Adventskranzhebamme

Die Zeit der Christbaumfledderei ist wieder da. Das Fest der Feste ist durch, statt Parfumwerbung dominieren jetzt wieder Diätempfehlungen die Litfaßsäulen und Werbeclips. Und am kommenden Wochenede kommt bei uns die Stadtreinigung und holt die Baumleichen ab. Es gibt ja Menschen, die ihre entkerzten und entkugelten Bäumchen an Tierparks abgeben, weil sie dort als Futter und Spielzeug noch gute Dienste leisten. Andere recyceln die Baumreste zu Küchengeräten.

Bei Wortmischers gab es aus Gründen diesmal gar keinen Baum. Nur der Adventskranz hing noch im Wohnzimmer, als wir zu Silvester wieder nach Hause kamen. – Dieser Adventskranz, den die Schmerzdame Mitte November eigenhändig gebunden hatte, der aber mittlerweile trocken wie Zunder war und bei jedem Vorbeigehen vor Schreck Nadeln abwarf.

Man möchte meinen, das Entsorgen eines kleinen Kranzes sei rasch getan: Kerzenstumpen und Deko runter, Diskusweitwurf auf den Baumstapel für die Stadtreinigung!

Aber mitnichten. Die Schmerzdame hatte schließlich Stunden damit zugebracht, Tannenzweige mit Draht auf einen Strohkranz zu binden. Den Strohkranz hätte sie nun gerne wieder. Also muss mühsam „entbunden“ werden, was zuvor angebunden wurde. – So entstand die Tätigkeit der Adventskranzhebamme*, einer speziellen Berufsuntergruppe der Entbindungshelfer, sowie in der Folge ein schickes Abwicklungsobjekt aus Blumendraht.

Ist das Kunst oder kann das weg?
Ist das Kunst oder kann das weg?

~

*) Gibt es auch männliche Hebammern?

Präsidenten, Prinzen, Priester

Es gibt Leser, die der Ansicht sind, ein Blog sei nur ein Blog, wenn in ausreichendem Maße Katzenkontent angeboten würde. Ich selbst finde, einmal im Jahr sollte jeder Blogger über Katzen schreiben. Deshalb mach ich das jetzt mal.

Unsere Tigerin hatte ich ja bereits im Rahmen der Bettnässergeschichte vorgestellt. Was ich dabei im letzten Jahr verschwieg, war die Tatsache, dass unsere Katz‘ keinen richtigen Namen hat. Schuld daran ist die Demokratie. Ja, so ist das. Echt jetzt.

Bei der Namensgebung für Haustiere ist man ja sehr frei in der Auswahl. Als beispielsweise die Töchter meiner Schwiegereltern Mitte der Siebzigerjahre einen jungen weißen Kater nach Hause brachten, hieß der zunächst fantasielos und schlicht Kater. Erst als 1977 ein gewisser Jimmy Kater Carter US-Präsident wurde, riefen alle das Krallenmonster nur mehr Jimmy. Nach Jimmys, des Katers, Tod wurde sein Nachfolger ohne lange Diskussionen auf den Namen Tscharlie getauft. Pate stand der Hauptdarsteller aus der überirdischen TV-Serie Münchner G’schichten.

Danach folgten für mich lange katzenlose Jahre im Aus- und Ostland. Erst vor zehn Jahren lief uns im neuen Familienschloss ein nachtschwarzer Katzeneunuch zu, den wir ohne Zögern nach der damals aktuellen Kinderlektüre Sir Peter Lamorak riefen. Als kurze Zeit später der pelzige Ritter Gesellschaft bekam in Gestalt eines schwarz-weiß gefleckten (ebenso ehemaligen) Katers, schlug meine Stunde: Ich setzte mich gegen den profanen Vorschlag Kuhtze durch mit dem Namen einer Märchenfigur Wilhelm Hauffs, Chakamankabudibaba, den ich dem genialen Roman Der Turm von Uwe Tellkamp entlehnte. – Über Jahre hinweg lebten wir in glücklicher Gemeinsamkeit; die Kinder hatten ihren Lamorak, ich meinen Chakaman und die beiden Kater sich gegenseitig.

