Herr Albert faltet Sie zusammen

Aus tiefstem Herzen verabscheute Herr Albert Menschen, die ihre Freizeit zu großen Teilen auf dem Sofa vor dem Einkaufsfernsehprogramm verbrachten. Er hielt es für nichts anderes als einen Charaktermangel, sich am Bildschirm zum Beispiel Saunagürtel anzusehen, den Werbeheinis tatsächlich abzunehmen, man könne mit solch zweifelhaften Hilfsmitteln innerhalb von Tagen Fettwülste reduzieren, und noch beim Wählen der Bestelltelefonnummer mit der anderen Hand Kartoffelchips in sich hineinzuschaufeln. Auch über den Glauben an Wunder wirkende Anti-Falten-Cremes, oder an die Rückkehr der eigenen Jugend durch Nachkauf der CD-Hitsammlung aus den Sechzigerjahren konnte Herr Albert bestenfalls mit stummem Kopfschütteln reagieren. – Wie konnten die Leute nur so blöde sein!

Es gab eine einzige Ausnahme, bei deren Vorstellung Herr Albert zunächst mental ins Wanken geriet und sich dann vorsichtshalber doch einmal die Telefonnummer des Werbesenders notierte.

»Ordnung in nur fünf Sekunden!«

„Halten Sie alle Kleiderschränke in Ihrem Haushalt unter Kontrolle! Ihren eigenen, die ihrer Kinder und den ihres Partners. Es ist so einfach geworden, das ganze Haus perfekt zu organisieren. Mit dem patentierten Wäschefalter verwandeln Sie chaotische Unordnung in übersichtlich organisierte Kleidungsstapel. Und das in wenigen Sekunden!“

Herr Albert konnte nicht umhin einzuräumen, dass eine geringe Ausgabe im einstelligen Eurobereich keine Fehlinvestition sein könne, wenn man als Gegenleistung penible Ordnung im Hause praktisch ohne jeden Zeitaufwand bekäme.

Frau Modeste zieht um

Seit Jahren – oder sind es schon Jahrzehnte? – besuchte ich Frau Modeste bei Twoday. Jetzt ist sie umgezogen ins digitale Eigenheim. Und kämpft gegen Kochrezepturen:

„Ich habe ein Modernitätsdefizit. Alle Welt kocht Gemüse nach Ottolenghi. Ich koche Linsensuppe mit Kalbswurst und Birnenkompott mit Flammerie und Karamell, weil noch so viele Birnen da sind, die schon dunkle Stellen haben.“

Lesen auch Sie weiter bei Melancholie Modeste.

(Mexiko, oder was?)

Lederhosenwahnsinn

Jubiläum zum Jahresbeginn

Es gibt Menschen, die schrecken nicht einmal davor zurück, sich in der Tracht papua-neuguineischer Eingeborenenstämme zu kleiden. Vermutlich glauben sie, dadurch weltmännische Souveränität unter Beweis zu stellen. Genau diese Leute suchen auch in bayerische Tracht gewandet Ende September die Wies’n in München heim, selbst wenn – oder gerade wenn – sie weder aus Bayern stammen, noch einer süddeutschen Mundart mächtig sind.

Mir wäre das peinlich; also sowohl das Penisfutteral in Guinea als auch die Lederhos’n in Bayern. Wobei die zweite Aussage nur theoretisch gilt, sozusagen für den Fall, dass ich gar nicht ich wäre; weil ich nämlich a) in München geboren, b) des Boarisch’n durchaus mächtig und c) schon als Kindergartenburschi in Krachledernen herumgelaufen bin.

Deshalb kann ich ruhig erzählen, dass ich letztens im Laden vom Herbert Lipah war, wo man immer ein Bier vom Freiherrn – nein, nicht von Guttenberg sondern von Zech aus dem Augsburger Land – bekommt, auch wenn man nichts kauft. Der Herbert hat einen echten Lederhosenwahnsinn in seinem Geschäft in der Münchener Borstei herumhängen und weiß zu berichten, dass der Laden aus allen Nähten platzt, wenn die Wies’n vorbei ist und die Verkleideten die Tracht wieder zurückbringen. Das Zurückbringen geht beim Herbert, weil eine echte Krachlederne sowieso nicht neu aber unverwüstlich ist und weil das Geschäftsmodell auch beinhaltet, nicht mehr passende Hos’n zurückzugeben oder gegen andere einzutauschen.

