Herr Albert unterhält sich

I am vegan

Türklingel: Dingelingeling! – (Herr Albert öffnet.)

Mann auf dem Treppenabsatz: Guten Tag, ich bin …

Herr Albert: … Veganer!

M: Was?

A: Sie sind Veganer!

M: Wie bitte? Nein, nein!

A: Tja, so seid Ihr eben, Ihr Veganer. Den ganzen Tag lang: Ja, ich bin Veganer, ja, ich esse kein Fleisch, ja, ich esse keinen Fisch, ja, die Tiere leiden und ja, der Käse auch.

M: Aber woher nehmen Sie denn das alles?

A: Sie essen kein Fleisch.

M: Was reden Sie da?

A: Weil Sie Veganer sind.

M: Ich bin kein Veganer.

A: Aber nein, natürlich nicht. Man sieht es Ihnen doch an. Sie sind blass. Sie sehen geschwächt aus. Sie leiden an Eisenmagel. Sie röcheln ja mehr, als sie atmen! Möchten Sie ein Stück Brot? Ist Brot vegan? Müssen Sie sich das eigentlich immer zertifizieren lassen, bevor Sie etwas essen?

M: Hören Sie mal, nein!

A: Nein, was? Dass Sie kein Veganer sind? Oder dass Sie sich das nicht zertifizieren lassen müssen?

M (schreit): Ich bin kein Veganer!

A: Ach, sieh an. Der Veganer wird wütend. Was wollen Sie denn bitte machen? Schlagen Sie mich etwa gleich? Ach, wie nett. Die Tiere behandelt Ihr sehr gut, aber Ihr zögert keine Sekunde, Menschen Schaden zuzufügen. Genau das ist das Problem mit Euch Veganern: Ihr habt die falschen Empathien. Wenn Sie sich zwischen Ihrer Mutter und einer Forelle entscheiden müssten, Sie würden die Forelle wählen.

M: Jetzt reden Sie doch keinen Unsinn …

A: Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass wir Forellen essen, dann hätte er sie nicht so lecker gemacht. Andererseits, Ihre Mutter, die schmeckt sicher nicht so toll. Na gut, ich habe sie noch nicht probiert. Bei allem gebotenem Respekt.

M: Ganz ehrlich: Ich esse einfach alles.

A: Natürlich. Alles, was nicht von Tieren stammt. Kein Fleisch, keine Eier, Milch je nachdem. Also das mit der Milch ist merkwürdig. Trinkt Ihr sie nur, wenn die Kuh sie Euch freiwillig anbietet? So in der Art „he, ich hab hier etwas übrig, falls Ihr etwas abhaben wollt“? Ist das so? Oder wie funktioniert das?

M: Ich weiß es nicht, Ich bin kein Veganer.

A: Nein?

M: Nein.

A: Ach so, entschuldigen Sie bitte. Ich dachte, Sie wären Veganer.

M: Nein, das bin ich nicht. Und ich versuche schon eine ganze Weile, Ihnen das zu klar zu machen.

A: Aber was sind Sie dann? Vegetarier? Ovo-Lacto-Vegetarier? Flexitarier?

M: Was reden Sie denn da, ich bin gar nichts davon!

A: Ich meine, weil Sie doch kein Fleisch essen.

M: Natürlich esse ich Fleisch.

A: Pilze sind kein Fleisch!

M: Ich esse Schnitzel!

A: Na klar, aus Tofu.

M: Nein!

A: Oder vegetarische Wurst, die nach Vogelfutter schmeckt.

M: Ich habe noch nie vegetarische Wurst gegessen!

A: Dann eben vegane Hamburger. Die sind wie aus Corn Flakes.

M: Nein!

A: Die schmecken nach gar nichts.

M: Ich weiß es nicht! Ich habe sie nie probiert!

A: Ihr seid schon komisch, Ihr Veganer. Dabei sind Garnelen sooo lecker!

M: Ich liebe Garnelen.

A: Aber Sie essen sie nicht. Weil Sie Veganer sind.

M (brüllt): Ich bin kein Veganer!

A: Keine Garnelen zu essen, sollte unter Strafe stehen. Und nicht nur Garnelen. Auch Langusten. Herzmuscheln. Salami. Schweinefüße. Und Rinderlende. Bauchspeck. – Na ja, klar, was Sie essen und was ausgelassenem Bauchspeck noch am ähnlichsten ist, sind Erdnussflips mit Grillgeschmack.

M: Ich esse keine Erdnussflips!

A: Auch nicht? Weil sie die mit tierischen Fetten herstellen, oder so?

M: Ich bin kein Veganer! Ich bin wegen etwas ganz anderem hier!

A: Ja ja, Ihr nutzt halt jede Gelegenheit, über Eure Sache zu schwätzen. Ihr geht einem ganz schön auf den Geist damit. Man sagt „Hallo“ zu einem Veganer, und er antwortet „Ich bin Veganer“, ohne einen auch nur zu begrüßen. Lassen Sie mich doch in Ruhe! Das ist mir doch völlig egal! So egal, wie wenn Sie Ihre eigenen Fingernägel knabbern würden.

M: Ich glaube, ich komme lieber ein andermal wieder …

A: Nein, nein. Jetzt wo Sie schon einmal da sind, machen Sie bitte auch Nägel mit Köpfen. Erzählen Sie mir, was Sie essen. Erklären Sie mir, wie sehr die Hühner leiden, wenn man ihnen ein Ei stiehlt.

