Sitze abgetrennt. Ich dachte ja zunächst, es handle sich um die Raucherecke, bis ich erstaunt Halbnackte in Bademäntel oder Handtücher gehüllt hinter der Scheibe entdeckte. – Haha, sehr witzig, das Kino liegt direkt neben einem Schwimmbad, und scheinbar können Bade- oder Saunagäste dort auch Filme schauen. Wäre aber nichts für mich. Orks gucken in der Badehose geht irgendwie nicht.

Dann ging der Film auch schon los und nach einer halben Stunde hatte meine Sitznachbarin, Tochter 3.0, ihre zehn Finger verkrampft um meine Rechte gewickelt. Zu groß wurde die Spannung mit all den Trollen und Orks und Spinnen und Wargen auf der Leinwand. Da musste man schon mal wegschauen und sich dabei irgendwo verlässlich festhalten können.

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Nach dem Film haben wir natürlich alles Wichtige ausdiskutiert. Gollum sei ja wohl total süß und außerdem früher mal ein Hobbit gewesen, meinte Tochter 1.0, woran ich mich aus den Büchern gar nicht mehr erinnerte. Na ja, aber die Orks und die Warge seien gar nicht rübergekommen, oh nein, die hätten ja so plastikhaft ausgesehen wie mit Playmobil nachgespielt und abgefilmt. Besonders dieser weiße Ork, haha, ein Albino-Ork * …
Ha! Mit 48 Frames per Sekunde, wirft Techniksohn 2.0 ein. Doppelt so viele Bilder wie früher. Das sieht ganz komisch aus, so zappelig. – Das hätten auch alle seine Freunde gesagt.
Und überhaupt diese Zwerge, das waren gar keine Zwerge! Tochter 1.0 und Tochter 3.0 laufen sich jetzt richtig warm: Die sind doch viel zu groß! Ja, Gimli aus dem Herrn der Ringe, der war ein Zwerg. Aber diese hier reichen Gandalf fast bis zur Schulter. Echt jetzt.

Ob ihnen die Verfilmung nicht gefallen hätte, frage ich. – Doch, schon. Sehr sogar. Extrem spannend, meint Tochter 3.0. Damit hat sie natürlich recht; extrem spannend fand ich den Film auch. Auf der Leinwand ging es zwei Stunden lang am Stück zu wie auf der Achterbahn. Apropos: Die Flucht der Zwerge aus der Riesenhöhle der Orks erinnerte mich sofort an eine Szene aus einem der Klassiker um Indiana Jones, in der die Helden in Bergwerksloren in rasender Fahrt auf verschlungenen Gleiskurven aus einem Stollen fliehen. Prima abgekupfert, Herr Jackson!

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Mir war der Hobbit ganz ehrlich gesagt zu schnell, und ich glaube nicht, dass das an den 48fps lag. Mir fehlte die trotz aller Abenteuer vorhandene Beschaulichkeit der Reise, an die ich mich so gerne erinnere, wenn ich an Buch und Hörspiel denke. Aber es gibt durchaus auch Details, die mir gut gefallen haben. Obwohl es im tolkienschen Sinne fast schon blasphemisch ist, Zauberer zu entzaubern, bekommt dem Film eine gewisse Respektlosigkeit der Heldentruppe gegenüber Gandalf recht gut. Und Radagast, der Hexer aus den Wäldern, hat im Film ohnehin eher die Rolle eines Hofnarren zu erfüllen als die eines Zauberers. – Über die Banalisierung der alten Welt kann man natürlich geteilter Meinung sein. Aber ohne sie wäre der Hobbit auf ein reines Kampfspiel reduziert worden.

Ich bin jedenfalls jetzt schon gespannt, was wir gegen Jahresende im zweiten Teil vorgesetzt bekommen werden. Mal sehen, ob der Rest der Familie dann auch nochmal geschlossen mitkommt.

