Sieben Fakten für den Leisetreter

Herr Shhhhh fragt nach sieben Geständnissen, die preiszugeben ich ohne meinen Anwalt bereit bin. Und weil seine eigene Selbstauskunft so überaus lesenswert ausgefallen ist, bedanke ich mich artig bei ihm und mach mich ans Werk.

[blue_box]Die Spielregeln:
a) – Verlinke die Person, die dich nominiert hat und bedanke Dich (oder verfluche sie dafür).
b) – Liste die Spielregeln auf.
c) – Nenne 7 Fakten über dich.
d) – Nominiere 7 weitere Blogs.[/blue_box]

1. Mein erster Sommerjob

… war ein dreiwöchiger Einsatz als „Datentypist“ in der Leiterplattenentwicklung der Firma Siemens. Ich war siebzehn und brauchte das Geld. Damals sparte ich auf ein eigenes Windsurfboard, einen sogenannten Sinker. Die sollten aberwitzig schnell sein!
Also tippte ich fünfzehn Tage mal sieben Stunden lang die Namen der Steckplatz-Eingänge von Leiterplatten ab; einen Bezeichner unter dem anderen, 40 oder 50 Stück pro Leiterplatte. Das waren richtig sprechend Begriffe wie „ATR10PX302514N“. In der Nachbetrachtung attestiere ich mir ein unglaubliches Maß an Leidensfähigkeit.
Wahrscheinlich habe ich nur wegen der einzigen Frau in der Abteilung durchgehalten. Frau M. war aus meiner damaligen Sicht steinalt, also ungefähr dreißig. Sie witzelte den ganzen Tag mit ihren Kollegen darüber, wie furchtbar unglücklich sie verheiratet sei, und nutzte jede sich bietende Gelegenheit, mit mir anzubändeln. Frau M. entzündete regelmäßig und zuverlässig meine Fantasien. Trotzdem habe ich sie abblitzen lassen. Wegen schüchtern und doof. Also nicht sie, sondern ich.

2. Meine geheime Superheldenkraft

… verdanke ich einem merkwürdigen Automatismus, der vermutlich angeboren ist. Es gibt ja Menschen, die erinnern sich in phänomenaler Weise an Augen- und Haarfarben von Gesprächspartnern, mit denen sie nur ein paar Worte gewechselt haben. Andere haben stets alle zugehörigen Namen zu Gesichtern parat. Vor 25 Jahren galt noch als bewundernswert, sich alle Telefonnummern von Verwandten und Freunden merken zu können.
Mit solchen Elefantengedächtnisleistungen kann ich nicht aufwarten. Vielmehr glänze ich mit einer vermutlich seltenen Treppenstufen-Neurose, die mich im Alter von fünf Jahren befiel, als ich das Zählen lernte: Ich kann seither oft nach nur einmaliger Begehung eines Gebäudes die Anzahl der Stufen des Treppenhauses rekapitulieren. Als beispielsweise die Maklerin beim ersten Besuch meiner neuen Behausung auf den fehlenden Lift zu sprechen kam, konterte ich sofort mit der nonchalanten Bemerkung, dass es doch zu Fuß lediglich 54 Stufen bis in den obersten Stock seien. Steige ich Treppen, zähle ich unbewusst die Stufen mit.
In meinem Elternhaus waren es 62 Stufen von der Straße bis zu uns, bei meinem letzten Arbeitgeber führten zweimal zehn Stufen von einer Etage in die nächste. – Wissen, das die Welt nicht braucht? Wohl wahr. Aber Superhelden suchen sich ihre Fähigkeiten ja niemals selbst aus.
(Wussten sie übrigens, dass die Wendeltreppen in den Türmen der berühmten Sagrada Familia in Barcelona 329 Stufen haben? Jedenfalls wenn ich mich damals beim Aufstieg nicht verzählt habe.
Nachtrag 28.8.2015: Gelegenheit zum Nachzählen genutzt, vom Kirchenschiff bis zum Brückchen zwischen den zentralen Türmen sind es 271 Stufen. Höher hinauf haben sie uns diesmal nicht gelassen.)