M: Wegen keines dieser Dinge bin ich gekommen …

A: Na ja, dann ist es eben wegen irgend einer anderen Tier-Sache, nicht wahr? Was ist es, Kleidung, oder was? Woraus ist Ihr Pullover? Ganz sicher nicht aus Wolle. Weil Ihr es ja vorzieht, wenn Schafe in ihrem Pelz verglühen, bevor man ihnen auch nur ein einziges Wolllöckchen abschneidet. Dazu muss man schon irgendwie manisch sein, oder? Schneiden Sie sich nie die Haare? Dann schneiden Sie sie doch bitte auch dem Schaf, das fühlt sich sicher auch viel besser danach. – Also, aus welchem Material ist Ihr Pullover?

M: Was?

A: Woraus Dein Pullover ist, verdammter Veganer!

M: Aber wovon reden Sie denn da?

A: Woraus ist dieser Pullover?

M: Jetzt lassen Sie doch meinen Pullover in Ruhe. Finger weg!

A: Aus Plastik?

M: Nein.

A: Aus toten Blättern?

M: Nein!

A: Aus Menschenhaar?

M: Aber nein! Das ist ein ganz normaler Pullover!

A: Vielleicht aus der Haut von Kleinkindern?

M: Er ist aus Baumwolle, verdammt! Und vielleicht ist auch noch ein bisschen Polyester drin, was weiß denn ich.

A: Tztztz … Veganer, Veganer, es ist Dir also egal, ob sie eine Pflanze rasieren. Aber das Schaf, das soll sich selbst ficken, oder?

M: Ach, hören Sie doch auf. Was Sie da reden, ist doch völlig sinnlos.

A: Veganer!

M: Jetzt hören Sie bitte mal …

A: Veganer!

M: Hören Sie jetzt bitte sofort auf damit.

A: Ve-ga-ner!

M: Aufhören, hab ich gesagt!

A: Du bist ein Veganer!

M: Lassen Sie sofort diesen Quatsch!

A: Du isst kein Fleisch!

M: Verdammt nochmal! …

A: Hahaha! Ihr esst komische Sachen!

M (schreit): Ich hab Ihnen gesagt, dass ich kein Veganer bin!

A: Was für ein armseliges Würstchen: Erzählt der ganzen Welt, dass er Veganer ist.

M: Ich erzähle niemandem gar nichts!

A: Ja ja, jetzt tut er auch noch so, als ob. Aber ich hab Euch alle längst durchschaut. Man sieht es Euch nämlich an der Zunge an. Und Ihr riecht nach Rucola!

M: Ich rieche nicht nach Rucola.

A: Aber sicher, guter Mann. Das ist so ein Geruch wie nach feuchtem Korken.

M: Ich rieche nach Shampoo. Ich habe mich doch gerade geduscht.

A: Veganes Shampoo. Dieses Zeugs, das aus Gelatine von toten Menschen hergestellt wird. Aber natürlich ohne einem Tier zu schaden! Ich habe das ein einziges Mal ausprobiert. Das schäumt nicht mal ordentlich. Und es macht die Haut runzlig. Meine Haut hingegen ist ein wahres Wunder. Hier, fass doch mal an. Na los doch. Sie ist weich wie ein Kinderpopo.

M: Nein, das mach ich lieber nicht.

A: Nun mach schon. Stell Dich nicht so an.

M: Ich habe nein gesagt.

A: Anfassen, sag ich.

M: Nein, ich fasse Sie nicht an!

A: Meine Güte, was stellt Ihr Euch an, Ihr bescheuerten Veganer …

M: Ich bin kein Veganer, hab ich gesagt!

A: Wie bitte? Was hast Du gesagt?

M: Dass ich kein Veganer bin. Ich komme in einer anderen Angelegenheit.

A: Du bist kein Veganer?

M: Nein!

A: Im Ernst?

M: Sag ich doch schon die ganze Zeit!

A: Isst Du Fleisch?

M: Ja!

A: Und Fisch?

M: Ja.

A: Und Milch auch?

M: Aber ja doch!

A: Eier etwa auch?

M: Ja, Eier auch.

A: Bist Du sicher, dass Du kein Veganer bist?

M: Absolut.

A: Nicht mal ein ganz kleines bisschen?

M: Nein, nein, nein, verdammt! Was soll ich denn noch sagen!

A: Ist ja gut, jetzt reg Dich nicht auf. Hättest ja mal was sagen können.

M: Aber ich sag es doch seit dem Moment, in dem ich hierher gekommen bin.

A: Ich bin ja schließlich kein Hellseher. Woher hätte ich es denn wissen sollen.

M: Ja, ja, ist ja schon gut …

A: Ich meine, wenn Du keinen Ton sagst …

M: Oh, Mann.

A: Ich kann schließlich keine Gedanken lesen.

M: Boah! …

A: Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich Fleisch esse. Dadurch kann ich nicht mehr richtig denken. Diese ganzen tierischen Fette verstopfen mir die Arterien, die das Blut zum Hirn leiten. – Aber Dir passiert das ja sicher nicht, Veganer.

M: Ich bin kein …

A: Bei Dir ist sicher alles ganz locker, die Arterien und auch alles andere, was keine Arterien sind. Wahrscheinlich gehst Du mindestens sieben Mal aufs Klo jeden Tag.

M: Jetzt ist es aber mal gut!

A: Nein, das kann nicht gut sein. Den ganzen Tag über Durchfall.

M: Was reden Sie bloß …

A: Aber wahrscheinlich isst Du jede Menge Reis. Das ist doch ein probates Gegenmittel?

