Porzellan

Porzellankleber

Betrachtet man den Füllungsgrad dieser Spezialklebertube, könnte man auf die Idee kommen, bei Wortmischers zu Hause würde überdurchschnittlich viel Porzellan zerschlagen. Ich räume ein, dass die Schmerzdame ein durchaus temperamentvolles Naturell besitzt. Aber mit Geschirr hat sie bislang noch nicht um sich geworfen.

Vielmehr handelt es sich bei der abgebildeten Klebstofftube um ein seltenes Beispiel für Nachhaltigkeit. Auf der Rückseite findet man nämlich die Herstellerangabe „PRAKTIKUS-Chemie D 4048 Grevenbroich 5“.

Messerscharf schließen wir aus der PLZ, dass der Kleber mindestens zwanzig Jahre alt ist. Und er klebt noch immer!

Freitags: Sport!

Freitagstexter

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen so ergangen ist in den vergangenen zwei oder drei Monaten. Mir jedenfalls hat der Supersommer 2013 eine satte Zulage in Form einiger Kilo Körpergewicht beschert; was nicht weiter tragisch ist, mich jedoch mahnend daran erinnert, Extreme-Grilling und Beer-Appreciating ab sofort gegen leichte sportliche Betätigung einzutauschen. Da trifft es sich prima, dass mir Herr Shhhhh sozusagen als Motivationshilfe einen glitzernden Pokal weitergereicht hat. – Danke sehr dafür!

Betrachten Sie also die nachfolgende Abbildung stets unter dem Gesichtspunkt, dass es sich bei der fotografierten Person womöglich um mich handeln könnte. Sehen Sie ab von rohen Scherzen und gemeinen Unterstellungen, wenn Sie nicht mein Selbstwertgefühl unheilbar ruinieren wollen. Gewiss fällt Ihnen auch so der eine oder andere rasante Spruch ein. Treten Sie also in die Pedale:

Bicicleta zapatero

Das Bild stammt – wie jedes Mal bei meinen Freitagstextereien – aus unbekannter Quelle und ist mir per E-Mail zugegangen. (Ich bin es also doch nicht, ätsch!)
Die Regeln zur Teilnahme am Freitagstexter sind so einfach wie immer, wer noch nie mitgespielt hat möge sie unbedingt ausdrucken, lesen, auswendig lernen und anschließend das Papier aufessen.

Bis Mitternacht am kommenden Dienstag haben Sie Zeit, Tritt zu fassen. Wir lesen uns zu diesem Thema wieder am 11. September. – Kette rechts!

Raketenstation

Im geografischen Nirgendwo draußen zwischen den Feldern hinter Neuss ist nicht viel los, meint man. Ins Auge sticht jedenfalls wenig mehr als eine groteske Riesenstahlspinne, die aus der Ferne aussieht wie ein Fußballstadion, dessen eine Seite ein womöglich verrückter Gigant angehoben und auf Stelzen gestellt hat. Vielleicht gewinnt die Heimmannschaft ohne das Gefälle nicht? Das Gebilde entpuppt sich beim Näherkommen jedoch als Skihalle, als abgehobener Versuch, das Salzburger Land an die niederländische Grenze zu exportieren, um auch bei 30° Außentemperatur überdachte Skiabfahrten zu organisieren. Dem Exilbayern blutet das Herz bei einem solchen Anblick.

In Sichtweite der Riesenspinne gibt es aber doch Alternativen für Leute, die etwas leisere Auftritte zu schätzen wissen. Das Museum Insel Hombroich fällt allerdings erst auf den zweiten Blick auf. Dann aber bleibt es in Erinnerung.

In einer biotopisch angelegte Landschaft finden sich verstreute Anlagen und Gebäude in minimalistischer, streng geometrischer Formgebung, die eine umfangreiche Kunstsammlung beherbergen. Eine halbe Halle hängt voll mit Ölbildern von Lovis Corinth, der wahrscheinlich vielen unter der Leserschaft bekannt ist, zumindest denen, die in frühen Jahren von den Eltern zu stundenlangen Walchenseewanderungen gezwungen wurden.

Aber hier sind wir ja an der Erft und neben Corinth wird auch Norbert Tadeusz ausgestellt, dessen kirchturmhohe Ölgemälde durch ungesund verrenkte Nacktheit verstört. Kann man sich aber ansehen. Alles: den Park, die Kunstsammlung und die Freiluftinstallationen, auf die der Spaziergänger in regelmäßigen Abständen stößt.

