Alles nur Fassade

Valley Riders

Das Valley war eine üble Spelunke am Südrand der Münchener Innenstadt, unterhalb des Harras gelegen und nur ein paar hundert Meter von der Schule entfernt, in der man uns in den Siebzigern die wichtigsten humanistischen Bildungselemente näherbringen wollte. Vor dem Valley und insbesondere vor dessen Stammgästen hatten alle Schüler einen Heidenrespekt. Das waren wilde Gestalten mit fettigen, unfrisierten Mähnen und langen Bärten; finstere Visagen, denen man das jahrelange professionelle Saufen ansah. Sie trugen Westernstiefel, dreckige Jeans und schwarzes Leder, und ihre schweren Motorräder standen immer mitten auf dem Bürgersteig direkt vor dem Valley. Es gab niemanden, der sich je beschwert hätte, dass dort für Fußgänger kein Durchkommen war.
Die Valley Riders machten sich ab und an einen Spaß daraus, Schülerinnen zu erschrecken und die älteren Jungs auf ihren Maschinen durch den Park zu jagen, der zwischen der Schule und dem Valley lag, bis hin zu der Böschung, die hinauf zum Harras führte.
Die Kerle aus dem Valley und wir Gymnasiasten, das waren damals die beiden extremen Pole der Gesellschaft, in der wir uns bewegten.

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Im Sommer ’78 muss sich eine Begebenheit zugetragen haben, die meine bis dahin von schierer Angst geprägte Beziehung zu den Valley Riders zurecht rückte. An der Schule war abends eine Fete angesagt, mit Musikanlage in der Pausenhalle, knutschenden Pärchen in den Gängen und patroullierenden Lehrern, die großzügig ein oder auch mal zwei Augen zudrückten.
Ich war wohl gerade mit Ali auf einem der Kellerklos, wo wir bei weit geöffneten Oberlichtern einen Joint in der Mache hatten, als oben ein paar der Valley Riders ihren Versuch starteten, die Schulparty zu sprengen. Fünf oder sechs der Kerle waren in das Gebäude eingedrungen und pöbelten Schüler und Lehrer an. Die Angelegenheit hätte normalerweise ein hässliches Ende genommen. Doch die Biker hatten nicht damit gerechnet, dass unter der Schülerschaft die beiden Söhne und die Tochter des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten FJS waren. Diese drei standen wie auch der Vater unter Personenschutz, und in weniger als fünf Minuten hatten sechs ausgewählte Bodyguards die Krawallmacher platter gemacht als Pfannenkuchen.

Jedenfalls fast alle Krawallmacher. Denn einer von ihnen hatte das Unheil rechtzeitig kommen sehen und war stiften gegangen. Seine Flucht vor den Personenschützern führte den Kerl die Treppe in den Schulkeller hinunter, und gerade als Ali und ich mit dem Joint fertig waren, hörten wir das Klopfen von Absätzen schwerer Stiefel den Flur entlang auf uns zukommen. Sekunden später stand ein Biker in schwarzem Leder und einer Jeanskutte schwer atmend vor uns. Er war locker über vierzig, sein Bart war grau. Er schob eine ziemlich fette Wampe vor sich her und schwitzte wie ein Spanferkel auf dem Grillspieß. Furcht glitzerte in seinen weit aufgerissenen Augen. Jetzt war es vorbei mit dem angeberischen Getue, mit diesem Macho-Wild-West-Gehabe der Bayernrocker.
„Geht’s hier unten irgendwo raus, Jungs?“, keuchte er vollkommen außer Atem. „Bitte helfts mir!“
Von der Treppe her waren laute Rufe im Kommandoton zu hören, die Bodyguards waren auf dem Weg. Ich weiß nicht warum, aber der Kerl tat mir auf einmal leid; auch wenn er und seine Kumpels uns so oft das Leben schwer gemacht hatten. Also deutete ich nach rechts den Gang hinunter in die Dunkelheit.
„Da entlang. Am Ende des Flurs nach rechts, dort gibt es eine Tür hinaus auf den Pausenhof.“ – Und schon war der Kerl weg.
Danach setzte ich sogar noch einen drauf. Denn als kurz darauf der erste Personenschützer angesprintet kam und uns fragte, ob hier jemand vorbeigekommen sei, verneinte ich, ohne dabei rot zu werden. Ali sah mich zwar fragend an, sagte aber wie gewöhnlich nichts. Die Entscheidungen überließ er wie immer gerne anderen.

Vielleicht war mein Verhalten dadurch zu erklären, dass ich die Strauß-Kinder nie besonders gemocht hatte. Die spielten in einer ganz anderen Liga als wir, mit der wir nicht das Geringste am Hut hatten.