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*) Update am 24.01.2013: Zu den Auftritten des Albino-Orks, Radagasts, Galadriels und Sarumans habe ich eine Nachbesprechung geschrieben.

Freitagstexter: Pokalverleihung

Der Güldene Freitagstexterpokal

Schwea wor’s. So schwea wor’s no nia! – Auf meine Bildvorgabe über die Kehrseite des Fisches habt Ihr mir zwar gerade noch überschaubare 13 Textvorschläge geliefert, aber die hatten es in sich. Lauter Preisträger, wohin das Auge auch blickte!

Das ging schon los mit dem ersten Kommentar von Hubbie. Bei den „gepackten Backen“ ereilte mich kurzzeitig die Vision, Peter Fox hätte sich ins Netz verirrt und mir einen Untertitel gesungen.
Und so ging das weiter. Von Text zu Text. Die „Arschäolojie“ tat es mir ebenso an wie Shhhhhs vollkommen absurde Opa-Herbert-Geschichte. Zersägte Jungfrauen, zirkusreife Unterleibe ohne Damen, kreischende Z*landokundinnen, der pure Wahnsinn.

Bevor ich aber gleich den Pokal aus dem Tresor kramen gehe, muss ich zuerst noch einen echten Ehrenpreis vergeben.

Maniquies

Dieser Ehrenpreis geht an den Mechatroniker für die anschaulichste Darstellung eines informationstechnischen Sachverhalts, die mir je untergekommen ist. Alle Informatik-Knechte an den Unis, aufgemerkt!
„Aus dem Informatik-Skript: TTL-Level anschaulich erklärt. Hosenlänge Knie und darüber ist ‚Hi‘, die längeren sind ‚Lo‘. Das Beispiel zeigt die Zahl 38, Binär 100110, im ASCII-Code ‚&‘.“

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Aber jetzt gibt es endlich Edelmetall:

Maniquies

„Als sich herausstellte, dass der Schöpfer ein Pofetischist war, war es bereits zu spät. Auch das sofortige Gegensteuern der Evolution, um weibliche Wesen auch mit Köpfchen auszustatten, konnte nicht verhindern, dass Männer Frauen grundsätzlich auf den Hintern starrten und alles andere bis zur Perfektion ignorierten.“

Sehr schön, oder? Diesen Seitenhieb von Frau Spätlese musste ich einfach aufs Podesterl heben. Und deshalb treffen wir uns in zwei Tagen wieder bei der Weißweinliebhaberin Rotweinliebhaberin (siehe hier). Prost und herzlichen Dank fürs Mitmachen, es war mir ein Fest!

Zum FreitagsNexter

60 Sekunden für Manager-Deutsch

Kolja Rudzio hat ja so recht, wenn er in der papierenen Zeit in sechzig Sekunden über die verquasten Formulierungen im Manager-Deutsch herzieht.

DIE ZEIT: Mehr Märchen 2013

Das Geschwafel der Vorstände und Berater ist ja auch vollkommen lächerlich, das wissen alle. Sogar die Manager selbst. Aber das ist wohl so ähnlich wie mit dem Autofahren: Jeder regt sich darüber auf, wie schlecht sich alle anderen hinter dem Steuer verhalten. Sich selbst jedoch hält jedermann für einen überdurchschnittlich begabten Autofahrer. – Wahrscheinlich würde jeder Chef vollkommen entgeistert reagieren, wenn er wüßte, dass seine Leute bei jedem Meeting zumindest in Gedanken Bullshit Bingo spielen.

Ich habe eine Überraschung für Euch alle, liebe Führungskräft: Keiner von Euch ist frei von Chefsprech! Und weil das so ist, werde ich künftig zur Untermauerung von Kolja Rudzios Ansatz meine eigenen Aufreger hier posten, bevor sie sich in mein Herz graben und eine Mördergrube aus ihm machen können.

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Bis bald und auf Wiedersehen in der Rubrik Chefsprech.