Die Rückkehr des Sekretärs

Ruhig ist es hier geworden in den letzten Wochen. Fast so ruhig, wie es in meiner Klause war. Hat Frau Charlotte Angst vor der eigenen Courage bekommen? Oder wurde ihr die Bloggerei einfach zu viel? Zu viel Arbeit? Zu viel Verpflichtung? Zu viel Fremdbestimmung? Wir werden es erfahren.

Ich jedenfalls habe mein Rückzugsexperiment abgebrochen: Zweieinhalb Monate ohne E-Mail, ohne Wortmischerei, ohne Internet. Zweieinhalb Monate Medienabstinenz in Ergänzung zur katholischen Fastenzeit – und beinahe wäre ich nicht wieder zurückgekommen. Am Wochenende habe ich dann aber doch wieder Kehrt gemacht ins Online-Leben; weil nämlich mein neuer Vermieter telefonisch nachfragte, warum ich nicht auf seine E-Mails antworten würde.
Rasch hineingesehen in die Kiste, auch wenn ich mich beinahe nicht mehr an mein Kennwort erinnert hätte, so schnell kann das gehen. 208 E-Mailnachrichten seit dem 28. Februar, drei davon vom Vermieter. Auf den Schock habe ich mir gleich mein erstes Bier seit Aschermittwoch gegönnt, worauf ich wiederum fast vom Barhocker gerutscht wäre. Ein Teufelskreis.

Da bin ich also nun wieder und habe von meiner Suche nach einem vernünftigen Titel für diesen Eintrag gleich noch einen Link mitgebracht. Nach dem Eintippen der Worte „Die Rückkehr des“ in das Adressfeld schickte mich mein Browser nämlich zum Hamburger Abendblatt: Die Rückkehr des Sekretärs ergänzte der gute Feuerfuchs überraschend.

(Kennt mich mein PehZehn wirklich so gut, wie ich argwöhne? Seit ein paar Wochen liebäugle ich tatsächlich mit einem Sekretär für eine Wohnzimmerwand in meiner neuen RL-Klause.)

Marktex 5348

Elektrozombies

Wenn ich mich an Osterferien mit meinen Eltern erinnere, fällt mir zuerst Italien ein. Papa gehörte der Toscanafraktion an, es würde mich nicht wundern, wenn er damals mit Lafontaines Oskar irgendwo zwischen Florenz und Livorno Rotwein gepichelt hätte. Mir selbst sind allerdings eher die Wochenmärkte in Erinnerung geblieben, diese chaotischen, dreckigen, lauten Anhäufelungen von Verkaufstischen, wo man die aberwitzigsten Scheußlichkeiten finden und kaufen konnte.
Papa bekam auf einem dieser Märkte eine gruselige Herrenhandtasche verpasst, die ihm ein paar Tage später in Rom von einem kleinkriminellen Vespasozius vom Handgelenk gerissen wurde, was Papa neben dem Verlust von Geld und Papieren auch einen schicken und von den Töchtern viel bewunderten Bluterguss an der Hand eintrug. Unser Vater, der Held!

An Mama erinnere ich mich stets mit stöckeligen Riemchensandalen, Modellreihe Sophia Loren, die sie im Staub der Märkte anprobierte und die den jeweiligen Urlaub nicht überlebten. Meine Schwester bekam irgendwann ein grauenhaftes Polyesterkleidchen in weiß mit rosa Rüschen. Mir läuft es heute noch kalt den Rücken hinunter, wenn ich mich an das Gefühl erinnere, das der Stoff an den Händen erzeugte, wenn man das Kleid zwischen den Fingern rieb.

Ich hatte es eher weniger mit Prinzessinnenkleidern oder Schühchen oder Täschchen. Vielmehr erinnere ich mich, damals so lange gebrüllt und geschrienen zu haben, bis mir die Eltern entnervt ein batteriebetriebenes Spielzeug kauften, das aus einem bananenförmigen Rumpf bestand, an dem vier große Stollenräder befestigt waren. Wenn man das Gefährt per Schalter in Bewegung setzte, fuhr es solange geradeaus, bis es auf ein Hindernis traf, versuchte daran ein paar Zentimeter wie eine Raupe emporzuklettern, kippte schießlich um und fuhr einfach in eine andere Richtung davon, als sei nichts gewesen.
Wahrscheinlich begeisterte mich schon damals die Einstellung zum Leben, die dieses Gefährt widerspiegelte: Halte solange auf Dein Ziel zu, wie es geht. Aber wenn Du Hindernisse auf dem Weg nicht überwinden kannst, lamentiere nicht herum, wenn Du abgestürzt bist; steh einfach wieder auf und suche Dir ein neues Ziel.