Und weil ich zu Hause eine alte hirschlederne Kniebundhos’n hängen habe, in die ich fast zweimal reinpasse, werde ich bei nächster Gelegenheit in der „tschüssfreien Zone“ im Herbert seinem Lederhosenwahnsinn das Beinkleid tauschen. Auf die Oktoberwies’n geh ich trotzdem nicht mehr, aber das ist eine andere G’schicht‘.

Tot ziens, Frau Fasten

Meiner Schwäche für Gemälde zweier Maler des ausgehende Spätmittelalters, Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel den Älteren, veranlassen mich dazu, am heutigen Ostersonntag einen Ausschnitt aus einem meiner Lieblingsbilder hier auszustellen: Mit den Darstellungen auf Breughels Kampf zwischen Karneval und Fasten kann man sich stundelang beschäftigen, wenn man genügend Muße für all die kleinen Details mitbringt. Man darf diese breughelsche Szenenansammlung nicht als „Wimmelbild“ verunglimpfen; meine verblassende Erinnerung an das Kunstabitur vor gut dreißig Jahren flüstert mir immer noch den Fachbegriff „enzyklopädisches Schaubild“ ein.

Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (Pieter Brueghel der Ältere, 16. Jahrhundert)
(Quelle: Kunsthistorisches Museum Wien, Foto: public domain)

 
Auf der linken Gemäldeseite finden sich die Jecken wieder, während rechts die Verfechter der Fastenzeit aufmarschieren. Sehr schön finde ich die Szene des Fischerstechens zwischen „Prinz Karneval“ mit dem Fleischspieß und „Frau Fasten“ mit einer Brotschaufel als Waffe, auf der zwei Heringe liegen. – Ich liebe dieses Bild …

Es ist übrigens ein Gerücht, dass ich nach über sechs Wochen Schwäbischer Bierbrauerdiät Figur und Farbgebung von Frau Fasten in ihrer grauen Kutte angenommen hätte. Heute ist trotzdem Schluss, und ich werde mir gegen Abend genüsslich ein Glas Wein genehmigen. – Prost, Gemeinde!

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Fastentage seit Aschermittwoch: 45
Gewicht: minus 10 kg

Festplatten-Archäologie

MVC-001S.jpg

Dieses historische Foto habe ich vor über fünfzehn Jahren, am Nikolaustag 1997, mit meiner allerersten und damals brandneuen Digitalkamera geknipst. (Es zeigt den Sohn 2.0, der mittlerweile achtzehn Lenze zählt. Das Motiv ist in diesem Falle jedoch Nebensache.) Die Kamera war eine Sony Digital Mavica MVC-FD5, das erste digitale Modell der Firma, das im Jahr 1997 auf den Markt kam. Sie war ein fotografischer Dinosaurier mit Festbrennweite (47 mm), der mehrere Gedenksekunden Zeit zwischen dem Drücken des Auslösers und dem Ablichten des Motives verstreichen ließ und nur bei hellem Tageslicht einigermaßen brauchbare Bilder lieferte.

Sony Mavica, 1997

Fotos speicherte das Ding unter lautem Knattern innerhalb von rund fünfzehn Sekunden pro Aufnahme auf einer 3,5″-Diskette ab, die man seitlich in das Gerät schieben musste. Die oben ausgestellte Bilddatei ist im Original 27,7 Kilobyte groß und misst 640 × 480 Bildpunkte. Ich habe das Foto nicht nachbearbeitet und nur in der Größe auf 500 Pixel Breite „verkleinert“, damit es in diesen Beitrag passt.

Beim Aufspielen von Backups auf einen neuen Rechenknecht habe ich meine ersten Digitalknipsversuche wiedergefunden. Die Mavica ist längst im Elektroschrott verschwunden.

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Die Idee habe ich bei Kristof ge- und für herrlich befunden. Und natürlich würde ich mich dafür interessieren, ob Ihr auch irgendwo solche digitalen Schätzchen aufbewahrt. (Kommentare – gerne auch mit Links zu Euren Ausgrabungen – sind herzlich willkommen.)