M: Ich weiß es nicht. Ich bin kein Veganer!

A: Echt? Aber was bist Du dann? – Leidest Du an Zöliakie? Bist Du intolerant gegen Laktose? Schmeckt Dir außer Lachs kein Fisch? Bist Du Anti-Alkoholiker? Isst Du bloß organische Lebensmittel? Keinen raffinierten Zucker? Nichts mit Maisstärke drin? Kaufst Du keine Lebensmittel, die Inhaltsstoffe enthalten, die mit dem Buchstaben F beginnen? Kochst Du nur mit Zutaten, die Du selbst angebaut, aufgezogen oder mit den eigenen Händen getötet hast?

M: Nein!

A: Dann bist Du also doch Veganer.

M: Herrgottsack, ich bin kein Veganer! Ich komme vom Gas.

A: Vom Gas? Bist Du ätherisch? Isst Du etwa nichts, was Schatten wirft?

M: Von den Gaswerken!

A: Gaswerke? Wer kann mit Gas werken? Wenn man das doch gar nicht anfassen kann?

M: Von der Firma, die Ihnen das Gas liefert! Ich soll den Gaszähler ablesen!

A: Den Zähler?

M: Den Gaszähler.

A: Den Gaszähler?

M: Ja, Ihren beschissenen Gaszähler!

A: Das ergibt keinen Sinn. Wie kannst Du Gas zählen, wenn es doch Gas ist? Was in aller Welt zählt ein Gaszähler? Zeigt er „eins“ an? „Ein“ Gas?

M: Den Gasverbrauch. Die Menge an Gas, die in dieser Wohnung verbraucht wurde. Verbraucht, verbrannt, konsumiert!

A: Na, hör mal! Ich konsumiere doch kein Gas. Ich würde ja sterben. – Oder warte: Meinst Du Sauerstoff? Sauerstoff ist doch ein Gas, oder? Das solltest Du doch wohl wissen, Ihr Veganer seid doch immer so gut informiert.

M: Ja, Sauerstoff ist ein Gas.

A: Na, siehst Du. Das muss ich schon anerkennen. Wenn man wissen will, ob Sauerstoff ein Gas ist, fragt man am besten einen Veganer. Der weiß das mit Sicherheit.

M: Ich bin kein Veganer.

A: Was seid Ihr schlau, Ihr Veganer.

M: Aber ich bin kein Veganer!

A: Du weißt eine ganze Menge über Gase. Ich meine dafür, dass Du kein Veganer bist.

M: Verdammt, ich rede von Gas, das man zum Kochen verwendet.

A: Eieiei, ich jedenfalls koche mit Feuer. Ich dreh an diesen Rädchen, und schon kommt eine kleine blaue Flamme aus der Düse heraus. Na ja, aber Du bist ja Veganer und ernährst Dich nur von Bananen. Du kannst ja gar nicht wissen, wie das funktioniert. Ich bereite mir hier Dinge wie Hühnchen zu. Hühnchen gegrillt, oder Würstchen.

M: Ich rede von dem Gas, mit dem man auch Wasser erhitzt.

A: So ein Blödsinn. Das heiße Wasser kommt aus dem Hahn mit dem roten Punkt. Da kommt kein Gas raus. Das geht rein mechanisch. Duscht Ihr eigentlich nicht mit heißem Wasser? Woher kommt eigentlich das heiße Wasser? Verbrennt man zum Erhitzen etwa Hähne bei lebendigem Leibe? Ist es deswegen? Das hab ich nicht gewusst. – Merkwürdig, aber mir sind meine Duschbäder wichtiger als das Wohlergehen von Hähnen. Hühner übertragen Krankheiten, zum Beispiel die Vogelgrippe. Aber das ist Euch Veganern ja völlig egal. Euch ist es ja lieber, wenn wir alle sterden. An der Vogelgrippe. Oder durch Erfrieren.

M: So hören Sie doch: Ich bin kein Veganer.

A: Veganer! Du duschst also nicht?

M: Darf ich jetzt bitte endlich Ihren Gaszähler sehen?

A: Du isst das Essen von meinem Essen!

M: Jetzt hören Sie doch endlich auf.

A: Dir ist es also egal, wenn die Kühe, die ich esse, Hunger leiden? Schließlich isst Du ihnen das Futter weg. Ja oder nein? Ist es so?

M: Ich bin kein Veganer!

A: Ach, die Schnitzel, die auf meinem Teller landen, sind jeden Tag ein wenig trauriger. Lass Dich bloß nicht von einer Kuh erwischen. Die haut Dir glatt eine rein, wegen Diebstahls.

M: Ich esse kein Gras!

A: Tatsächlich? Ich finde, Du solltest einmal das Transitivgesetz bedenken. Wenn Du eine Kuh isst, dann isst Du auch das Gras, das sie gefressen hat. In gewisser Weise ist ein Schnitzel also auch nichts anderes als Gemüse.

M: Hören Sie mir jetzt bitte einmal zu?

A: Nein. Nein, ich werde nicht aufhören, Fleisch zu essen. Nimm es mir nicht übel, ich respektiere ja die Entscheidungen aller anderen. Mir egal, wenn Du nur Salz schlecken willst. Aber wenn es irgendwo ein anständiges Kotlett gibt, dann lasst mich mit diesen Kräutersäckchen für Salat in Ruhe, die es im Supermarkt gibt. Die können gar nicht gesund sein.

M: Ich sage Ihnen doch: Ich esse normal!