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Wir alle wissen, dass man sich immer mindestens zweimal im Leben sieht. Und genauso ist es wahr, dass man für alles, was man anstellt, früher oder später die Quittung bekommt. In meinem Fall dauerte es ziemlich genau ein Jahr, bis ich die Rendite für meinen Mitleidsanfall einkassierte.

Das Abi war so gut wie passé, die schriftlichen Prüfungen durchgestanden; die mündlichen waren in unseren Augen noch sehr weit weg, und wir verbrachten die glutheißen Sommernachmittage gern an den Biertischen des Südbades, schräg gegenüber der Schule. Wir spielten Schafkopf, qualmten Gauloises wie die Großen und tranken Weißbier. Insgesamt fühlten wir uns mächtig großartig.
Zumindest bis zu dem Moment, in dem ich auf dem Weg zum Klo versehentlich gegen den Nachbartisch stieß und das Gebräu aus einer frischen Maß Hellem dem Besitzer auf die Hose schwappte. In der Hose steckte nämlich einer der Kerle aus dem Valley. Und obwohl der Hosenstoff durch die Bierdusche keinesfalls schmutziger geworden war als vorher, nahm er es persönlich. Sehr persönlich.
Er sah aus, wie man sich Frank Zappa nach zwei Wochen giftiger Exzesse ohne Besuch einer Badewanne vorstellen muss. Schwarze Locken baumelten in öligen Korkenziehern auf seine Schultern, die Augen glühten im Bierrausch, über das Gesicht zog sich eine ziemlich frische Narbe von der Nasenwurzel bis auf die linke Wange. Mir ging die Düse wie einem Föhn auf Stufe drei.
„Du blöde Sau!“ Zappa baute sich vor mir auf, begann, mich zu beschimpfen und mich mit seinen ölverschmierten Händen vor sich her zu schubsen. Mir war schon klar, dass ich mir jetzt auf der Stelle ein paar satte Maulschellen einfangen würde und, wenn ich Pech hatte, den einen oder anderen Zahn ausspucken würde. Scheiße.

Doch unverhofft und urplötzlich stand da jemand zwischen Zappa und mir und knallte dem Kerl derartig einen vor den Latz, dass der nach hinten stolperte und auf seinem Hinterteil auf der Liegewiese landete.
„Händi, Du Arsch!“, brüllte Zappa. „Bist Du besoffen – oder was?“
„Zieh Leine, Mikey“, knurrte mein Retter. „Das Jüngelchen steht unter meinem persönlichen Schutz. Wenn Du ihn Dir vornehmen willst, dann musst Du erst mal an mir vorbei.“

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Den alten Sack, den ich ein Jahr zuvor auf dem Schulfest vor einer unerquicklichen Begegnung mit einem Bodyguard bewahrt hatte, nannten seine Bikerkumpel also „Händi“. Und jetzt revanchierte sich Händi, als ich mich ungewollt mit diesem Mikey Zappa angelegt hatte.

Der Tag endete für mich im Valley, wo ich am Tresen zwischen Mikey, Rollo und Händi saß und von den dreien nach allen Regeln der Kunst abgefüllt wurde. Auf einmal war ich der „Brösel“ und meine Schultern schmerzten von all den Prankenschlägen, die in aller Freundschaft auf ihnen landeten. Erst als Rita einschritt, Händis Freundin, die hinter dem Tresen den Ausschank besorgte, und mich an die frische Luft setzte, endete das Besäufnis.

Was ich sagen wollte: Alles ist nur Fassade. Selbst die übelsten Raufbolde sind auch nur Menschen, und in einem von ihnen hatte ich an diesem Abend einen Freund fürs Leben gefunden. Aber das ist eine andere Geschichte, die an einem anderen Tag erzählt werden will.

[lightgrey_box]Das ist mein Beitrag zum siebten Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.[/lightgrey_box]

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Laimer Brösel

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[lightgrey_box]Für alle, die neugierig auf die Gestalten aus den Laimer Bröseln sind, gibt es eine kleine Galerie mit Portraitzeichnungen von Rita und den Jungs aus dem Valley.[/lightgrey_box]

Freitagstexter: Pokalverleihung

Freitagstexter-Pokal

Wegen der Pfingstfeiertage hatte ich ja eher mit verhaltener Teilnahme gerechnet. Aber die Entsendung des Heiligen Geistes scheint Euch eher beflügelt als gebremst zu haben. Und wer weiß: Hätte ich ein weniger anzüglich angezogenes Motiv für den Freitagstexter gewählt, hätten sich vielleicht gar noch die Katholiken unter der Leserschaft zu Wort gemeldet.
Bevor ich gleich zur Punktewertung schreite, muss ich noch zwei E-Mailanfragen öffentlich beantworten, um Spekulationen vorzubeugen: Nein, bei der jungen Dame auf der Waschmaschine handelt es sich nicht um die Nachfolgerin der Schmerzdame. Und bei den blauen Dingern in der Dose links im Bild handelt es sich auch nicht um mein persönliches Viagra-Vorratsdepot. Vielmehr habe ich das Bildchen wie immer von Freunden zugeschickt bekommen, die wissen, dass ich für Freitagstextereien anregende Fotografien benötige.

