Der Hieroldstand

Die Läden meiner Kindheit

„Wo willst Du denn schon wieder hin?“ Die Stimme meiner Mutter hatte mich eingefangen, bevor ich aus der Wohnung entwischen konnte. – „Zum Hieroldstand“, erwiderte ich kleinlaut, als hätte mich Mama bei einer Untat erwischt. Gerade hatte ich aus der Tiefe der Hosentasche meiner Krachledernen ganz unerwartet ein Fünfzigpfennigstück gegraben. Ein Geschenk des Himmels. Ein Geschenk, das es sofort in Süßigkeiten umzusetzen galt. Natürlich im Eckladen von Frau Hierold, zwei Straßenecken weiter, dort wo der Münchener Stadtteil Laim schon in den dörflichen Randbezirk Kleinhadern übergegangen war.
Meine Freundin, die Maria, würde nicht schlecht staunen. Fünfzig Pfennig! Dafür gab es eine Tüte mit zehn Brausestangen. Oder zwei Gummihalsketten mit Brauseperlen, eine für jeden von uns. Oder fünf Mohrenköpfe. Oder eine Domino-Eiswaffel und sogar Rückgeld! – (Man beachte bitte, dass wir uns damals in der Prä-Ü-Ei-Zeitrechnung befanden.)

Frau Hierold, eine weißhaarige Matrone, führte im Erdgeschoß eines Einfamilienhauses an der Straßenecke einen Tante-Emma-Laden, in dem sie alle Artikel des täglichen Bedarfs verkaufte. Für Sechsjährige wie mich bestand der tägliche Bedarf logischer Weise in erster Linie aus Naschzeug. Wir liefen durch den Vorgarten des Ladens zu einem Fenster, das im Sommer immer offen stand, stiegen auf einen Holzschemel unter dem Fensterbrett und beäugten diverse Glasgefäße mit Schraubverschlüssen, in denen sich unsere Zuckerträume befanden.
Schon als Erstklässler hatten wir das Kopfrechnen so weit im Griff, dass wir wussten, wie viele Brausestangen wir für die paar Groschen bekamen, die wir einstecken hatten. Aber notfalls drückte Frau Hierold an ihrem Verkaufsstand schon mal ein Auge zu und rundete zu Gunsten ihrer Kinderkundschaft großzügig auf. Wir tauschten unsere Pfennigbeträge gegen Papiertütchen, in die die Hierold alle Objekte unserer Begierde steckte, und zogen beglückt von dannen.

Für erwachsenen Kunden gab es eine Tür, die in einen kleinen Verkaufsraum führte, in dem in deckenhohen Regalen alles aufgereiht war, was Haushalte so brauchten: Toilettenpapier in Einzelrollen, Seifebarren, Bier- und Weinflaschen, Zeitungen und Zeitschriften …
Im Hintergrund des Raumes regierte Frau Hierold hinter einer Theke, schnitt Wurst und Käse auf oder bediente die Kundschaft durch das Fenster in den Vorgarten.

„Wenn Du zur Hierold gehst, bring bitte ein halbes Pfund Butter und fuffzig Gramm Aufschnitt mit, Putzi. Und eine Feinstrumpfhose. Hier haste zehn Mark, und vergiss das Wechselgeld nicht.“ Mein Mutter drückte mir zwei Fünfer in die Hand und schob mich aus der Tür.
Die Sache mit der Feinstrumpfhose musste Mama mir nicht genauer erklären. Frau Hierold kannte die Leute aus der Gegend. Und wenn der kleine Wortmischer bei ihr auftauchte und nach einer Strumpfhose für Mama verlangte, wusste sie, dass sie mir Fleischfarbene in der Konfektionsgröße 38-40 mitgeben musste. – Und obwohl ich damals nicht älter als sechs war, gab sie mir auch anstandslos zwei Flaschen Paulaner hell mit, wenn ich danach fragte. Bier für den Papa. Dafür brauchte Putzi keinen Altersnachweis.

~

Anfang der Siebzigerjahre war der Hieroldstand eines Tages geschlossen. Hinter dem Fensterglas hing ein handgeschriebenes Schild, noch in Sütterlin: „Geschäftsaufgabe“. Kinder hinterfragen so etwas ja nicht unbedingt. Wir gingen dann eben achselzuckend in den Supermarkt, der ein paar Straßen weiter aufgemacht hatte. Und die Strumphosen musste Mama sich eben selbst besorgen.