Das Idyll endete – wie so oft auch im Menschenleben – mit der Ankunft einer Frau. Der Wortmischerschwager, seines Zeichens Tierarzt, schleppte eine herrenlose, magere rotgetigerte Katzendame mit räudigem Fell an, die unserer Pflege bedurfte. Die Tigerin erwies sich als Kratzbürste und vergraulte die beiden Eunuchen; erst Chakaman, dann auch der Sir ließen sich immer seltener blicken, suchten sich offenbar neue Zuhause.

Die Katzendame nahm’s gelassen und zirpte stimmlos vor sich hin, wann auch immer sie einen menschlichen Dosenöffner zu Gesicht bekam. Das Problem jedoch war ihr Name. Der Schwager hatte sie Liesl gerufen, doch diesen Namen fand niemand ansprechend. Also machte ich einen Vorschlag, den ich noch bitter bereuen sollte:
„Wir stimmen demokratisch über den Namen der Katze ab! Jeder darf zwei Vorschläge abgeben, dann hat jeder zwei Stimmen: Die Erststimme bedeutet zwei Punkte für den gewählten Namen, die Zweitstimme nur einen Punkt.“

Dies führte dazu, dass jedes der fünf stimmberechtigten Familienmitglieder seinen eigenen Lieblingsnamen mit der Erststimme wählte, wodurch fünf Namensvorschläge jeweils zwei Punkte erhielten. Die Zweitstimmen wurden jedoch strategisch vergeben, was dazu führte, dass sich vier Wähler sicherheitshalber für den blödesten Namensvorschlag entschieden, der in der Liste zu finden war. Jeder dachte, dass diesen keiner der anderen aussuchen würde – frei nach dem Motto: Ich wähle den Kandidaten, den niemand sonst will, der wird es ja bestimmt nicht!

Die Wahl endete im demokratischen Debakel mit vier Stimmen für den Namen Tonks. Harry Potter lässt grüßen. Dummerweise mag niemand von uns diesen Namen, und deshalb ruft ein jeder unsere Katzendame, wie es ihm gerade beliebt. – Kitti, Katze, Zirpilette, oder wie auch immer.

Allerdings habe ich jetzt einen sehr tollen Namen für sie gefunden. Die Dame wird nämlich derzeit ziemlich füllig um die Hüften, sie hat bereits Zeppelinform. Außerdem wurde ihr nach einer Schlägerei in der Nachbarschaft zur Wundversorgung eine runde Tonsur mitten auf dem Kopf geschoren. Seither heißt sie ohne Rücksichtnahme auf Geschlechterkonventionen für mich …

Der Fette Mönch

der Fette Mönch.

Höhenangst

Diese stripteasige 20-Fakten-über-Geschichte ist ja nun schon einige Monate alt. Im Nachhinein wundere ich mich ein bisschen, in meiner Wahnsinnslinkliste nur ein einziges Mal über Höhenangst gelesen zu haben:

„Ich habe etwas Höhenangst: Auf dem Maintower kann ich stehen, weil der Turm breit genug ist, die Aussichtsplattform kleiner ist als der Grundriss, und weil der Abgrund so nicht direkt unter mir ist. Auf dem Eiffelturm habe ich hingegen nur die mittlere Aussichtsplattform ausgehalten und bin nicht weiter hoch gefahren. Hoch oben und schmal in Kombination geht gar nicht. In den Schweizer Alpen bin ich von einem gar nicht mal sooo steilen Berg teilweise in Vierfüßler-Stellung runtergekrabbelt, und wenn ich aufrecht lief, habe ich gebetet. Und das, obwohl ich Stöcke dabei hatte. Ja, es ist mir etwas peinlich.“
Michaela Albrecht im „Wörterfall“

Bei diesem Thema muss ich unwillkürlich an diese russischen Fotofreaks denken, die seit Zeiten in den Fotocommunities die Runde machen mit Bildern von irgendwelchen turmhohen Gebäuden, auf denen sie scheinbar ungesichert und trotzdem ohne jedes Anzeichen von Höhenangst herumturnen. – Kennt Ihr bestimmt!