En las escaleras de la Sagrada Familia

3. Mein Sport

… beginnt mit dem Buchstaben S. Seit dreißig Jahren spiele ich Squash. In den Achtzigern war Squash ein Massenphänomen, jeder Zweite hatte ein Racket im Schrank liegen, mit meinen Arbeitskollegen und Freunden pendelten wir ein paar Mal pro Woche zwischen verschiedene Squashzentren, um kleine schwarze Gummibälle platt zu schlagen und hinterher zu saunieren. Erfolgreich wurde ich erst in den Neunzigern als Mitglied der Amateurligamannschaft eines barcelonesischen Clubs, mit dem ich einmal sogar die spanische Meisterschaft gewann. (Wobei ich als ehrlicher Aufschneider ja einräumen muss, dass die Erfolgsgaranten zwei neuseeländische Söldner waren.)
Squash ist natürlich längst out, heutzutage. Ich spiele aber immer noch gern. Inzwischen mit mäßigem körperlichen Einsatz, aber dank eingefleischter Technik meist noch immer erfolgreich.
Neben meinem Faible für das Gummizellenspiel schwärme ich sehr für Schach. Die jüngsten Erfolge des Russlanddeutschen Naiditsch bejuble ich innerlich wegen seiner unerschrockenen Spielweise. Auch wenn er ein Großkotz ist.

4. Meine Leibspeis‘

… sind „Schubsweg“. Lecker! – Wie jetzt. Sie wissen nicht, was das ist? Ich sag mal: Frisch gebrühte Kartoffelteigröllchen in Mohn gewälzt und „weg geschubst“. Mit Puderzucker bestreut und flüssiger Butter übergossen. Andere essen sie als Nachtisch. Ich gern auch als Hauptgericht. Früher mit ’nem Glas kalter Milch, heute mit einem Achterl Grünem Veltliner.

5. Mein Trauma

… liegt begraben in einem Teich im Halbergmoser Moos, über dem heute die betonierten Landebahnen des Flughafens Franz-Josef-Strauß verlaufen. Aus der Teichmitte ragte damals das Dach einer alten Isetta, von den Ufern waren von drei Seiten Holzbohlen auf das Dach gelegt worden, auf denen an Sommerwochenenden Kinderhorden Fangen spielten, während die Eltern Kaffee tranken und Torten verspeisten.
Eines Sonntags schlich einer der spielenden Jungs wie ein geprügelter Hund zur Kaffeetafel und verkündete dort: „Eier Bua is in Froschdeich g’foin!“
Der Bub, der in den Froschteich gestürzt war, war selbstverständlich ich, der ich dem Unfallmelder auf dem Fuße folgte; prall gefüllt mit Kaulquappen in Mund, Hemd und Hosen.

6. Mein Crime Record

… ist abgelegt in einem staubigen Aktenordner eines Polizeireviers in Barcelona. Frühe Neunzigerjahre, frühe Morgenstunde: Wir waren unterwegs in der Stadt, von irgendeiner Bar zu irgendeiner Disco. Die anderen in Autos, ich hinterher auf dem Moppet. Ich kannte den Weg nicht und verpasste die Ausfahrt von der Diagonal. Also wendete ich auf der zur Stunde schwach befahrenen, siebenspurigen Ausfallstraße, wurde aber prompt von der Staatspolizei angehalten.
Kein Ausweis dabei, Fahrzeugschein auch vergessen. Spanisches Fahrzeug, auf (m)einen deutschen Namen zugelassen, diesen Ausländer nahmen sie mir allerdings nicht ab. Also fuhr ich ein ins Loch. Bis Sonntagnachmittag, bis meine Freunde die Ausweispapiere aus meiner Wohnung geholt und mich ausgelöst hatten.
Fand ich damals gar nicht lustig. Echt! – ¡Que te folle un pez!