Ein seltsames Déjà-vu-Erlebnis hatte ich viele Jahre später, als ich eine Schulfreundin besuchte. Wir saßen auf der Wohnzimmercouch, tranken Kaffee (ich weiß nicht mehr, ob mit abgespreizten kleinen Fingern?), und parlierten. Plötzlich bog eine heulende Plastikscheibe mit den Ausmaßen einer üppigen Schwarzwälder-Kirschtorte um die Ecke und begann, eigenständig und ohne menschliche Steuerung den Teppich abzusaugen, bis ihn die Schulfreundin abschaltete und zum Schmollen in den Abstellraum verbannte.
Ich musste eben mal googeln, weiß aber jetzt wieder, dass dieser röhrende Raumpflegediskus auf den Namen Roomba hörte und die Freundin auf meiner Achtungsskala direkt zwei Punkte nach oben klettern ließ. Technologische Avantgarde beeindruckt mich noch immer.

Deshalb bin ich jetzt auch stark versucht, mich an der Finanzierung eines Kickstarter-Projektes zu beteiligen, selbst wenn ich mit einem Mini Mobile Robotic Printer gar nichts anfangen kann. Aber ich fände es einfach irre, demnächst bei Starbucks oder McDonalds bleistiftspitzergroße Döschen über die Tische fahren und, sagen wir mal, Mietverträge ausdrucken zu sehen.
Faszinierende Möglichkeiten eröffnen sich übrigens, wenn man Robodrucker mit Roombas und meinem italienischen Bananenpanzer kreuzen würde!

Eure Charlotte

Jemütlichkait

Am Donnerstag hat hier das alte, neue Einkaufszentrum Bikini Berlin eröffnet. Wiedereröffnet. Nach gut einem halben Jahrhundert. Also nicht dass es jetzt heißt, die Charlotte hat schon damals dort eingekauft und freut sich über die Wiederbelebung ihres geliebten Kommerztempels. Mitnichten. Den Laden hatte ich damals knapp verpasst.

Der Wiedereröffnung habe ich übrigens ebensowenig beigewohnt wie damals der Schließung. Solche Malls sind für mich Zentren des Schreckens. Der Inbegriff von Ungemütlichkeit, Gruselkabinette des Kommerzwahns. Folterkammern für Besucher und Personal gleichermaßen.
Ich befürchte, wenn man mich dort einen halben Tag lang einpferchen würde, käme auch ich womöglich aus reinem Frust beladen mit smarten Phones, stöckeligen Schuhen, fummeligen Kleidern und anderen Sachen heraus, die ich nicht brauche und nicht haben will. Da locken mich auch nicht lockere Werbesprüche wie „Der Teufel trägt Bikini“. Ich trage ja noch nicht mal selbst Bikini.

Ich halte es lieber mit einem Kreuzberger Kneipier, der eine unwiderstehliche Kostenrechnung aufmacht:

Kommt saufen!
Gesehen: Zur gemütlichen Ecke in Kreuzberg

Eure Charlotte

Im Blogspiegel

Venus im Spiegel, Diego Velazques
Venus im Spiegel, Diego Velazques

 
Vor beinahe einem Monat und elf eigenen Einträgen bin ich hier beim Wortmischer als Schreiberin untergeschlüpft. Unbedarft, neugierig und naiv. Wenn ich mir heute einmal vom Bloggerengelchen den Spiegel vorhalten lasse, erkenne ich mich nur mit Mühe wieder.

Von Montag bis Freitag ist meine erste Tat nach Ankunft am Schreibtisch der Besuch in der Kommentarabteilung des Blogs. Hat jemand eine Antwort hinterlassen? Sollte ich selbst darauf reagieren?
Und bei jedem Text, den ich lese, bei jeder Begebenheit, die mir widerfährt, geht mir der Gedanke durch den Kopf, ob sich daraus nicht eine Geschichte machen ließe. Inzwischen habe ich längst nicht nur die elf veröffentlichten Beiträge getippt sondern mindestens die doppelte Menge in Form von Entwürfen, von denen ich die meisten wieder gelöscht und den Rest als dämlich auf Eis gelegt habe. Mein Leben ist zu einem Notizbuch geworden, in dem sich möglicherweise veröffentlichungswürdige Textfragmente stapeln.
Das macht mich manchmal richtig nervös. Wie kriegt man das nur hin, mit schöner Regelmäßigkeit witzige, nachdenkliche, aber wenigstens interessante Einträge von sich zu geben? Muss man dazu eine besondere Ader haben? Eine Art innere Lektorin, die innerhalb von Minuten die guten Texte ins Entwurfstöpfchen und die schlechten in den Papierkorb einsortiert?