A: Mannomann, Veganer zu sein, kann nicht normal sein.

M: Ich bin kein Veganer!

A: In der Steinzeit haben sie einfach alles gegessen. Und die waren durch die Bank total gesund!

M: Bitte lassen Sie mich doch einfach meine Arbeit machen.

A: Die hatten kein Karies. Hab ich letzthin erst gelesen. Es gab auch weniger Krebserkrankungen und Kurzsichtigkeit. Vielleicht hat Dich damals ein Mammut totgetreten, aber bis zu diesem Moment war Dein Leben besser als heute. Jeden Tag Nilpferdsteak!

M: Ich werfe nur einen kurzen Blick auf den Zähler. Keine zehn Sekunden brauch ich dafür.

A: Die sind damals nicht wegen jedem Schiss in die Apotheke gerannt. Kein Vitamin-B12-Komplex. – Mammuts! Nilpferde! Saurier! – Was es eben so gab.

M: Ich sag Ihnen doch: Ich esse alles!

A: Ja. Außer Fleisch, Milch, Eier, Schokolade mit Ei drin …

M: Aber ich esse Schokolade. Sehen Sie nur, ich hab hier ein Twix in der Hosentasche.

A: Das Wichtigste ist der Respekt. Ich respektiere alles. Aber wenn mir meine Religion verbieten würde, Schokolade zu essen, da würde ich es vorziehen in der Hölle zu landen.

M: Der Veganismus ist keine Religion.

A: Wie jetzt? Schließlich endet der Begriff auf „ismus“!

M: Ich bezweifle sogar, dass das Wort „Veganismus“ im Duden steht.

A: Na ja, Du musst es ja wissen, als Veganer.

M: Ich bin kein Veganer.

A: Nimm es mir nicht übel, aber dafür, dass Du kein Veganer bist, verbringst Du jetzt schon eine ganze Menge Zeit damit, Dich mit mir über das Thema zu unterhalten. Immer das Gleiche mit Euch Veganern: Ständig redet Ihr über das, was Ihr esst und was Ihr nicht esst. Mir ist das doch egal! Macht doch, was Ihr wollt! Aber lasst doch bitte mal die tibetanische Gebetsmühle!

M: Ich bin keine tibetanische Gebetsmühle!

A: Veganer! Hahaha! Lass mich doch in Frieden!

M: Aber Sie sind es doch, der nicht die Klappe hält!

A: Nein, nein, nein. Immer die gleiche Entschuldigung. Als ob wir anderen Euch Fragen stellen würden. Und noch dazu bekloppte Fragen. – Nein. Du bist hier aufgetaucht und dauernd geht es nur um das Eine: Ob Ihr Schokolade esst, ob das eine Religion ist. Mir ist das doch völig schnurz! Erklär mir nicht Dein Leben. Ich weiß ja noch nicht mal, was Du eigentlich willst!

M: Ich bin kein Veganer! Ich komme wegen dem Gas!

A: Nanana, komm mir nicht schon wieder damit. Wir stammen alle vom Affen ab. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Lass mich mit Deinem Blödsinn in Ruhe. Es ist eine Tatsache, dass mein Urgroßvater noch ein Affe war. In meiner Familie sind wir alle ziemlich langsam. Wir gehen eben alles mit größtmöglicher Ruhe an.
Siehst Du die Flurlampe? Die Glühbirne ist seit Februar durchgebrannt, und ich hab mich daran gewöhnt. Ich vergesse jedes Mal, die Birne auf meine Einkaufsliste zu setzen. Aber eigentlich ist das gar nicht schlecht. Ich leide nämlich unter Fotophobie. Zu viel Licht macht mir Angst. Aber ich wollte Dir eigentlich gerade von meinem Urgroßvater erzählen …

M: Hören Sie, ich schwöre, dass ich aus keinem anderen Grund hier bin, als um nach dem Gaszähler zu sehen.

A: Mein Urgroßvater war längst verheiratete und so. Und wenn ich mich recht erinnere, war meine Urgroßmutter schwanger. Allerdings nicht von meinem Uropa. Sondern von ihrer älteren Schwester, meiner Urgroßtante Rosamunde, sie möge in Frieden ruhen. Sie lebte in Frankfurt, glaube ich. Wo wir sie in den Neunzigern begraben haben. Meine Güte, was die damals rumgeschrien hat …

M: Bitte! Ich muss noch alle Zähler in der ganzen Straße ablesen!

A: „Lasst mich raus!“, hat sie gebrüllt, „ich bin noch nicht tot!“ – „Tante Rosamunde“, haben wir geantwortet, „hör auf, gegen den Sargdeckel zu schlagen, Du erschreckst die Kinder.“ – „Aber ich bin nicht tot!“, kam da zurück.
Was das für ein Dickschädel war. Wenn die sich mal auf etwas versteift hatte, dann gab sie sich nicht geschlagen. Sie hielt erst die Klappe, als wir sie eingeäschert hatten.

M (unter Tränen): Ich kann auch an einem anderen Tag wiederkommen.

A: Auf jeden Fall sagte meine Urgroßmutter zu meinem Urgroßvater: „Schau, Herrmann, ich glaube, der Moment ist gekommen, dass auch Du Dich weiter entwickelst. Wir erwarten einen Sohn, oder (Gott möge es verhindern) eine Tochter, und ich denke, es wäre besser, wenn sein Vater, also Du, der zukünftige Urgroßvater von Albert, auch wenn der noch nichts davon wissen kann, ein wahrer Mann wäre und kein Affe …

M: Ich lasse Ihnen einen Zettel da mit einer Telefonnummer. Dann können Sie den Zähler selbst ablesen und im Gaswerk anrufen.