7. Ich hasse Schneeballsysteme

Im zarten Alter von neunzehn Lenzen spielte ich beim American Roulette mit. Den Begriff findet man beim Googlen gar nicht mehr im damaligen Zusammenhang, also erkläre ich das Spiel: Es ging dabei im Wesentlichen darum, einem guten oder auch nicht so guten Bekannten einen blau-rot bedruckten Flyer (aus echtem Papier!) für 10 Reichsmark Deutsche Mark abzukaufen, dem Veranstalter sowie einer im Flyer genannten Person jeweils weitere 10 Mark in Briefumschlägen (aus echtem Papier!) zuzusenden und dafür drei eigene Flyer (aus echtem Papier!) zu erhalten, die man nun an die nächsten drei Investitionswilligen verhökern sollte.
So weit, so gut. 30 Mark ausgegeben und 30 Mark eingenommen. In der siebten Investitionsrunde nach mir sollte dann endlich ich selbst Briefe mit je 10 Euro zugeschickt bekommen. Gemäß mathematischer Regeln sollten mir also 37 x 10 Mark zugehen, das wären 21.870 Mark gewesen. Nach monatelanger Wartezeit – ich hatte den Kettenbrief-Gewinn längst aufgegeben – trudelten dann zehn Briefe mit insgesamt schlappen 100 Mark ein.
Hätte ich damals die investierte Zeit an der Kasse der Tanke verbracht, an der ich jobbte, hätte ich in der gleichen Zeit ein Vielfaches verdient. Satt gemacht hatte sich nur der Veranstalter.
Seither verabscheue ich Schneeballsysteme, learning by doing. Und ich verstehe jeden, der genau so denkt wie ich. Deshalb nominiere ich keine sieben Nachfolger für die nächsten sieben Fakten. Statt dessen verlinke ich mal sieben Blogs, deren Nabelschau mich interessieren würde. Macht mit, wenn Ihr wollt. Wenn nicht, lese ich trotzdem mit gleich bleibendem Elan und Interesse bei Euch weiter. Versprochen!

Erphschwester
La Mamma
Modeste
Moggadodde
Montez
Novemberregen
Orbis Haessy

Verdammt, alles Frauen. Honi soit qui mal y pense …

Lieblinks (3)

Es gibt keinen Zweifel. Diese Wortbeiträge müssen Sie gelesen haben. Meine Lieblinks, Folge 3:

Frau Modestes Schulkamerad ist gerade noch einmal entkommen. Lesen Sie diese Geschichte über Punkerinnen, Milchkannen und inzestuöse Verhältnisse. Mich hat Modestes Schreibe aus der Depression geholt, in die ich nach diesem heftigen TV-Drama Die Affaire gerutscht war.

Frau Nessy wird von heftigen Fantasieattacken geplagt und schreibt eine Fortsetzungsgeschichte im Zentralbüro für Erdrotation. Lesespaß pur!
(Versäumen Sie bitte keinesfalls die Fortsetzung!)

Die Kaltmamsell erweitert unbarmherzig die Douglas-Adams’sche Wortschöpfungsserie rund um Menschen, die keinen Flur entlang gehen können, ohne sich zum Affen zu machen (sogenannte „Corriemuchlochs“) um deren Entsprechung in Fitnessstudios: Corriemirror

~

Meine Lieblinks (2)

Es gibt so Tage …

Da sitzen Sie hinter Ihrem Schreibtisch, den Kopf prall voll mit so einer total ekelhaften Personalangelegenheit, und plötzlich stürmt Ihr Sohn 2.0 das Büro. Sie sind erst mal wie vom Blitz getroffen, weil Sie den Sohn gerade noch vierhundert Kilometer südlich wähnten, fröhlich werkelnd an seinem Praktikumsplatz.
Während Sie noch versuchen, Ihr familiäres Ortungssytem mit der Realität auf eine Ebene zu bringen, erzählt er Ihnen mit flackerndem Blick, dass er einen Tag frei bekommen und spontan seine Kumpels besucht habe. Sie spüren: Da stimmt doch ‚was nicht. Und tatsächlich, er fährt fort: Ja, blöde Sache, er habe in der letzten Nacht sein Auto gegen einen Baum gesetzt, so ’ne Scheiße.
Und auf einmal sehen Sie es: Er hat ja lauter kleine Schnittverletzungen im Gesicht! Und seine linke Hand ist verbunden. Und was ist das für ein Plastikkärtchen an seinem Handgelenk? Sowas haben Sie doch schon mal im Krankenhaus gesehen?!
Himmel, was denn passiert sei, fragen Sie. Na ja, antwortet er, da sei auf einmal dieses Reh auf die Fahrbahn gelaufen. Das Reh sei schuld gewesen, auch wenn der Mediziner dann festgestellt habe, dass es wohl eher an den zwei Promillen gelegen habe. Da gefriert Ihnen das Blut in den Adern, weil Sie denken, das gibt’s doch nicht!