23,85

Aha, da sind sie ja! – Genau wie es mir meine Frau beschrieben hat: „Die heruntergesetzten Hemden findest du in der Herrenabteilung gleich links, genau in der Mitte des Verkaufsraumes.“ Innerhalb weniger Minuten habe ich mich entschieden für ein anthrazitfarbenes Hemd mit dünnen, goldenen Streifen und eine farblich dazu passende Krawatte.

Suchend blicke ich um mich. Ich brauche einen Verkäufer. In der Ecke des Verkaufsraumes erspähe ich eine Angestellte, die gerade einen Kunden bedient. Ich gehe auf die beiden zu. Doch bevor ich sie erreiche, drängen sich eine korpulente Frau und ein ebenso übergewichtiger Mann an mir vorbei. Die Frau zupft die Verkäuferin am Ärmel und sprudelt gleich los, ohne auf das laufende Verkaufsgespräch Rücksicht zu nehmen. „Mein Mann braucht einen Anzug!“, schnauft sie, rotgesichtig und außer Atem. Die Verkäuferin jedoch lässt sich nicht drängeln, händigt ihrem Kunden seine Warenbons aus und deutet ihm den Weg zur Kasse. Ruhig wendet sie sich danach der ungeduldigen Kundin zu, wirft einen prüfenden Blick auf mich, der ich mit Hemd und Krawatte in der Hand hinter den beiden Fleischbergen stehe.

„Entschuldigen Sie bitte, ich bin gleich für Sie da. Aber der Herr hier scheint bereits gewählt zu haben.“ Die Verkäuferin schlängelt sich an den zwei Dicken vorbei und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. Den blubbernden Protest der Rotgesichtigen beachtet sie gar nicht. – „Sie haben sich schon entschieden, mein Herr?“

Die Frau nimmt mir Hemd und Schlips aus der Hand und schneidet die Warenbons ab. „Ein sehr elegantes Hemd, und die Krawatte passt ausgezeichnet, mein Herr.“ Sie lächelt mich erneut an, und ich versinke hilflos in ihren strahlend blauen Augen. Eine äußerst gewinnende Erscheinung, denke ich und sage: „Genau meine Kragenweite.“
„Sie meinen das Hemd?“, fragt die Verkäuferin und lacht kurz auf. Dabei dreht sie sich zu mir um und streicht sich mit der Linken eine Haarsträhne aus der Stirn. In der entstehenden Luftbewegung kann ich riechen, dass sie leicht nach Pfirsich duftet. Hinter ihr glotzen uns die beiden Dicken mit großen Augen stumm an wie zwei Fische durch die Scheibe eines Aquariums.

„Ich darf Sie zur Kasse begleiten?“, fragt die Schöne und stöckelt auch schon davon, ohne meine Antwort abzuwarten. Ich folge ihr, den Blick wie magnetisiert auf das im schwarzen Rock hin- und herwippende Hinterteil vor mir gerichtet; hinter mir noch immer die beiden Karpfen im Schlepptau. Die Verkäuferin tippt die Belegnummern in die Registrierkasse und kommentiert die Transaktion: „Eine sehr gute Wahl, mein Herr. Hervorragende Qualität zu einem prima Preis. Das macht zusammen 23,85 Euro.“ Erneut sieht sie mir in die Augen, zwinkert mir zu und ergänzt: „Da wird ihre Frau sicher begeistert sein. Sie sind doch verheiratet, oder?“

Mit geübten Handgriffen steckt sie die Ware in eine dunkelgrüne Plastiktüte. – „Wenn sie allerdings möchten, könnte ich Ihnen gerne auch privat bei der Anprobe behilflich sein.“ Sie drückt mir die Tüte in die Hand und strahlt mich dabei so unschuldig an, als habe sie mir eben noch ein Paar Socken angeboten.
„Das ist doch unerhört!“, zischt die Dickfischin dem Fisch in meinem Rücken zu. „Hast du das mitbekommen? Skandalös ist das!“

„Wissen Sie was? Ich schreibe ihnen mal einfach meine Adresse auf.“ Die Verkäuferin greift zu Stift und Notizblock. „Um neun bin ich zu Hause.“ Ihr Blick ist ein unmissverständliches, wenn auch unausgesprochenes Versprechen, als sie mir den Zettel zu meinem Einkauf in die Tüte steckt.