Die Grafik da oben habe ich beim Nachbarn Trithemius geborgt, der dazu auffordert, in den Erinnerungen zu kramen und sich an seinem Erzählprojekt zu beteiligen. Was ich hiermit sehr gern getan habe. (Hier geht es lang zur Liste aller Projektteilnehmer.)
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9 Kommentare

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  2. Wie schön, lieber Wortmischer, danke für den Text. Die Sache mit der Feinstrumpfhose zeigt, was im heutigen Einzelhandel verloren gegangen ist. Ich bin überrascht, fast überrollt von der Begeisterung für dieses Erzählprojekt. Aber es existiert bei uns allen offenbar ein Gegenbild zu dem, wie es derzeit ist, dass wir uns so bereitwillig auf Zeitreise begeben. Ich freue mich, wieder was von dir zu lesen.

    Beste Grüße,
    Jules

    • Bekanntlich ist die Kluft zwischen dem Heute und Jetzt und dem Früher™ umso tiefer, je älter einer wird. All diese kleinen Läden, die wir im Rahmen deines schönen Projektes beschreiben und die alle personengebunden waren, im Gegensatz zu den Supermärkten, in denen das Personal schneller wechselt als das Sortiment, diese Läden, die gibt es nicht mehr. Sie entsprächen nicht mehr den Anforderungen des Publikums an Angebotsvielfalt, sie wären im Preiskampf den Ketten hoffnungslos unterlegen, und es gäbe gar nicht mehr die Menschen, die willens wären, einen solchen Laden zu führen.

      Das macht aber nichts. Denn gäbe es keine Unterschiede beim Zeitreisen, wir hätten überhaupt nichts zu schreiben!

  3. Lieber Wortmischer,

    durch Deine Erinnerung gelesen, freue ich mich, dass auch bei Dir eigene Erinnerungen aufwachen und mich anlächeln.

    Lieben Dank und Grüße
    San

  4. Ein herzliches Dankeschön, liebe San-Day, für Deine Rückmeldung. (Und ich wäre dann schon sehr gespannt auf den Moment, in dem es womöglich ein Selfie vom blauen Irokesen zu sehen gäbe ;-þ)

  5. Ein hübscher Text. Ach ja, die Klopapierrollen, einzeln in Papierschleifen-Bauchbinden verpackt, welche der Greißler ums Eck (das ösitanische Pendant zu Ihrem Tante-Emma-Laden) auf einem Regalbord über der Ladentür gestapelt hatte: deren Beschaffenheit dazumals freilich wenig Ähnlichkeit mit dem Toilettpapier aufwies das wir heutzutags gewöhnt sind, sondern eher mit Schmirgelkrepp ;)

    • Der Greißler und die Tante Emma. Ich hab ja gleich einmal nachschlagen müssen, woher der Begriff Greißler kommt. Hab mich dann sehr gefreut, als ich den Bezug zu grocer entdeckt habe: jedenfalls bevor ich lesen musste, dass Österreichisch und Englisch doch nicht verwandt sind. Schade, als Freund der Sprachen hätte mich so ein Link begeistert.

  6. Haha, ich lese mit Vergnügen, daß auch andere mit Süßigkeiten rechnen gelernt haben! (Und so viel anderes.) Mit Befremden sah ich, daß die Kaufläden von heute Fließbänder haben, piepende Preisscanner und, ernsthaft jetzt, Kreditkartenleser. Daß Kinder da Probleme mit Mathe kriegen, wundert mich nicht; ist aber auch nicht schlimm, kochen kann ja der Thermomix, und für alles andere gibt es Gugel.

    • Ja, aber da bremsen mich meine Kinder ohnehin ein, immer wenn ich davon anfange, wie wichtig es ist, Kopfrechnen und gute Rechtschreibung zu beherrschen:
      „Vergiss es, Papa. Bald zahlen wir sowieso alle nur noch mit Plastikkarten, oder noch besser gleich mit unseren Smartphones. Weil die haben auch einen Taschenrechner für die Not. Und eine rechtschreibkorrektur haben sie auch. Spätestens Deine Enkel werden nicht mehr fehlerfrei rechnen und schreiben können. Weil sie es gar nicht mehr lernen.“
      Ich kratz mich dann am Kopf und denk mir meinen Teil. Aber vielleicht haben sie ja sogar recht, die Kids?

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