Und dann kommen Sie irgendwann spät nach Hause. Gramgebeugt. Sie sehen von draußen noch einen Lichtschimmer am Fenster Ihrer Tochter 3.0, steigen die Stufen hinauf, werfen Ihre Sachen in eine Ecke und klopfen an die Zimmertür der Tochter, irgendwie in der Hoffnung auf ein Trost spendendes, aufheiterndes Gespräch.
Sie öffnen die Tür und sehen sich völlig überraschend konfrontiert mit der Tochter, Ihrem Nesthäkchen, die im Halbdunkel mit dem Typen herumknutscht, der neuerdings gern zu Besuch kommt.

Geben Sie es zu, an solchen Tagen denken Sie doch auch: Langsam werde ich wohl alt …

Offener Brief an DIE ZEIT

Liebe ZEIT,

seit mehr als fünfzehn Jahren bin ich Abonnent Eurer Papierausgabe. Ich schätze Eure Artikel im Allgemeinen, ich liebe Harald Martensteins Kolumne im Besonderen und ich habe trotz mehrerer Kostenreduzierungsversuche in meinem Haushalt das Abonnement Eures Blattes noch immer nicht in Frage gestellt.

Trotzdem wundere ich mich über Eure seit Jahren immer häufiger eintrudelnden Werbenachrichten, in denen Ihr mir per E-Mail ein Abonnement schmackhaft machen wollt, indem Ihr mir iPads, Radios, Lautsprecher, oder was auch immer als Geschenke in Aussicht stellt.
Neuabonnenten beschenkt Ihr? Treue Leser gehen leer aus? Weil sie eh schon da sind? – Das kann man so machen. Ob es schlau ist, werdet Ihr bestimmt irgendwann merken.

In den letzten Jahren denke ich immer häufiger darüber nach, ob der Papierwust tatsächlich sein muss. Warum muss mir irgend so eine arme Sau bei Wind und Wetter das Papierblatt in den Briefkasten stopfen? Warum muss ich die Ausgaben aus meinem winzigen Kästchen pfriemeln? Und nach dem Lesen wieder nach unten tragen, in den Papiermüll? Ich besitze wie so viele Menschen sowohl Smartphone als auch ein Tablet. Ich befinde mich sozusagen auf der Kippe; ich schwanke noch: Papier oder Bildschirm?
Ich weiß, Ihr bietet auch eine digitale Ausgabe an. Vielleicht würde ich Euer digitales Angebot gern einmal unverbindlich ausprobieren? Aber warum soll ich als zahlender Abonnent dafür 60 Cent zusätzlich zum Abonnementpreis berappen? Ich verspreche, ich lese keinen Artikel doppelt: auf Papier und hinterher auch noch digital. Auch nicht umgekehrt, ich schwör!
Spart Euch doch künftig gern die Zustellungskosten. Aber kassiert nicht doppelt ab!

Und wenn ich schon am Meckern bin: Bringt endlich ein vernünftiges Android-Angebot in Euer Portfolio! Das ist nicht so schwer. Denkt an Eure Leser, die wollen mehrheitlich kein auf Apple zugeschnittenes Angebot.
Die würden aber womöglich gern am Frühstückstisch auf dem Tablet schmökern und später in der U-Bahn genau dort auf dem Smartphone weiterlesen, wo sie in der Küche aufgehört hatten. Das ist keine Zukunftsmusik sondern state of the art. Über alle Betriebssysteme hinweg.

Habt Ihr schon mal von diesen verrückten Menschen gehört, die sich gemeinsam Youtube-Videos auf dem Fernsehbildschirm ansehen? Ich mache das zusammen mit meiner Tochter. Wir könnten uns auch DIE ZEIT zusammen ansehen. In Text, Bild und Video. – Nur am Rande gefragt: Wisst Ihr, was ChromeCast und Apple TV sind?

Ich würde mir wünschen, dass Ihr aufhört, Euer Stammpublikum zu vernachlässigen. Macht uns glücklich, indem Ihr uns in die Zukunft mitnehmt!

Es grüßt sehr herzlich
Euer Wortmischer

~

(P. S.: Ich führe die Diskussion gerne auch unter Klarnamen weiter, falls dies gewünscht sein sollte.)