Wenn es so eine Lektorin gibt, dann fehlt sie mir jedenfalls. Ich schreiben, grüble, ändere, fange wieder von vorne an, lösche irgendwann die paar Zeilen, die ich mir bis dahin abgerungen hatte. Es ist ein Kreuz mit meiner inneren Zensur.
Vielleicht liegt meine Entschlussunfähigkeit ja daran, dass mir das eigene Thema fehlt? Einfach so ins Blaue schreiben, emfinde ich als unwahrscheinlich schwierig. Ich fühle mich meist wie eine Schriftstellerin, die einen Abgabetermin des Verlages näher rücken sieht und noch nicht einmal eine Idee für den Roman hat.

Was rät die Lektorin so einer Schreiberin? Schreib irgendwas, das wird schon? Oder: Halt die Klappe, solange Du nicht weißt, worüber Du schreiben willst?

Wie auch immer, ich bin gerade ziemlich genervt von der Situation, in die ich mich begeben habe. Ich weiß auch noch nicht, wie ich damit umgehen werde. Ob ich mich in Schweigen hüllen will oder einfach drauf los tippen. Sicher ist nur, das ich mich nicht mehr selbst unter Druck setzen werde.

Nimm den Spiegel weg, Engelchen, und mach lieber einen auf Lektorin. Doofe Putte.

Eure Charlotte

Freundinnen

Deine einzige Freundin

Bin wieder in alte Gewohnheiten zurückgefallen: nur durch das Internet streifen, lesen wozu ich Lust hatte, nirgendwo etwas kommentieren, nichts schreiben, keine Spuren hinterlassen außer vielleicht die IP-Adresse in irgendwelchen Auswertungsprogrämmchen. Gibt es Blogger, die tatsächlich nachsehen, woher welche Leser kommen? Das fände ich aber witzig, geradezu aberwitzig.

Die Wortmischerei habe ich vernachlässigt, aber das darf ich.

Dafür habe ich zwei witzige Sachen entdeckt. Einmal die Bluntcards, unter denen ich die Abbildung zu diesem Eintrag gefunden habe. Und zum zweiten – oh Schreck! – mich selbst.
Mit einer gewissen Berechtigung wirst Du jetzt vermutlich sagen: Es kann nicht schlecht sein, sich selbst zu finden. Endlich ganz eins zu sein mit sich selbst.
Ist Dir das noch nie passiert? Du gehst in einer Menschenmenge durch die Stadt und siehst plötzlich vor Dir jemanden. Von hinten. Und Du hast auf einmal das Gefühl, Mensch, das bin doch ich, die da vor mir hergeht. Ich selbst und keine andere!

Genau so ist es mir vorhin ergangen. Nur dass ich nicht durch die Stadt spazierte, sondern die altbekannten Pfade im Internet entlag schlich. Dort wo ich immer lang gehe. Und auf einmal sehe ich mich selbst.
Also nicht direkt als Person sondern als Text. Da lese ich vor mich hin und merke auf einmal: Das ist ja mein eigener Text, den ich da vor mir habe!
In diesem Fall las ich beim Herrn Passe.par.tout: Happy landings. Ein waschechtes Zitat. Mit Quellenangabe. Ein wenig zittrig war mir schon zu Mute dabei. Natürlich hat der Herr jedes Recht dazu, die Passage zu zitieren. Schließlich hatte ich über ihn, beziehungsweise über sein Blog geschrieben.

So geht das also, wenn man sich über andere auslässt. Man muss damit rechnen, dass sie einem den Spiegel vorhalten. Was hatte ich da über ihn geschrieben? „Einer der mir gefährlich werden könnte.“
So hatte ich das aber nicht gemeint :-)

Eure Charlotte

Dentistendiskussionen

Ich hänge tiefenentspannt und wortlos im Behandlungssling des Zahnklempners. Der Kerl fistet gekonnt meine Mundhöhle und bespricht mit dem Kollegen das derzeit akute Thema aller Besserverdienenden. Uli Hoeneß und seine Millionen.

Zahnklempner: „Der geht in den Knast. Jede Wette.“
Kollege: „Ach was, der Richter wird die Selbstanzeige garantiert strafmildernd werten. Müssen. Das gibt noch Bewährung.“
Zahnklempner (schiebt mir die Hand noch einen gefühlten Dezimeter tiefer rein): „So ein Quatsch. Ich kann doch auch nicht aufs Revier gehen und sagen: ‚Herr Wachtmeister, ich gebe zu, ich habe meine Frau geschlagen.‘ Und hinterher stellt sich heraus, dass die tot im Keller liegt.“

Plötzlich habe ich Angst. In erster Linie um die Frau des Zahnklempners.

Eure Charlotte