Ach du lieber Valentin!

Gott über den Valentinstag

Zum Thema Valentinstag und der persönlichen Bedeutung des 14. Februar haben Maike, Juliane und Anne aus der Redaktion von kleinerdrei Geschichten geschrieben, die alle drei unterschiedlich ausgefallen sind, aber alle auf ihre Weise zum Nachdenken anregen. Diesem Beitrag habe ich nicht nur den Titel geklaut; ich schiebe meine eigene Geschichte zum Thema auch noch hinterher.

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Seit Jahren bin ich hin und her gerissen, ob etwas – und wenn ja, was? – zum Valentinstag zu unternehmen sei. Nun befinde ich mich ja in der stabilen und relativ langweiligen Beziehungssituation einer langjährigen konventionellen Ehe; und mit konventionell meine ich definitiv nicht, dass ich nebenbei noch im Büro den Röcken hinterhersteige und darüber hinaus in der Innenstadt in einem Appartment eine Geliebte aushalte. Nein, konventionell soll in meinem Falle schon monotheistisch monochrom monoton monogam in jeder Hinsicht bedeuten.

In machen Jahren habe ich der Schmerzdame eine Aufmerksamkeit zukommen lassen, in anderen wieder nicht. Verstimmung oder Streit hat es in keinem Fall gegeben. Die Aufmerksamkeiten, sofern sie denn stattfanden, reichten dabei von einer Postkarte mit passendem Sinnspruch (jaha, ich kann das!) über die vom Zwitschergott angeprangerten Standardgeschenke (siehe oben) bis zu verhältnismäßig teuren aber immerhin praktischen Geschenken, die ohnehin zeitnah angefallen wären wie etwa ein Pyjama oder ein Laptop. Am heutigen Valentinstag hätte ich passenderweise ein Smartphone an die Frau bringen können, denn dank meines untrüglichen Sinnes für Vorzeichen erwarte ich täglich den Hinweis der Schmerzdame, sie würde jetzt doch auch so ein neumodisches Telefon haben wollen.

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Aber der Konjunktiv im letzten Satz hat die/den aufmerksamen Leser_In sicher schon auf die richtige Spur gebracht: Nein, dieses Jahr gibt es keinen Valentin. Punktum. Es soll zukünftig überhaupt keine Valentine mehr geben. Und das hat nichts mit meiner Gefühlslage gegenüber der Schmerzdame gegenüber zu tun.

Vielmehr liegt es eher daran, dass ich mit zunehmendem Alter immer kompromissloser, radikaler und womöglich auch selbstgerechter denke und handle. Über die Reduzierung meiner papierhaften Umgebung schrieb ich schon, und Ähnliches gilt auch für bestimmte Konventionen in meinem Leben: Man muss sich gegen innere und äußere Widerstände zur Wehr setzen und seiner Überzeugung treu bleiben – oder wenn man das noch nicht war, treu werden.

Die erste Konvention, der ich entsage, ist der Valentinstag. Ich mache das nicht mehr mit. — Kein strategisches Geschäft mehr für Blumenhändler und Konfiserien! Keine perfide soziale Zwangsverpflichtung zur partnerschaftlichen Romantik! Und wenn ich dadurch die Schmerzdame entgegen meiner Vermutung doch enttäuschen sollte, oder meinen Kindern ein schlechtes Vorbild in Sachen zwischenmenschlicher Beziehungen sein sollte, dann muss ich das eben in Kauf nehmen.

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Ähnlich zwiespältig ist meine Einstellung übrigens auch gegenüber den Institutionen des Muttertages und der modernen Weihnachtszeit. Hinsichtlich dieser beider Konventionen muss ich aber noch an mir arbeiten. Hier fehlt mir noch die nötige eigene Überzeugung und Konsequenz.

Lex Speculi Erroris

Die Lex Speculi Erroris* kenne Sie bestimmt auch. Ausformuliert lautet der Gesetzestext:

Die Wahrscheinlichkeit, beim Abfassen eines Kommentars, in dem Rechtschreib- oder Grammatikfehler in einem Artikel kritisiert werden, selbst Schreibfehler zu begehen, wächst mit dem Grad der Häme, Polemik, oder Erregung des Kommentartextes.

Dieses Gesetz macht übrigens auch für Oberstudienräte, Lektoren und universitäre Deutschprofessoren keine Ausnahmen. Die Lex steht nicht zwangsläufig im Zusammenhang mit den tatsächlichen Orthographiekenntnissen der Beteiligten, sondern sorgt als eines der Grundprinzipien des menschlichen Daseins für das Eindämmen von Hybris, das Zurechtrücken verschobener Köpfe sowie für die Rückbesinnung auf bußfertige Selbsterkenntnis**.

