Mit dem Segway auf dem Jakobsweg?

Camino de Santiago

Und vielleicht sollte ich es mir doch noch einmal überlegen und mich zusammen mit einhundert Millionen Hindus in die Fluten des Ganges stürzen, um mich von Sünde zu reinigen* und dafür ein paar Kilo Kolibakterien in mich aufzunehmen. Oder mich auf die Hadsch zu begeben, um mich in Mekka am Fuße der Kaaba als Ungläubiger zu outen und steinigen zu lassen.

Ehrlich: Ich bin fasziniert von dieser Massensportart Pilgern. Was bringt Menschen dazu, sich unter Tausende und Abertausende Gleichgesinnte zu begeben, um ihr Seeleheil auf den rechten Weg zu bringen? – Im Vergleich zu solchen Mammutveranstaltungen ist doch ein Besuch beispielsweise der Münch’ner Oktoberwies’n ein einsamer Eremitenspaziergang.
Damit wir uns nicht missverstehen: Auch wenn ich selbst dem Gedanken, mich auf den Weg zu machen, um die Gebeine des Apostels oder den Bart des Propheten zu besuchen, überhaupt nichts abgewinnen kann, so verstehe ich Menschen durchaus, die auf einsamem Wege zu sich selbst finden, in der Stille einer Wanderung eine wichtige (und richtige) Entscheidung treffen, oder einfach durch den Rhythmus ihres Schrittes alles ausblenden und sich neu erfinden wollen. Das ist vollkommen okay. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

Was mir aber nicht in den Kopf will: Welchen Kick ziehen die Leute aus diesen Massenveranstaltungen? Das kann doch einfach keine Entspannung, das muss Stress pur sein! Dieser ständige Kampf gegen zig Mitbewerber, wer kommt schneller ans Ziel, wer bekommt noch einen Platz in der Herberge und wer muss bei den Hunden auf dem Dorfplatz schlafen? Wieso kostet ein Mittagessen in einer Schenke am Wegesrand in der spanischen Provinz auf einmal mehr als im In-Restaurant in München-Paris-New York? Was hat das alles noch mit Besinnung zu tun?

Es bleibt nur eine Deutungsoption: Darwin hat sich geirrt. Der Mensch stammt nicht vom Affen sondern vom Lemming ab.

~

*) Sie haben ja sicher alle mitbekommen, dass ich unlängst unzüchtiges Gedankengut hegte.

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