In der Silvesternacht stand ich mit einem Freund auf unserer Küchenterrasse, die aus einem fünfzig Zentimeter hohen Steinsockel vor einer Rasenfläche besteht. Zum Thema Höhenangst forderte mich der Freund zu einem Experiment auf: „Stell Dich doch mal mit dem Rücken zum Rasen an die Terrassenkante, so dass nur deine Zehenspitzen auf der Terrasse stehen und Deine Fersen über dem Abgrund schweben. Wippe auf den Zehenspitzen auf und ab, strecke ein Bein nach hinten über den Abgrund!“

Er hatte recht. Trotz der Schampusdosis des Abends funktionierte die minutenlange Übung problemlos, ohne Absturz in den Garten hinter mir. Ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert wäre, hätte ich die gleichen Übungen auf russischen Fotoshootingtürmen oder am Rande eines Grand-Canyon-Abbruches durchgeführt. Schauderhaft!

~

Das Geheimnis besteht wahrscheinlich darin, die Absturzgefahr mental ausblenden zu können. Oder sie vielleicht gar nicht erst sehen zu können.

Pilzköpfe oder Nikloausinen?
Haarige Schaufensterdamen in einer Frankfurter Geschäftsauslage

2014

Die Feiertage habe ich wieder einmal in meiner oberbayerischen Heimat Oberbayern verbracht, zusammen mit den Wortmischer-Eltern und den Wortmischer-Töchtern. Ganz prächtig amüsiert habe ich mich in der Christmetten der Heimatgemeinde. Es bleibt festzuhalten, dass die Oberministranten in den zurückliegenden Jahrzehnten einen Mutationsprozess durchlaufen haben. Früher™ trugen die Typen Brillen mit Gläsern in Colaflaschenbodenstärke. Heute ist zumindest Pferdeschwanz angesagt. Und wahrscheinlich sind sie inzwischen unter der Soutane tätowiert, tragen Nippelpiercings und rasieren sich den S…, pardon, den Schritt. Was sich aber nicht geändert hat, ist die Rauschmittelhandhabung während der Mette. Ganze drei Mal hat der Pfarrer Weihrauch nachgeschaufelt, und der Pferdeschwanz hat die Gemeinde bis Mitternacht derartig eingenebelt, dass nicht nur die Töchter blass um die Nasen wurden; während ich wahrscheinlich als einziger Kirchgänger glückselig lächelte.

Cuerpo del Señor de Munich

Ich glaub ja nach wie vor nicht, dass im Weihrauch kein THC enthalten sein soll. Die Katholen wussten schon, was gut ist.

Doch was gut ist, weiß auch die Wortmischermutter, die uns zu den Feiertagen mit dem unvergleichlichen Gulasch nach geheimem Familienrezept bekochte. Dieses Gulasch ist dermaßen lecker, dass ein Nachschlag unvermeidlich ist und zum Abschluss statt Nachtisch noch ein kleiner Schöpfer Gulasch ohne Nudeln genascht werden muss. Egal was einem das Sättigungsgefühl suggeriert.

Zum Dank musste ich den Eltern noch die Nachricht der Schmerzdamen-Trennung mit auf den Weg ins neue Jahr geben. Da werden sie die nächsten Monate dran zu knabbern haben, soviel ist gewiss. Aber was hilft’s?

Zum Jahreswechsel machten wir uns dann wieder auf den Weg von den Alpen in den Taunus, wo ich mit ein paar Getreuen zum allerletzten Mal vom Familienschloss aus den Untergang des Örtchens im Gewitter der Stalinorgeln betrachten durfte. – Das neue Jahr wird eine ganze Wagenladung von Änderungen mit sich bringen, aber ich halte es in dieser Hinsicht ganz mit dem Herrn Merlix, auch wenn ich von Horoskopen nichts halte:

Immer mutig voran!

Als Peitschenknaller

Nach meiner Trümmermeldung aus dem Oktober habe ich mich ziemlich rar gemacht in Bloghausen. Das lag nicht etwa daran, dass ich dem Trübsinn verfallen wäre oder einen ausgedehnten Urlaub angetreten hätte, wie bereits vermutet wurde. Vielmehr habe ich tatsächlich „die ganz große Kehrschaufel aus der Abstellkammer meines Herzens“ herausgeholt und all die Trümmer zusammengeschippt, die da herumlagen.