Lieblinks (2)

Statt selbst den drölfzigsten Kommentar zu den Geschehnissen in Paris zu verfassen, verweise ich heute auf zwei Statements aus meiner Filterblase, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Aber für alle, die womöglich bereits genug haben von Charlie und dem Propheten, verlinke ich zunächst auf ein Geständnis einer stets Begeisterungsfähigen:

Frau Haessy ist nämlich „ein großer Fan von sich-für-Sachen-begeistern und nur ein mittelmäßiger Ausführer von Sachen-auch-zuende-bringen“. Dafür liebe ich sie: Jetzt und hier und bitte sofort

Herr T. aus dem Teppichhaus Trithemius spricht mir aus der Seele und über Charlie Hebdo, Pegida, “Lügenpresse” und wir – Versuch einer Bestandsaufnahme.

Gern gelesen habe ich auch die Vorschläge von Frau Sonnenblume im Zusammenhang mit Charlie Hebdos Neustart mit dem Titel Je suis Raif Badawi.

~

Meine Lieblinks (1)

Gratwanderung

Viaje etílica

Der Versuch, Menschen von gesundheitsgefährdenden Praktiken abzuhalten, indem man ihnen die Gefahren gebetsmühlenartig in der Wiederholungsschleife ins Gehirn hämmert, ist selten erfolgreich. Viel eher macht man sie dadurch erst recht neugierig. Es geht auch anders: Mein betagter Vater erzählt immer wieder gerne die Schnurre, als er zu seinem siebzehnten Geburtstag von seinem eigenen Herrn Papa in die Kneipe geschleppt und dort mit einer dicken Zigarre und zwei Gläsern Weinbrand ins Erwachsenendasein eingeführt wurde. Geraucht oder Hochprozentiges getrunken hat er hinterher nie wieder.

Mir ist eine gewissermaßen ähnliche Grenzerfahrung im Gedächtnis haften geblieben; eine Gratwanderung unter medizinischer Aufsicht, die inzwischen gut dreißig Jahre zurückliegt.
Zu meinen Studienzeiten hatte ich zwei, drei gute Freunde, die an der Münchener Ludwigs-Maximilian-Universität Juristerei studierten, während ich ein paar Kilometer weiter den Geheimnissen von Bits und Bytes auf der Spur war. Bei den Juristen war es damals Usus, nach dem Bestehen des ersten Staatsexamens abzufragen, wer denn eine Laufbahn als Staatsbediensteter anstrebte, also als Richter oder Staatsanwalt. Diesen Studenten legte man nahe, eine unschätzbare Erfahrung für die künftige Praxis an Gerichten zu sammeln, indem sie sich dem „Alkotest“ unterzogen.
Dieser Test bestand im gezielten Ansaufen eines vorher bestimmten Alkoholpegels, um den Kandidaten am eigenen Leibe vor Augen zu führen, wen sie da künftig mit ein oder zwei Promille im Blut anklagen oder verurteilen würden. Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man 1,3 Promill Alkohol im Blut hat?

An einem Freitagmittag schleiften mich meine Juristenfreunde mit ins Institut für Rechtsmedizin in der Nussbaumstraße. Dort wurden wir medizinisch untersucht – Gewicht, Blutdruck, Puls, Krankengeschichte – und nach unserem Zielalkoholwert befragt. Ich entschied mich für 0,8 Promille, da dieser Wert damals als Grenzwert für Alkoholfahrten galt.
Die Formel, in die Geschlecht, Alter, Gewicht und was-weiß-ich-noch eingingen, lieferte für mich „vier Halbe“. Ich musste also in den nächsten sechzig Minuten zwei Liter Bier trinken. Demjenigen, der diese Menge nicht regelmäßig konsumiert, sei versichert: Es ist beinhart, mittags nach nur kleinem Frühstück innerhalb einer Stunde vier große Gläser Bier ohne solides Begleitmaterial in sich hineinzuschütten.
Danach saßen wir zur notwendigen Anflutung des Alkohols im Blut weitere 45 Minuten auf den Institutsbänken herum. Wir registrierten gegenseitig unsere Ausfallserscheinungen, lachten viel und krakeelten herum. Was Menschen in diesem Zustand eben so machen. Danach wurde uns Blut abgenommen.