Alle Jurymitglieder meiner multiplen Persönlichkeit haben heute Nacht lange miteinander gerungen. Der Edgar A. Poe in mir setzte schließlich durch, dass Herr Bee zumindest einen Sonderpreis für grausames Kopfkino erhalten müsse wegen seines subversiven Was Astrid Lindgren nicht wusste. Und dieser miese Statistikarsch in meinem Unterbewusstsein gab nach zähem Ringen mit der Keule meinem Austria-Herz-Buben einen derartigen Schlag aufs Haupt, dass es die Testsiegerin mit Du hast doch vorhin gesagt, ich hab sie verkehrt rum an! nicht bis ganz nach oben schaffte. (Herzi, es wird leider nicht ein drittes Mal in Folge etwas mit uns.)

Ganz zuletzt, kurz vor dem Morgengrauen, kämpften noch die Ratschläge zweier Großmütter und ein Verhütungsexperte um die Einlaufreihenfolge auf den Medaillenplätzen:
Bronze geht an Mr. Spott für “Spotty”, sagte meine Oma immer, “steck was in den Sparstrumpf und setz was auf die hohe Kante!”
Den zweiten Platz hat sich die Oma von Frau Spätlese abgeholt für ‘Mädel’ sagte die Großmutter zu ihr, ‘Geh niemals ohne Strumpfhose aus dem Haus. Damit bist Du immer gut angezogen und machst auch auf die Männer einen guten Eindruck!’

Und schließlich wird der Pokal weitergereicht …

Copyright„Beim Sex auf der Waschmaschine benutzt Gisela immer ein Kondom.“

Das Original des Rechteinhabers ist hier zu besichtigen.

… an den Herrn Leisetöner. – Haben Sie alle herzlichen Dank für Ihre Gehirnakrobatik. Ich hoffe, wir sehen uns übermorgen alle wieder beim:

Zum FreitagsNexter

 

Hessian Wisdom

Im Irish Pub fließt das Bier in Strömen. Ich sitze vor meinem zweiten Killkenny und schweige. Nicht dass ich meiner Begleitung nichts zu sagen hätte. Aber die Paddies oben auf der Bühne veranstalten einen derartigen Radau, dass an Unterhaltung nicht zu denken ist. Gerade sind sie in einer Pogues-Session und The Band Played Waltzing Mathilda.

Als die Musik verstummt, setze ich zu einer Bemerkung an. Doch das Gespräch zweier Nachbarn lässt mich verstummen. Der eine klingt unverkennbar wie ein Texaner, sein Gegenüber spricht passables Englisch, jedoch mit einem satten hessischen Akzent:
„Yes, our cities‘ names have real meanings, in many cases. Frankfurt by example is the location where the historical Franks crossed the river Main, using a natural passage through shallow water.“
So weit so gut, denke ich, und auch meine Begleitung spitzt jetzt die Ohren.

„And what does Wiesbaden mean?“, fragt der Texaner nach. „That’s where my unit is garrisoned. Ye know what I mean?“
„Well, Wiese means meadow, and baden means taking a bath„, trumpft der Hessenmatador auf. „Wiesbaden is the location where people took a bath in the meadows alongside the rivers Main and Rhine, in the past.“

Ich verschlucke mich an meinem Killkenny, meine Begleiterin grinst breit. Sie ist Geschichtslehrerin und könnte sicher besser erklären als ich, was es mit dem Volksstamm der Wisibada auf sich hatte.
Aber die beiden Ethymologieforscher sind schon ein paar Kilometer weiter. Der Amerikaner erzählt, dass er ja bis Herbst 2008 noch in Darmstadt stationiert war und fragt, ob dieser Städtename auch irgendeine Bedeutung hätte.
Sein verhinderter Fremdenführer kommt nur kurz ins Stocken, bevor er übersetzt: „Intestinal City?“

Diesen Blick in den Augen des Texaners, eine Mischung aus Ungläubigkeit und unverhohlenem Ekel, werde ich so schnell nicht vergessen …

[lightgrey_box]Meinen herzlichen Glückwunsch an die Darmstädter Lilien zum Aufstieg in die Erste Bundesliga![/lightgrey_box]

Freitags: Nylonstrümpfe

Die Feder ist mächtiger als das Pferd.