A: Aber mein Urgroßvater wollte nicht. Er war ein echtes Unikat. Er arbeitete damals im Postamt. Warst Du letzthin mal auf der Post? Die haben echt Fortschritte gemacht in den letzte Jahren. Jetzt sind sie mindestens schon im Jahr 1968: Sie verteilen Nummernzettelchen in der Warteschlange und verkaufen Dir Briefmarken. Aber zu Zeiten meines Urgroßvaters war es nicht unüblich, dass dort Affen arbeiteten.

M: Da ist wirklich eine tolle Geschichte, aber ehrlich gesagt, ich habe keine Zeit mehr.

A: Mit seinem Schwiegervater hat er sich ja nicht besonders gut vertragen. Der Vater meiner Uroma war ein wenig rassistisch und sah es nicht gern, dass sich seine Tochter mit einem Affen verheiratete. Auch wenn die Tatsache seiner Festanstellung im Postamt doch einiges Prestige mit sich brachte. Es gab immer wieder Streit bei den Abendessen der Familie.

M: Bitte. Ich bitte Sie … Ich muss den Autobus erwischen!

A: Trotz allem, mein Urgroßvater wusste, er durfte nicht zurückbleiben. Ja, die Zeiten haben sich geändert und heutzutage können auch Affen gehen, wohin sie wollen. Vorausgesetzt sie tragen Hosen. Aber in der Epoche meines Urgroßvaters war die Gesellschaft noch strikter, die Leute hatten einen engeren Blickwinkel, wahrscheinlich weil ihre Augen näher beieinander standen. Wahrscheinlich gab es deshalb früher mehr Verkehrsunfälle. Aber ich weiche vom Thema ab.

M: Gnade! Bitte lassen Sie mich gehen.

A: Jedenfalls folgte mein Urgroßvater den Wünschen seiner Frau und entwickelte sich weiter. In einer einzigen Nacht. Das war eine Nacht, sag ich Dir. Um vier Uhr morgens erfand mein Urgroßvater das Rad. Er wusste ja nicht, dass es längst erfunden war. Und außerdem hatte sein Rad die Form eines Achtecks. Die werden heute noch verwendet an den Autos, die die Post für dringende Lieferungen einsetzt.

M: Wo wir gerade von dringend sprechen. Ich habe es wirklich sehr eilig.

A: Doch obwohl er sich weiter entwickelte, blieb mein Urgroßvater Allesfresser. So wie alle guten Menschenwesen. Nicht wie Du, Veganer, der nichts isst, was eine Mutter hat. Dir schmeckt Fleisch nicht. Und auch kein Fisch. Du isst nur Wurzeln und Knollen. Das ist gegen die Natur. Die Evolution ist gegen Dich. Mit Deinem Veganismus beleidigst Du meinen Urgroßvater.

M: Aber ich bin kein Veganer, ich schwöre es beim Andenken meiner Mutter.

A: Du bist kein Veganer?

M: Nein, ich bin kein Veganer.

A: Ehrlich?

M: Ehrlich.

A: Wenn ich also jetzt eine Mettwurstsemmel hole, würdest Du sie essen?

M: Ich mag keine Mettwurst.

A: Siehst Du? Du bist Veganer.

M: Aber nein. Mir schmeckt jede Art von Wurst außer Mettwurst.

A: Warte mal. Kann es sein, dass Du Veganer bist ohne es zu wissen? Das heißt, vielleicht lebst Du nach einer veganen Diät und hast nur bis zu diesem Moment nicht gemerkt, dass Du keine tierischen Produkte isst?

M: Nein, so ist es nicht. Ehrlich.

A: Es gibt Menschen mit einer Gehirnlähmung, die ihre linke Körperhälfte nicht sehen. Die kämmen ihre linke Kopfseite nicht, zum Beispiel. Und sie ziehen sich auch nur einen Schuh an. Den rechten. Oder den linken, je nachdem, um welche Gehirnlähmung es sich handelt. Und sie schneiden sich auch nicht die Fingernägel beider Hände. Kann es sein, dass es Dir ähnlich geht? Nur mit Fleisch? Dass Du derartig vegan bist, dass Du nicht einmal ahnst, dass es Tierprodukte gibt?

M: Ich schwöre Ihnen, dass mein einziger Defekt darin besteht, dass ich keine Mettwurst mag.

A: Na gut, das wäre eine alternative Hypothese. Aber ganz überzeugt bin ich nicht.

M: Wenn Sie mir eine Scheibe Schinken bringen, esse ich sie vor Ihren Augen auf!

A: Soweit kommt es noch. Na klar, er ist Veganer aber nicht blöd. Vielleicht noch ein bisschen Kaviar? Einen Hummer vielleicht? Grüße aus der Küche mit Gäseleberpastete? Ein halbes Dutzend Austern? Fasan oder etwas Schwalbennestersuppe?

M: Ja? Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll, damit Sie mir den Gaszähler zeigen. Oder mich gehen lassen. Darf ich gehen?

A: Ja, jetzt tut es Dir leid, dass Du Dich aus dem Fenster gelehnt hast. Hab Dich also erwischt. Mir entgeht kein einziger Veganer. Ich seh es an der Zunge. Ihr geht langsam, könnt kaum atmen, müsst alle paar Minuten anhalten, um zu Atem zu kommen. Ihr habt keine Kraft, da ist kein Leben in Euch. Kleinwüchsig seid Ihr. Natürlich, Euch fehlt ja das Eisen.