Wenn man dann all das inhaliert hat, sollte man jedoch auf jeden Fall ein paar Schritte weiterwandern, zu einem Außengelände des Museumsbereiches, zur „Raketenstation“.

Sturzgusskunst auf der Raketenstation Hombroich

Ich wohne ja selbst auf einem aufgelassenen Militärgelände der US-Amerikaner. Daher hat mich diese merkwürdig verwunschene Stimmung, die auf dem Areal herrscht, nicht unvorbereitet getroffen. Gebäude, die ihrer Funktion beraubt werden und wie alte Soldaten bewegungslos und reaktionsunfähig umherstehen, als habe man ihnen mitgeteilt, dass der Krieg vorüber sei, üben auf mich eine Wirkung aus wie das schlafende Märchenschloss auf Kinder. Der ehemalige Tower der Raketenstation wird zwar nicht von Rosenranken eingeschlossen, ist aber bis hoch zu den schmalen verspiegelten Fenstern von Efeu überwuchert. Dort oben hätte ich gerne mein Schlaf- und Schreibzimmer!

Und mit diesem Wunsch sind wir auch schon bei einer der Bestimmungen des Geländes angekommen. Bildende Künstler werden eingeladen, in den Gebäuden der Raketenstation zu wohnen und zu arbeiten. Ein sehr angenehmer Traum ist das, muss ich schon sagen, auch wenn wir von keinem der Bewohner etwas zu Gesicht bekommen haben abgesehen von Requisiten. – Wobei die letzte Aussage eine halbe Lüge ist. Eine haben wir nämlich schon gesehen. Hilli Hassemer war mit einer Ausstellung zu Gast auf der Raketenstation und für Bewunderer ihrer Kunst ansprechbar.

Gastausstellung Hilli Hassemer

In einem schmalen Gang einer in die Länge gezogenen Hobbithöhle – ich nehme an, das war einmal einer der Raketensilos? – findet der Besucher rund zwanzig Bilder an einer der Wände. Ich bin vom ersten Moment an fasziniert. Das erste Exponat, ein mit eng beisammen liegenden senkrechten Streifen in Grün weckt in mir eine Assoziation, als führe ich in rasender Fahrt in einem Glasaufzug entlang einer Mooswand hinab. Wie hat sie das gemacht? Ich trete näher heran, entferne mich wieder bis zur gegenüberliegenden Tunnelwand. Faszinierend. Frau Hassemer erklärt dazu etwas auf ihrer Website:

„2004 bis 2005 entstehen die Rinnbilder. Die flüssige Acrylfarbe rinnt und fließt auf der am Boden liegenden, in verschiedene Richtungen bewegten Leinwand. Die Rinnsale fließen in mehreren Schichten übereinander, bilden Netze und gewebeartige Formationen. Die Strukturen schaffen sich im freien Fluss, der Schwerkraft gehorchend, von mir durch Bewegung der Leinwand gelenkt.“

Exponate: Rinnbilder (Hilli Hassemer)

Auch die figürlich anmutenden Bilder beeindrucken mich sehr. Ich fühle mich beim Betrachten in eine Art angenehmen Rorschachtest versetzt. Aber es kommt keiner um die Ecke und fragt mich, was ich da auf der Leinwand zu erkennen glaube. Das ist auch gar nicht nötig, da zumindest ich jeden Tag etwas anderes in die Bilder hineindeute; manchmal auch gar nichts.

Aber ich bin froh, dass mir Frau Hassemer erlaubt hat, diese Fotos auf meiner Website auszustellen und Euch damit die Gelegenheit zu geben, Eindrücke mitzunehmen.

Wem es gefällt, der hat Gelegenheit, zwischen dem 5. und 29. September eine Gemeinschaftsausstellung von Hilli Hassemer und Uwe Esser mit dem bärenstarken Titel Es geht ans Eingemachte zu besuchen. Ich werde mich im September auf jeden Fall einmal nach Wiesbaden in den Kunstverein Bellevue-Saal in der Wilhelmstraße 32 begeben, alleine schon, weil ich einmal mit der Frau Hassemer ein paar Worte wechseln will. Und weil es quasi bei mir um die Ecke ist.