Fachleute diskutieren übrigens, ob sich die Lex Speculi Erroris zusätzlich zur Rechtschreibung auch auf Disziplinen wie zum Beispiel „Beschimpfen anderer Straßenverkehrsteilnehmer_Innen“ oder das „Ablästern über anderer Dres. Promotionsplagiaten“ anwenden lässt.

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*) „Gesetz des Fehlers im Spiegel“ (lat.)

**) Beachten Sie bitte auch meinen Beitrag zum heutigen Aschermittwoch. Danke.

Die Schwäbische Brauerdiät

Diäten sind ja totaler Quatsch. Wer fastet, weiß doch längst, dass jedes Kilo, das sie oder er sich abschmachtet, nach wenigen Monaten wieder an den Rippen hängt – zusammen mit dem einen oder anderen zusätzlichen Fettpölsterchen, das vorher noch nicht da war. Wer sich trotzdem dem Diätwahn hingibt, hat entweder ein schlechtes Gewissen (siehe #Weihnachten, #Karneval oder #Fasching) oder ist Leser der Brigitte. Oder der Freundin. Oder hat eine Freundin zu Hause, die Leserin der Brigitte ist …

Aber lassen wir das und fassen zusammen: Diäten sind Quatsch. Außer man ist selbst betroffen.

Denn als ich unlängst morgens, ein paar Stunden später als üblich und daher ausnahmsweise mit vollständig geöffneten Augen, vor dem Badezimmerspiegel stand, bemerkte ich mit stirnrunzelndem Befremden, dass aus dem wortmischerlichen, durchaus altersgemäßen Bauchansatz mittlerweile eher ein pralles Wohlstandsbäuchlein geworden ist. Der freundliche Durchschnittsbayer würde zu mir sagen: „Du hast an Ranzen!“; der unfreundliche, aber ehrlichere spräche eher von einer „Wampen“. So steht es also um mich, ich mach mir da nichts vor.

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Meine erste und bislang letzte „Diät“ liegt genau sechsundzwanzig Jahre zurück. Damals hatte ich sie eher nicht nötig. Ich fastete hauptsächlich mit, weil ich damals einen Studienkollegen und Freund mental unterstützen wollte, der unbedingt ein paar Kilo abspecken wollte. Dieser Freund ist Sohn einer vielköpfigen und namhaften schwäbischen Bierbrauerfamilie, der sein eigenes Rezept mitbrachte, das durchaus Erfolge mit sich brachte; sowohl bei ihm, als auch bei mir.

Mir gefiel – und gefällt noch immer! – der Ansatzpunkt dieser Diät, der nicht in irgendwelchen Trennkostberechnungen, Entlastungstheorien, oder Das-darfst-Du-und-das nicht-Ideen besteht sondern in einer sehr simplen, aber strengen Variante der FDH-Ideologie. Ich fasse die drei goldenen Regeln einmal kurz und bündig zusammen:

1. – Iß, was Du willst und soviel Du davon essen willst. Ausgenommen sind Süßspeisen, also Zucker. (Diskutieren Sie das jetzt bitte nicht. Ich weiß, dass fast in allen Nahrungsmitteln Zucker enthalten ist. Sie wissen aber bestimmt, was ich meine!)

2. – Trinke, was Du willst und soviel Du davon willst. Ausgenommen sind lediglich jede Form von Alkohol und zuckerhaltige Getränke.

3. – Nach 15 Uhr – hossa! – gibt es absolut nichts mehr außer Wasser. Egal ob Leitungswasser oder Edelabfüllungen, Sprudelwasser oder stilles Wasser. Sonst nichts, bis zum Frühstück am nächsten Morgen. – Take this!

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Total einfach, oder? – Aber vielleicht fragt sich der eine oder andere, was das mit einer „Bierbrauerdiät“ zu tun haben soll angesichts der Tatsache, dass das Starkbier ja gerade für die Fastenzeit der Mönche erfunden wurde. Ich vermute einmal, gerade Brauer haben den Verzicht auf Bier einmal im Jahr dringen nötig.

Es fehlt eigentlich nur noch eine einzige, aber sehr wichtige Information, nämlich die Antwort auf die Frage nach der Dauer dieser Diät. Ich würde annehmen, dass es niemandem schaden würde, diese „Fastenkur“ auf den Rest des Lebens auszudehnen; Mangelernährung scheint mir ausgeschlossen. Das muss aber nicht sein; würde mir, ehrlich gesagt, auch nicht gefallen. Deshalb beschränke ich mich auf die klassische katholische Fastenzeit von morgen, dem Aschermittwoch, bis zum Ostersonntag. Obwohl ich ja so gar nichts mit dem christlichen Glauben am Hut habe. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht auch gute Ideen gibt, die Katholiken gehabt hätten.