M: Ich bin aber größer als Sie.

A: Das liegt nur daran, dass wir in meiner Familie immer alles bis zum Schluss aufheben. Das hab ich Dir doch erklärt. Ich wachse schon noch, wenn ich die Zeit dazu habe.

M: Ich weiß gar nicht, warum ich mit Ihnen herumdiskutiere. Ich bin kein Veganer.

A: Das ist so ein Sektending, oder?

M: Wie bitte?

A: Das heißt, es gibt da so eine Gruppe von Veganern, Deine Leute, meine ich. Was weiß denn ich. Die essen keine Pilze, weil das in Wirklichkeit gar keine Pflanzen sind. Ihr habt Euch einen anderen Namen gegeben. Pilzler, vielleicht? Oder Champignonisten?

M: Nein, was für ein Quatsch!

A: Extrem-Veganer.

M: Nein!

A: Pilzler.

M: Nein und nochmals nein!

A: Also gut. Wie nennt Ihr Euch?

M: Wir nennen uns überhaupt nicht irgendwie! Ich bin kein Veganer und Punkt!

A: Also gut. belassen wir es dabei. Aber bevor Du gehst, erlaube mir noch einen letzten Kommentar. Ich meine das keinesfalls persönlich. Schließlich muss jeder wissen, was er tut. Aber Ihr Veganer denkt ja immer, Ihr seid etwas Besseres als alle anderen, weil Ihr kein Milchlamm esst. Allerdings war ja auch Adolf Hitler Vegetarier. Oder war der vielleicht sogar Veganer? Noch so ein Extrem-Veganer …
… Was machst Du da? Lass mich los! Nimm sofort Deine Hände von meinem Hals! Es gibt überhaupt keinen Grund … Argh! …

~

tl;dr Ernährst Du Dich (nicht) vegan? Dann solltest Du darauf verzichten, mit Herrn Albert ins Gespräch zu kommen.

(Wer tatsächlich bis hier unten durchgehalten hat, der bekommt von mir das Bloggerverdienstkreuz in Silber für außergewöhnliche Leidensfähigkeit verliehen. Herzlichen Glückwunsch!)

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Wenn die Kinder groß sind

Indianer!

Das ist ja so ein geflügeltes Wort unter Eltern: „Wenn erst die Kinder groß sind, dann machen wir auch mal wieder was für uns.“ Kinogehen; stundenlang Bücher lesen; spontan mit Freunden verabreden; Kunstausstellungen besuchen ohne Sorge, ob der Nachwuchs sich anständig benimmt; am Wochenende ausschlafen; …

Jeder kann diese Liste nach eigenen Vorstellungen abändern oder ergänzen. Fakt ist, dass das tatsächlich stimmt mit der späten Besinnung auf sich selbst. Nun habe ich bekanntlich auf diesem immer enger werdenden Pfad zum Wenn-die-Kinder-groß-sind meine Ex-Herzdame, a.k.a. Schmerzdame, verloren, allerdings drei Jahre später eine neue Weggefährtin gefunden.
Und jetzt ist es tatsächlich soweit. Die ersten Male hatte ich noch so ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich mich am Sonntag kurz vor Mittag nach einer Tasse Kaffee und Kuscheln im Bett nochmal zur Seite drehte, um noch ein Stündchen zu dösen.

Inzwischen habe ich die Skrupel überwunden. Die vergangene Samstagnacht endete mit nachhallenden Drum-Rhythmen im Kopf und durchgeschwitzt am Rücken klebendem Hemd irgendwann in den frühen Morgenstunden; was zuletzt irgendwann in den Neunzigerjahren vorgekommen sein muss. Nach ausgiebigem Ausschlafen taperten wir gegen Sonntagmittag in den Veranstaltungsraum des Hotels zurück, in dem nachts zuvor diese Hochzeitsfeier stattgefunden hatte und in der nun ein spätes Frühstücksbuffet aufgebaut war. In der Deckenverkleidung des Raumes steckte noch immer der Armbrustpfeil, der etwa um Mitternacht aus Gründen, die ich nicht erläutern möchte, abgeschossen worden war.

Was ich sagen wollte: Wenn die Kinder groß sind, dann werden Mama und Papa endlich wieder unvernünftig.

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Der Hieroldstand

Die Läden meiner Kindheit

„Wo willst Du denn schon wieder hin?“ Die Stimme meiner Mutter hatte mich eingefangen, bevor ich aus der Wohnung entwischen konnte. – „Zum Hieroldstand“, erwiderte ich kleinlaut, als hätte mich Mama bei einer Untat erwischt. Gerade hatte ich aus der Tiefe der Hosentasche meiner Krachledernen ganz unerwartet ein Fünfzigpfennigstück gegraben. Ein Geschenk des Himmels. Ein Geschenk, das es sofort in Süßigkeiten umzusetzen galt. Natürlich im Eckladen von Frau Hierold, zwei Straßenecken weiter, dort wo der Münchener Stadtteil Laim schon in den dörflichen Randbezirk Kleinhadern übergegangen war.
Meine Freundin, die Maria, würde nicht schlecht staunen. Fünfzig Pfennig! Dafür gab es eine Tüte mit zehn Brausestangen. Oder zwei Gummihalsketten mit Brauseperlen, eine für jeden von uns. Oder fünf Mohrenköpfe. Oder eine Domino-Eiswaffel und sogar Rückgeld! – (Man beachte bitte, dass wir uns damals in der Prä-Ü-Ei-Zeitrechnung befanden.)