Um das Gesicht zu wahren, verzichte ich auf die Schilderung von Vorfällen vor, während und nach der Blutabnahme, auch wenn ich die Lesefreude dadurch wahrscheinlich enorm steigern könnte. Auch schweige ich gnädig zum weiteren Verlauf jenes angebrochenen Nachmittages. Allerdings komme ich nicht umhin, nachträglich den Mitarbeiterinnen und Ärzten des Instituts höchste Anerkennung zu zollen. Ähnliche Geduld bringen wohl nur Zoowärter auf, die eine Horde Affen nach dem Verzehr vergorener Früchte hüten müssen. Oder Kindergärtnerinnen.

~

Eine Woche später hatte ich den gerichtsmedizinischen Befund im Briefkasten: 0,79 Promille. Die Formel hatte also ins Schwarze getroffen.

Das Ergebnis war erschütternd. Denn so, wie ich mich an diesem Nachmittag gefühlt hatte, exakt am Grat der juristisch festgelegten Fahruntüchtigkeit, hätte ich niemals auch nur den Gedanken gehegt, ein Fahrzeug zu lenken. Wahrscheinlich hätte ich mein Auto in einem solchen Zustand gar nicht gefunden. Oder den Schlüssel nicht ins Türschloss popeln können.
Im durchaus bedenklichen Umkehrschluss hieß das aber auch: Solange Du Dich nicht derartig besoffen fühlst wie an jenem Freitag, kannst Du Dich jederzeit noch hinters Steuer setzen, ohne juristische Folgen befürchten zu müssen. – Ob das allerdings so stimmt, weiß ich bis heute nicht.

[lightgrey_box]Das war mein Beitrag zum ersten Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.[/lightgrey_box]

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Studium 2.0

Als ich im November ’80 mein Studium anging, lief das noch so: Wir waren zu dritt und teilten die Vorlesungstage in drei Schichten. Ich schälte mich früh morgens aus den Kissen, nahm den Mitternachtsexpress ins Univiertel an der Münchener Arcisstraße und schrieb mit schwarzer Tinte mit, was an die Tafeln gekreidet oder oft genug mündlich wiederholt wurde.
Gegen Mittag kam die Wachablösung in Gestalt von M., der den Vormittag L&M-quarzend in seiner Bude verbracht hatte. Ich machte mich derweil ans Kopieren meiner Mitschriften in einem der umliegenden Copyshops. (Wer nicht mehr weiß, was ein Copyshop ist, dem kann ich das jetzt auch nicht mehr erklären.)
Am frühen Nachmittag trafen wir uns zum Verzehr gebratener Küchenschwämmchen und zum Austausch dicker Papierbündel mit der Langschläferin M. in der Unimensa. Sie protokollierte dann die Nachmittagsvorlesungen, während der M. und ich uns heimwärts/an den Badesee/in die Billardkneipe („Das Goethe“) begaben.

Nach meinem Diplomabschluss entsorgte ich mindestens zehn papierpralle Leitz-Ordner in den Müll. Separaten Papiermüll gab es damals nicht. (Wer nicht mehr weiß, was ein Leitz-Ordner ist, dem kann ich das jetzt auch nicht mehr erklären.)

~

Die Tochter 1.0 startet gerade durch als künftige Ergotherapeutin. Copyshops gibt es nicht mehr, von Leitz-Ordnern will sie nichts wissen. Mitgeschrieben wird scheinbar auch nicht mehr. Skripte gibt es nur mehr über das Schul-WiFi im PDF-Format.
Dafür braucht sie jetzt einen Tablet-PC. Sagt sie. Also verbrachten wir heute vier Stunden vor dem Bildschirm und suchten, sortierten, verglichen. Gestern hätte ich noch ins Blaue hinein geraten, welche Maschine die richtige wäre. Heute bin ich schlauer: Ich habe keinen Schimmer mehr, was man aus der Masse der Angebote aussuchen soll.
Fest steht Folgendes: Es darf kein Apfel sein. Aus Gründen der Selbstachtung. Windows-Tablets lehne ich persönlich ab, der Tochter 1.0 ist es egal. Android wäre eine gemeinsame Option.

In die vorläufige Vorauswahl kamen das Lenovo Yoga Tablet 10 HD+, das Asus Transformer Pad TF303CL und das Sony Xperia Z2 Tablet. Jeweils mit koppelbarer Tastatur, die findet die Tochter enorm wichtig.

Also falls sich jemand berufen fühlt, an dieser Stelle korrigierend oder bestätigend in die Kaufentscheidung einzugreifen, dann möge er dies gerne tun. Oder für immer schweigen.