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Ich werde berichten. Sie können sich auch gerne anschließen. Unterstützung kann ich unbedingt gebrauchen.

Updates:
Am Dienstagabend im Himmel, 20.2.2013
While My Guitar Gently Weeps, 26.2.2013
Hablamos del silencio, 8.3.2013

Den Gürtel enger schnallen, 13.3.2013
Den Gürtel enger schnallen (2), 20.3.2013
Mein Freund Hermann, 25.3.2013
Tot ziens, Frau Fasten, 31.3.2013

Greisenschleim

In der ZEIT aus Papier lese ich einen Artikel über Schweden, die Deutschland für einen Macho-Staat halten. Was zum Beispiel Rainer Brüderle gegenüber der Journalistin Laura Himmelreich abgesondert hat, das nennen sie in Schweden gubbslem, auf deutsch: „Greisenschleim“. – Tolles Wort, das muss man den Schweden anerkennend lassen. High five!

Dagegen nimmt sich unser Begriff „Altherrensprüche“ beinahe schon niedlich aus; auf jeden Fall verharmlosend. Beim „Greisenschleim“ hingegen, da steckt die Retourkutsche schon lautmalerisch im Wort. Womöglich würde sogar der Herr Brüderle erröten, wenn man ihm den Vorwurf des Greisenschleimens an den Kopf würfe.

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Und dann bin ich noch über einen der Suchbegriffe gestolpert, die Wissensdurstige von Google hierher ins Wortmischerblog führt. Wer „Dagmar Rosenfeld nackt“ sucht, findet mich auf Platz sechs der Ergebnisse beim Gogol.

Lieber Suchender, mit Fotos der unbekleideten Frau Rosenfeld kann ich nicht dienen. Vielleicht fragst Du einmal beim Christian an, dem FDP-Lindner. Der könnte eventuell einschlägiges Material besitzen. Bei mir hingegen wirst Du fündig, wenn Du Text von Dagmar Rosenfeld suchst. Ich hätte da ein ganz wunderbares Märchenzitat im Angebot!

Pöh! – Greisenschleim aller Orten.

Die belastbare Papierlage

Rücksprachetermin beim Oberchef: Stellen Sie sich vor, Sie berichten von einem Problem mit einem Zulieferer, der trotz früherer Zusagen Termine nicht einhält. Dadurch können Sie dem wichtigen, wichtigen Kunden seine Bestellung nun ebenfalls nicht termingerecht ausliefern. – Was antwortet die Führungskraft? Übernimmt sie, wie erhofft, den Staffelstab und trampelt mit dem vollen Gewicht ihres Handlungsvollmachtsrahmens beim Zulieferer in die Bude, um ihn zur Schnecke zu machen? Nein, das macht sie nicht. Vielmehr fragt sie Sie, ob denn eine „belastbare Papierlage“ vorhanden sei.

Sie sacken in sich zusammen, Ihr Kinn fällt auf die Brust. Denn auf einmal sind Sie selbst es, der in Zugzwang gerät. Mit der Frage nach der „Papierlage“ müssen Sie nur Minuten nach der Rücksprache nachweisen können, dass Sie a) den Lieferanten schriftlich aufgefordert haben, den zugesagten Termin einzuhalten, auch wenn dieser zuvor bereits auf seine Lieferunfähigkeit hingewiesen hat. Außerdem müssen Sie b) Ihren Kunden ebenfalls schriftlich darauf hingewiesen haben, dass es Terminschwierigkeiten gibt. (Heutzutage™ bedeutet „schriftlich“ natürlich nicht mehr, dass Briefe getippt, gedruckt, unterzeichnet und versandt werden. Korrespondenz per E-Mail ist ausreichend.)

Allerdings sprechen wir bei der bisher beschriebenen Vorgehensweise lediglich von einer „stinknormalen Papierlage“. Von „belastbar“ kann noch keinesfalls die Rede sein. Damit die Papierlage belastbar wird, müssen alle Hintergrundvorgänge ebenfalls schriftlich dokumentiert werden. Das bedeutet im Einzelnen folgendes:
1. – Aus der E-Mail an den Lieferanten wird eine mehrseitige Kettenmail. Ganz oben steht Ihre Terminerinnerung (siehe oben), darunter die gesamte Ping-Pong-Historie; angefangen bei Ihrer ersten Anfrage aus dem August vor zwei Jahren, über die schriftliche Terminbestätigung des Lieferanten, bis zu seiner Problemmeldung.
2. – Auf Kundenseite folgt Ihrer Benachrichtigung zu den Terminschwierigkeiten (siehe oben), der komplette Bestellvorgang vom ersten Kontakt über Angebote bis zur verbindlichen Bestellung und Auftragsbestätigung.