Frau Hierold, eine weißhaarige Matrone, führte im Erdgeschoß eines Einfamilienhauses an der Straßenecke einen Tante-Emma-Laden, in dem sie alle Artikel des täglichen Bedarfs verkaufte. Für Sechsjährige wie mich bestand der tägliche Bedarf logischer Weise in erster Linie aus Naschzeug. Wir liefen durch den Vorgarten des Ladens zu einem Fenster, das im Sommer immer offen stand, stiegen auf einen Holzschemel unter dem Fensterbrett und beäugten diverse Glasgefäße mit Schraubverschlüssen, in denen sich unsere Zuckerträume befanden.
Schon als Erstklässler hatten wir das Kopfrechnen so weit im Griff, dass wir wussten, wie viele Brausestangen wir für die paar Groschen bekamen, die wir einstecken hatten. Aber notfalls drückte Frau Hierold an ihrem Verkaufsstand schon mal ein Auge zu und rundete zu Gunsten ihrer Kinderkundschaft großzügig auf. Wir tauschten unsere Pfennigbeträge gegen Papiertütchen, in die die Hierold alle Objekte unserer Begierde steckte, und zogen beglückt von dannen.

Für erwachsenen Kunden gab es eine Tür, die in einen kleinen Verkaufsraum führte, in dem in deckenhohen Regalen alles aufgereiht war, was Haushalte so brauchten: Toilettenpapier in Einzelrollen, Seifebarren, Bier- und Weinflaschen, Zeitungen und Zeitschriften …
Im Hintergrund des Raumes regierte Frau Hierold hinter einer Theke, schnitt Wurst und Käse auf oder bediente die Kundschaft durch das Fenster in den Vorgarten.

„Wenn Du zur Hierold gehst, bring bitte ein halbes Pfund Butter und fuffzig Gramm Aufschnitt mit, Putzi. Und eine Feinstrumpfhose. Hier haste zehn Mark, und vergiss das Wechselgeld nicht.“ Mein Mutter drückte mir zwei Fünfer in die Hand und schob mich aus der Tür.
Die Sache mit der Feinstrumpfhose musste Mama mir nicht genauer erklären. Frau Hierold kannte die Leute aus der Gegend. Und wenn der kleine Wortmischer bei ihr auftauchte und nach einer Strumpfhose für Mama verlangte, wusste sie, dass sie mir Fleischfarbene in der Konfektionsgröße 38-40 mitgeben musste. – Und obwohl ich damals nicht älter als sechs war, gab sie mir auch anstandslos zwei Flaschen Paulaner hell mit, wenn ich danach fragte. Bier für den Papa. Dafür brauchte Putzi keinen Altersnachweis.

~

Anfang der Siebzigerjahre war der Hieroldstand eines Tages geschlossen. Hinter dem Fensterglas hing ein handgeschriebenes Schild, noch in Sütterlin: „Geschäftsaufgabe“. Kinder hinterfragen so etwas ja nicht unbedingt. Wir gingen dann eben achselzuckend in den Supermarkt, der ein paar Straßen weiter aufgemacht hatte. Und die Strumphosen musste Mama sich eben selbst besorgen.

Die Grafik da oben habe ich beim Nachbarn Trithemius geborgt, der dazu auffordert, in den Erinnerungen zu kramen und sich an seinem Erzählprojekt zu beteiligen. Was ich hiermit sehr gern getan habe. (Hier geht es lang zur Liste aller Projektteilnehmer.)
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Kintopp

Tarzoon: Schande des Dschungels

Irgendwann muss man sich ja aus der C-Movie-Haftigkeit seines eigenen Lebens befreien. Und was würde sich hierfür besser eignen als Kino; gerade jetzt, wo die Wolken so tief hängen, dass sich die Beleuchtung meines Fahrrades sogar zur Mittagszeit automatisch einschaltet. Früher™ war ich ein fanatischer Kinogänger, der sich so ziemlich alles reingezogen hat, was die Lichtspielhäuser im Angebot hatten. Ich erinnere mich an einen Abend der Siebzigerjahre, als meine Freunde aus Protest geschlossen eine Vorstellung von Tarzoon: Schande des Dschungels verließen.
„Das ist pure Volksverdummung!“, skandierten sie. Nur ich blieb im Kinosaal sitzen, auch wenn die Penissoldaten der bösen Königin Bazonga tatsächlich jenseits jeden guten Geschmackes waren.

Frau A. geht auch gern ins Kino. Deshalb haben wir uns in den beiden vergangenen Monaten bereits mehr Filme angesehen, als ich während der letzten fünf Jahre.
Unsere erste Vorstellung verließen wir noch mit sehr gemischten Gefühlen. Bei Toni Erdmann scheiden sich ja die Geister. Ich empfand ihn als sehr schwere Kost und konnte zunächst überhaupt nichts mit dem loriothaften Hauptdarsteller mit dem falschen Gebiss und den völlig absurden Szenen anfangen. Ich musste während des Films immerzu an Vic Dorn aus einem von-Bülow-Sketch denken („Oder ist es zu kompliziert, die Maske abzunehmen?“ – „Wie? Was? Abnehmen?“).
Inzwischen denke ich gern an Toni Erdmann zurück. Ich glaube, das ist so ein Streifen, den man mehrmals ansehen muss, bevor man ihn richtig gut findet.