„Hat man sowas jemals erlebt? Ich glaub es ja nicht. Das ist einfach schamlos …“ – Die Stimme der rotgesichtigen Karpfin versickert hinter mir, als ich den Laden verlasse. Draußen fische ich den Notizzettel der Verkäuferin aus der Hemdentüte und werfe einen Blick darauf:

„Diese Gesichter, unbezahlbar!“, steht dort in der Handschrift meiner Frau. Ich zerknülle den Zettel und werfe die Papierkugel in den Mülleimer vor dem Geschäft.

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Mein Freund Hermann

Ihr kennt das bestimmt auch noch: Früher™ bekam man ab und an von sogenannten Freunden Kettenbriefe. Das waren damals noch echte Briefe auf Papier, die man kopieren – das hieß damals noch: handschriftlich abschreiben! – und an mindestens zehn Freunde weitergeben sollte. Dann bräche das große Glück über einen herein, sämtliche Wünsche würden sich innerhalb von zehn Tagen erfüllen, Wohlstand und ewige Gesundheit seien garantiert.

Wehe aber, man gäbe den Brief nicht weiter. Dann hätte man spätestens am nächsten Tag Pickel, die Englischarbeit würde katastrophal benotet und ein Taschendieb würde einem das mühsam Ersparte klemmen.

Untermauert wurde die wundertätige Wirkung des Kettenbriefes durch Testimonials irgendwelcher Damen und Herren aus Indien, England oder den U.S.A., die den Brief zunächst nicht verteilt hatten, dadurch ins Unglück stürzten und erst durch nachträgliches Versenden des Schreibens den Schicksalswechsel einläuten konnten, um fortan in ewiger Glückseligkeit zu leben.

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Diese Art mittelalterlichen Spams scheint es heute nicht mehr zu geben. Die Kids jungen Erwachsenen im wortmischerlichen Haushalt kennen solche Briefe nicht. Noch nicht mal als E-Mails. – Allerdings kam Tochter 3.0 letzthin mit einem fotokopierten Zettel und einer mir fremden Tupperwaren-Dose in die Küche. Was da denn drin sei, wollte ich wissen.

„Hermann!“, antwortete die Tochter.

Es stellte sich heraus, dass sie von einer Freundin einen Teigklumpen samt Rezept bekommen hatte. Der Teig hieß Hermann und wollte jeden Tag umgerührt oder mit Mehl, Zucker und Milch gefüttert werden. Außerdem, so behauptete das Rezept, solle Hermann es warm haben; er durfte also keinesfalls im Kühlschrank übernachten.

Nach neun Tagen wollte Hermann in fünf Teile geteilt werden, von denen drei samt Rezeptkopie an Freunde weitergegeben werden mussten, einer am zehnten Tag in einen Kuchen verwandelt und der letzte als Grundlage für den nächsten Hermann-Zyklus aufbewahrt und weitergefüttert werden sollte.

Mein Freund Hermann

Behandlungsplan für Hermann als PDF zum Download (850 KB)

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Wir durchlaufen hier mitterweile den zweiten Hermann-Zyklus. Im ersten wurden verschiedene Nüsse eingebacken, der zweite (siehe Abbildung) enthält ein Säckchen mit Studentenfutter. Hermann ist von recht fester Konsistenz, schmeckt eher nicht so süß und wird vom Rest der Familie strikt gemieden. Ich bin der einzige Hermann-Addict im Haushalt.

Tochter 3.0 kündigte an, den nächsten Hermann nicht mehr zu fünfteln, sondern nur mehr in drei Teile zu portionieren. Denn drei Freundinnen hätte sie noch, die auf ihre Hermänner warteten. Die Eigenproduktion solle nach Hermann II. allerdings eingestellt werden.

„Papa, Du bist der einzige, der Hermann isst. Dabei musst Du doch fasten!“, reagierte sie ungeduldig auf meine Protestrufe. Dabei ist Hermann völlig harmlos. Ein Stück Hermann zum Frühstück verhindert keinesfalls, dass ich Woche für Woche ein Kilo verliere. Ich bin empört. Ich will meinen Hermann wiederhaben! – Ich habe ein Recht auf Hermann III.!

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Fastentage: 41
Gewicht: minus 8 kg