Damit die Papierlage aber über jeden Zweifel erhaben belastbar ist, reicht dieser Schriftwechsel noch immer nicht aus. Vielmehr müssen Sie auch alle hausinternen Abstimmungsprozesse dokumentieren: Wer hat den Kunde an Land gezogen? Wann war das? Wer hat die Angebote unterschrieben? Entsprach die Unterschrift den gültigen Entscheidungsrahmen? War der Unterzeichnende womöglich ein Vorstand Ihres Unternehmens? Dann benötigen Sie natürlich auch noch alle Hausmitteilungen, in denen Sie dem Vorstand die Sachlage erklärten und die von allen in der Unternehmenshierarchie maßgeblichen Personen abgezeichnet wurden. Und letztlich ist auch noch die technische Freigabe des eingekauften Produktes durch die technische Abteilung nachzuweisen.

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Das, lieber Leser, ist eine „belastbare Papierlage“. Mit deren Zusammenstellung sind Sie locker mal zwei bis drei Tage lang beschäftigt. Und sobald Sie alles beisammen, in Leitzordnerstärke ausgedruckt und dem Chef in den Posteingang gelegt haben, dauert es nur mehr ein oder zwei Wochen bis Sie eine Rückmeldung erhalten. Die lautet dann bestenfalls: „Nach Rücksprache mit unserem Vorstand haben wir entschieden, dass Sie dem Lieferanten mitteilen, er müsse den Liefertermin unbedingt einhalten, wenn er auch künftig Geschäft mit uns machen wolle. Außerdem entschuldigen Sie sich bitte auch im Namen unserer Unternehmensleitung beim Kunden für die Terminverschiebung.“
Schlechtestenfalls erhalten Sie an Stelle der geschilderten Vorstandsentscheidung einen Rüffel/eine Ermahnung/eine Abmahnung, weil Sie leider doch nicht auf eine „belastbare Papierlage“ geachtet hätten.

Egal was von oben kommt, die Angelegenheit ist in der Zwischenzeit natürlich längst durch. Der Lieferant hat verspätet zugeliefert, Ihr Kunde hat die Ware bekommen, wenn auch Tage oder Wochen zu spät, und ist mehr oder weniger sauer. – Die Fragen, die Sie sich stellen sollten, lautet: Wozu haben Sie Ihren Chef informiert? Und wozu diente die Papierlage?

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Ich verrate Ihnen auch, wie die Antwort auf diese Fragen lautet. Ihre Information an den Chef war nicht nur überflüssig sondern entsprach der typisch deutschen Form der Selbstentleibung. Denn die „belastbare Papierlage“ diente ausschließlich dazu, Ihren Chef abzusichern und auf jeden Fall Ihnen den Schwarzen Peter zuschieben zu können. – Denken Sie darüber nach, bevor Sie sich das nächste Mal bei Ihrem Chef auskotzen.

Crowdfunding und der Vogel Strauß

Spätestens seit dem vergangenen Jahr wissen wir alle, dass das Konzept des Crowdfunding eine tolle Sache ist, die die Menschheit zu ungeahntem Erfindungsreichtum anstacheln könnte. Die Reise zum Mond, die Eroberung des Mars? Das und noch viel mehr können wir leicht schaffen, wenn wir alle zusammenlegen.

~ (Gedankensprung) ~

Vor ein paar Tagen reichte ich ein erheiterndes Bildchen per Twitter weiter, das ich bei einem Nachbarzwitscherer auf der Überlandleitung zwischen Deutschland und Spanien gefunden hatte:

Das Reisekissen des Schreckens

Nicht schlecht staunte ich allerdings, als ich kurz darauf die Antwort von @Lizfael zu lesen bekam. Es stellte sich nämlich heraus, dass auf dem Schnappschuss im Flugzeug nicht irgendein verrückter Erfinder abgebildet war, sondern ein verrückter Erfinder mit einer Vision. @Lizfael verlinkte nämlich einen Artikel in dem ein Crowdfundingprojekt mit dem „Vogel-Strauß-Kissen“ vorgestellt wurde.

Die Idee stammt wohl ursprünglich aus Madrid und soll dem Träger zu komfortablen Kurzschläfchen verhelfen, ohne dass er dazu den Schreibtisch oder die sonstige gewohnte Umgebung verlassen muss. Das „Ostrich Pillow“ hat den Initiatoren auf Kickstarter tatsächlich 195.000 US$ eingebracht.

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Langfristig betrachtet ist das Vogel-Strauß-Kissen übrigens richtungweisend. Ich bin sicher, dass es bei der Eroberung des Mars eine bedeutende Rolle spielen kann.