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Zuletzt kann ich es mir nicht entgehen lassen, Eure Aufmerksamkeit auf Hilli Hassemers seherische Fähigkeiten zu lenken. Ich weiß nicht, ob das Schicksal der Malerin die Hände lenkte, als sie mit weißem Acryl hantierte. Jedenfalls kommen wir nicht umhin, eine schreckliche Prophezeihung zur Kenntnis zu nehmen, die bereits Jahre vor dem Tod von Steve Jobs den Niedergang des Apfelimperiums beschwor.

Schreckliche Prophezeihung: Apple in Auflösung

Abkühlung

Jubiläum zum Jahresbeginn

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. – Selten habe ich einen Sommer so genossen wie in den beiden letzten Monaten; sechzig barfüßige Tage, acht Wochen ohne Heizung und doch auch ohne Frösteln, ein Sechstel des Jahres ohne Kontrolle durch Arbeitsvorgaben. Die einzige sichtbare Kontrolle übte der Temperaturfühler auf die Thermometeranzeige aus. Radio Controlled. Elektrosmogige Sommerinformation. Und trotzdem – so hieß es – hat sich das Ozonloch über uns wieder geschlossen. Oder habe ich das nur geträumt?

Gut geschlafen habe ich ja durchaus, in den zurückliegenden Sommernächten. Und viel gelesen, lauter kühle Geschichten. Nach den gesammelten Wallanders, der Populärmusik aus Vittula und Fräulein Smillas Gespür für Schnee, über die ich vor fast einem Monat zwischenberichtete, machte ich mich über den Plan zur Abschaffung des Dunkels her (ebenfalls vom Smillaautor); sodann über den Geschichtenverkäufer von Jostein Gaarder, einen Roman, der sehr langsam und systematisch in die Gänge kommt und dann auf einmal – Alarm! – einen auf Ödipus macht; und last but not least über Sofies Welt.

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Ich spiele mit dem Gedanken, die Sofie-Geschichte der Tochter 3.0 unauffällig aufs Nachttischchen zu legen. Sie ist genauso alt wie die Protagonistin des Paraderomans von Gaarder; und genauso neugierig und wissensdurstig. Oder -hungrig? Allerdings befürchte ich, ihr die Liebe zum Lesen mit all den philosophischen Ausführungen zu verleiden. Ihre Lektüregewohnheiten erfüllen nämlich alle Klischees, die man hinsichtlich weiblicher Teenagerromane haben könnte. Als wir letzthin im Hugendubel vor dem Teenregal standen, verblüffte sie mich mit Kurzrezensionen zu jedem einzelnen der dort stehenden Schmöker.

Sehr toll finde ich übrigens, dass wir beide immer noch auch gemeinsam (vor-)lesen. Vor zwei Wochen haben wir den Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand beendet. Seit ein paar Tagen sind wir in eine Geschichte eines gewissen Ben Aaronovitch eingestiegen, die den Titel Die Flüsse von London trägt. Geister, Vampire, Zauberlehrlinge. Hoffentlich wird das keine lahmarschige Harry-Potter-Fortsetzung.

Mein skandinavischer Sommer

Vor ein paar Jahren war ich zu Sommersonnwend einen Tag in Helsinki auf einem Kongress. Vorher oder danach habe ich nie einen Fuß auf skandinavischen Boden gesetzt. Aber ich glaube, ich muss das demnächst einmal nachholen.

Im Juli und August während dieses sagenhaften Sommers lese ich mich völlig internetzlos durch alle skandinavischen Romane in meinem Bücherregal. Nach allen 11 Wallanderkrimis und ein paar weiteren Mankells habe ich eben einen über zehn Jahre alten Roman von Mikael Niemi durchgeschmökert: Populärmusik aus Vittula

Das ist eine sensationell gut erzählte Geschichte einer Kindheit und Jugend in den Sechzigerjahren in Nordschweden an der finnischen Grenze. Die Erlebnisse von Matti, seinen Freunden und seiner Familie plätschern nur so aus Niemi heraus, Kapitel für Kapitel, Episode für Episode. Und am Ende, nach gut dreihundert Buchseiten ist man traurig darüber, dass die Geschichte schon ihr Ende erreicht hat; und auch darüber, was aus den Jungs geworden ist. Da hilft nur eins: gleich noch einmal von vorne anfangen!