Das Familienschloss ist verkauft – und zwar dergestalt, dass nach Rückzahlung aller Schulden sogar noch etwas übrig bleiben wird -, die Trennung von der bösen Fabrik ist verdaut und eine neue Anstellung gefunden. Seit November bin ich Peitschenknaller in einer Institution von Geistesmenschen. Das klingt mysteriös? Widersprüchlich? Es ist aber spannend. Weil den alten Peitschenknaller haben sie nämlich geschasst, weil er zu laut mit der Peitsche geknallt hat. (Fand ich übrigens auch.)

Von mir erhoffen sich die Geistesmenschen nun, dass ich zwar durchaus mit Peitschen hantiere, aber keinesfalls zu laut mit ihnen knalle. – „Was ist Ihre herausragende Eigenschaft?“ – „Empathie, oder was glauben Sie?“

Das Schönste am neuen Job ist: Ich darf in der Vorweihnachtszeit wieder Kerzen auf dem Schreibtisch abbrennen. Ich muss das sogar, die Geistesmenschen schätzen das ungemein. Fast zu schön, um wahr zu sein. Ich hoffe, es geht mir nicht demnächst so wie der einst frisch verjobbten Kaltmamsell.

~

Jetzt muss ich nur noch diese Kleinigkeit mit der Beziehungskatastrophe hinbekommen. Über die Weihnachtsfeiertage und Neujahr, die klassischen Wir-Tage im Jahr. Die nächsten zwei Wochen werden noch mal ein ganz dicker Brocken, ein Haps, den ich wohl nur mit großer Mühe runterwürgen werde können. (Ich albträume ja immer noch, seitdem die Schmerzdame und ich den Kindern 1.0 bis 3.0 die anstehende Trennung eröffnet haben. Drei heulende Kids, die sich gegenseitig trösten mussten, waren ein sehr fetter Klops, an dem ich beinahe erstickt wäre.)

Deshalb entschuldige ich mich jetzt noch einmal bei der treuen Leserschaft. Ich ziehe mich zurück bis ins neue Jahr, auch wenn ich Eure Reaktionen natürlich dank moderner Technik mitbekommen und ungemein wertschätzen würde.

Schöne Feiertage wünsch‘ ich. Kommt gut rüber. Wir lesen uns in 2014. Es kann nur besser werden.

¿Paellas en Gavà?

Playa de Gavà

Erster Weihnachtsfeiertag, Sonntag kurz vor elf Uhr morgens. Gerade habe ich mir unten am Kiosk die Tageszeitung mit der begehrten Wochenendbeilage geholt und blättere am Esstisch das Heft durch. In der Küche schnorchelt die Espressomaschine asthmatisch auf dem Gasherd, im Schlafzimmer die Herzdame. Ich mach mir einen café con leche und überlege, wie wir den Tag durchbringen wollen. Es ist schön draußen, Sonnenschein und jetzt schon beinahe fünfzehn Grad warm. Wir müssen etwas unternehmen denke ich, als das Telefon klingelt.

Lourdes ist dran, sie fragt: „¿Paellas en Gavà?“

Zwei Stunden später stelle ich das Moppet auf dem Parkplatz hinter dem heruntergekommenen chiringuito am Strand von Gavà ab. Lourdes, Ana, Oriol und Gasi sitzen schon auf der Terrasse der Bude. Wir setzen uns dazu und bestellen einen Aperitiv. Die Sonne brennt, hinter den Windschirmen des Chiringuito hat es gut zwanzig Grad.

Die Diskussion über Jordi Pujol, den katalanischen Präsidenten, geht mir bald auf die Nerven. Ich ziehe Stiefel und Socken aus und gehe über den warmen Sand zum Wasser hinunter. Das Meer ist eisig, aber ich wandere trotzdem an der Wasserlinie entlang und sehe zu, wie die Wellen meine Fußabdrücke aus dem Sand spülen, bis die Freunde winken: Die Paella ist da! Mit Muscheln und Gambas und Zitronenvierteln.

Ich laufe zurück zum Chiringuito. – So muss Weihnachten! Die Chiringuitos gibt es seit vielen Jahren nicht mehr. Schade.

[grey_box]Was war das denn? – Mein Beitrag zur Blogparade: Mein Text zum Meer[/grey_box]