Die Nummer eins bei Twoday.net – denn das muss er wohl sein, wenn man dem Subdomainnamen seines Blogs Glauben schenkt -, Mr. Spott, befürwortet genau wie ich, dass das Reiten auf Haifischen verboten sein sollte. Tierfreunde wie er und ich reichen schon mal gern Goldpokale aneinander weiter; und schon ist es wieder passiert: seit Mittwoch steht der Freitagspott wieder bei mir auf dem Sekretär.

Für Sie bedeutet das: Werfen Sie die Assoziationsturbine in Ihrem Oberstübchen an, spitzen Sie die Bleistifte, betrachten Sie nachdenklich das folgende Foto, und kritzeln Sie Ihre Gedanken in das Kommentarfeld ganz unten, am Ende dieses Eintrags. Weinen Sie bittere Tränen darüber, Ihren Bildschirm verkratzt zu haben, oder Tränen der Freude, wenn Sie mit Ihrem Kommentar den Pokal für die nächste Woche abgreifen. (Wie alles genau geht, steht im Regelwerk.)

Copyright

Das Original des Rechteinhabers ist hier zu besichtigen.

Die Zeit läuft, Leute! Bis Mitternacht von Dienstag auf Mittwoch der kommenden Woche muss Euer Spruch im Kasten sein. Denn dann werde ich den niedrigen Instinkten meiner Juryseele folgen und auf einen von Euch zeigen.
„Der war’s!“, werde ich dem Richter zurufen, und er wird mit seinem Hämmerchen auf den Holzblock klopfen und den Einen unter Euch dazu verdonnern, diesen elendig schweren Pokal nach Hause zu schleppen und am Freitag in einer Woche die nächste Runde des Freitagstexters zu bebildern.

Vor Gericht, auf See und bei den Freitagstextern befindet man sich in der Hand Gottes. – Viel Glück!

Versandelt

Sand ist irgendwie eine merkwürdige Substanz, finden Sie nicht auch? – Im trockenen Zustand benimmt er sich wie eine Flüssigkeit. Wird er hingegen feucht, ist er eher so ein fester Gegenstand.

(Ich glaube, ich bin urlaubsreif.)

Offene Schweizerinnen

Swiss Open?

Bravo, Lilli Kaiser, Du hast es geschafft! – Nur: Was genau Du geschafft hast, bleibt uns Lesern der Oberurseler Woche leider verborgen. So ist das wohl, wenn der Volontär mehr auf den Ausschnitt achtet als auf den Text.

Aber vielleicht weiß ja jemand aus meiner Leserschaft, was jungen Damen in diamantbesetzten Bikinioberteilen in der Schweiz so tun? – Ganz großes Tennis?

Normal?

Es gibt da diesen Familienchat. Den verwenden wir, um die Kommunikation zwischen den Generationen aufrecht zu erhalten. Die eifrigste Nutznießerin ist die Oma. Zwar kann sie kein Mobiltelefon bedienen, drängelt den Opa aber alle paar Stunden, endlich wieder nachzusehen, ob oder was die Enkel geschrieben haben. – „Haben sie auch ein Bild mitgeschickt?“

Opa und Oma senden gerne Luftbildaufnahmen ihrer Weißwurstteller hinaus in die Familienwelt. Ich weiß nicht, ob sie wissen, dass sich ihre beiden Vegetarier-Enkelinnen davor grausen. Aber Fotos sind ihnen halt wichtig. Notfalls eben Weißwurstporträts.

Wiener Türkenkirche

Sorgen mache ich mir nicht um Oma oder Opa sondern um Tochter 3.0. Die ist derzeit nämlich auf Klassenfahrt mit der Kunstlehrerin und dem Geschichtslehrer. Innerhalb von zwei Tagen hat sie den Familienchat um fünfzehn Fotos bereichert, alle so wie das da oben.
Dazu schreibt sie Texte wie: „Lustigerweise wurde diese Kirche zu Zeiten gebaut, als die Türken Wien besetzten, deshalb sieht sie einer Moschee sehr ähnlich, trotzdem zieren biblische Motive die Säulen. #wiederwasgelernt“

Was machen die da eigentlich? Wieso sehe ich dauernd Architekturfotos aus Wien? Keine einzige Aufnahme aus der Disko oder der Kneipe oder vom Prater? – Gibt es womöglich in Wien gar kein Amüsement sondern nur Geschichtsträchtiges? Ist das normal?

Sagt doch mal jemand was dazu, der sich auskennt. Sonst werd ich hier noch verrückt!