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Sobald ich diese ausgeborgte mobile Internetmaschine nach Absenden meiner Zwischenmeldung wieder zurückgegeben haben werde, angle ich mir gleich Fräulein Smillas Gespür für Schnee aus der Reisetasche.

Gehabt Euch wohl, Ihr alle an den anderen Enden der Kabel. Bis in ein oder zwei Wochen!

Sommerzeit, Krimizeit

„Der Herbst kam unerwartet, weil die Menschen noch immer nicht vom Sommer Abschied nehmen mochten, dem heißesten und trockensten, an den man sich erinnern konnte.“
~ Henning Mankell, Die falsche Fährte

Wo Wallander waltet

Als Sommerurlaubsland empfehle ich gerne Österreich. Kärnten. Die Menschen dort sind so unkompliziert. Vor beinahe fünfzehn Jahren habe ich mir in der Leihbücherei einer kleinen Ortschaft am Ossiacher See – ohne Vorlage eines Ausweisdokuments und ohne Mitgliedskarte! – als Sommergast einen Roman eines mir bis dahin völlig unbekannten Autoren ausgeliehen: Henning Mankell, Mörder ohne Gesicht. Die restlichen Urlaubstage war ich gefesselt. Dieser Krimi hatte mich vollkommen in seinen Bann gezogen. Ich las im Strandbad am See, in den Pausen unserer Wanderungen, vor dem Abendessen auf der Terrasse der Pension und bis spät in die Nacht auf dem Zimmer.

Seither sind Mankells Romane um den Kriminalkommissar Kurt Wallander im schwedischen Schonen längst Bestandteil der klassischen Krimiliteratur. Die Wallander-Krimis werden oft gelobt, weil es dem Autoren gelingt, seine Kriminalfälle mit gesellschaftskritischen Elementen zu verweben. Wenn ich ehrlich bin: mich nervt mittlerweile das dauernde, sich in allen Fortsetzungen wiederholende Gejammere um wachsende Brutalität, immer mehr fehlende Sozialkompetenz bei Menschen und Behörden. Mankell hat über zehn Wallander-Romane geschrieben, spätestens nach dem dritten oder vierten mag man es nicht mehr hören lesen.

Das fällt mir allerdings erst jetzt so massiv auf, da ich dabei bin, mich durch alle elf Geschichten hindurchzulesen, die die Wikipedia aufzählt. Ich verschlinge sie aber trotz des Nervfaktors, die Wallander-Krimis. Mich begeistert dieser Typ, der Wallander, der als Mensch so konsequent unorganisiert ist, dass er ständig Notizblöcke, Stifte, Handys, Dienstwaffen und Gesprächstermine vergisst, seine eigene Gesundheit bewusst vernachlässigt, gegen jede Art von Dienstvorschriften vorsätzlich verstößt und trotzdem seine Mordfälle löst. – Genial!

Der Mann der lächelte

Und weil das so ist, verschenke ich heute einen Wallanderkrimi, den ich doppelt im Regal stehen habe. Wer sich für Der Mann, der lächelte interessiert, schreibe bitte eine Bewerbung in Reimform (!) in die Kommentare. Am kommenden Montag suche ich mir den Kommentar aus, der mir am besten gefällt, und melde mich per E-Mail wegen der Versanddetails. Das Chiemseer Bier gehört übrigens nicht zum Geschenkpaket, es handelt sich bei der Abbildung vielmehr um einen unbedingt empfehlenswerten, hochsommerlichen Serviervorschlag.

Der Unglücksrabe

Diese kurze Zwischenmeldung schreibe ich für diejenigen unter Ihnen, die meiner Bitte aus dem Januar entsprechen und seither dem Sohn 2.0 die Daumen drücken, auf dass ihm – dem geborenen Dekonstrukteur, Zerstörer und Pechvogel – sein teures Nokia-Lumia-Smartphone wenigsten ein oder zwei Jahre erhalten bleiben möge.

Sie können Ihre Daumen jetzt wieder loslassen. Vor ein paar Stunden meldete sich Sohn 2.0 aus Barcelona. Auf den Ramblas ist ihm gestern Abend sein Smarty im Getümmel „abhanden gekommen“. Ich solle doch bitte seine SIM-Karte sperren lassen.

Leider hilft es absolut nichts, wenn ich entnervt schreibe: Ich habe es kommen sehen. – Verkneifen kann ich es mir trotzdem nicht. Väter eben. Und Söhne.