Danach kam Tschick an die Reihe. Den mochte ich auf Anhieb richtig gern. Fühlte sich für mich ein bisschen an wie ein aktueller Gegenentwurf zu Dustin Hoffmanns Reifeprüfung, in etwa so, als hätte man den Schlaks von damals fünfzig Jahre und zwei Generationen später nochmal neu aufgesetzt. Wahrscheinlich ist es die Swimming-Pool-Szene mit der Sonnenbrille, die mich die Parallele hat ziehen lassen.

Und zuletzt habe ich dann mit Tochter 3.0 und ihrem besten schwulen Freund den letzten Tarantino angesehen: The Hateful 8, einen Western in Überlänge, der schon fast ein Jahr alt ist.
Dies ist ein merkwürdiges Machwerk, das zweieinhalb Stunden lang zwischen blutspritzendem Gemetzel und einer Detektivgeschichte à la Sherlock Holmes oder Miss Marple hin und her schwankt. Mich hat der Blutrausch im Gegensatz zu anderen Tarantino-Filmen nicht gestört, diesmal passt der Gewaltexzess. – Ein sehr, sehr guter Film, den ich bestimmt noch ein paarmal ansehen werde.

Und Ihr so? Welchen Film muss ich Eurer Meinung nach unbedingt gesehen haben?

The Hateful 8

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Eins nach dem anderen

Ich hab gerade so einen richtigen Lauf. Morgen um elf steh ich auf dem nächsten Friedhof am nächsten Grab. Zuletzt nach meiner Mutter ist jetzt meine Patentante an der Reihe; inzwischen der fünfte Todesfall 2016 in meinem nächsten Umfeld. Und soll ich Euch was sagen? Es sieht nicht gerade danach aus, als wäre das dann auch der letzte gewesen vor Silvester und Neujahr. Für meinen schwarzen Anzug hab ich jetzt ein Jahresabonnement in der Reinigung abgeschlossen. Da spar ich mir ein paar Hunderter.

Mein Arbeitgeber hat schon angekündigt, dass ich für die nächste Beerdigung keinen freien Tag mehr genehmigt bekomme. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn mittlerweile habe ich einige der Trauergäste öfter getroffen als zuvor über die vergangenen fünfzig Jahre hinweg. Inzwischen fühlt sich das fast schon so an wie die Dreharbeiten zu einem Film. – „Beerdigungsszene, die fünfte. Klappe!“

Das Leben kann manchmal makabrer sein als schlechte Bestatterwitze. Bei der vorletzten Beerdigung – der meiner Mutter, Klappe, die dritte! – stolperte nämlich einer der Trauergäste beim Niederlegen seines Blümchens und stürzte bäuchlings mitten auf das Grab. Wäre es keine Urnenbeisetzung gewesen, so wäre er in der Grube auf dem Sarg gelandet. Wie in einem schlechten, oberbayerischen C-Movie: Die Schmeißfliegen surren; Schweißbäche rinnen in Großaufnahme an Schläfen hinab; rotadrige Augäpfel ganz nah, die vom ewigen Enziansaufen wässrig geworden sind; und auf einmal – krach, Herrgott, hilf! – der Trauergast stürzt hinab in die Grube. Bestürztes chorales Seufzen, dann Schweigen, wieder Fliegensurren.
Aber der trockene Handkantenschlag ins Genick, der kommt noch. Aufgepasst & Vorsicht! Dieser Gast, der da auf dem Grab meiner Mutter landete, das war nämlich die besagte Patentante, die wir morgen unter die Erde bringen.

Da sag noch mal einer, mein Leben wäre kein C-Movie.

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Genug ist nicht genug

Dass der Himmel heute so hoch steht,
kann doch wirklich kein Versehen sein.
Und es ist bestimmt kein Zufall,
dass die Lichter sich vom Dunst befrein.

Nichts wie runter auf die Straße,
und dann renn ich jungen Hunden hinterher.
An den Häusern klebt der Sommer,
und die U-Bahnschächte atmen schwer.

Dieser Stadt schwillt schon der Bauch,
und ich bin zum großen Knall bereit.
Konstantin Wecker, 1977, in Auszügen

Dieses letzte, gewaltige Aufbäumen des Sommers und meine neue, so unbändige Lebensfreude führen dazu, dass mein Leben jenseits des Büroschreibtisches fast nur noch im Freien stattfindet. Es steht ja auch nur allzu viel bereit an jeder Ecke, nach dem man schnappen kann, wenn es einen danach gelüstet.

Wir haben uns in der Museumsufernacht am Main verloren, wo wir die Beine ins Wasser hielten, Wein schlürften und dabei Profundes verkündeten. Am Niddastrand haben wir die Füße im Sand vergraben und mit geringem Tiefgang dem Sonnenuntergang zugesehen. Und auf dem Bad Homburger Laternenfest haben wir brasilianische Fleischspieße geknabbert, Sambatänzerinnen zugesehen und in lauschigen Innenhöfen an Cocktails genippt.
Am Donnerstag steht die Frankfurter Bahnhofsviertelnacht auf dem Programm, Mischung aus ein bisschen Rotlicht, Kunst, Kultur und Soziales. – Und dann rennen wir natürlich noch den jungen Hunden hinterher!

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Back to the future

Caos en el salón

Ja, nun normalisiert sich das Leben auf sehr überraschende und unvorhersehbare Weise doch wieder. Die Phase des Vor-sich-her-Schiebens aus Gründen verkopfter Übermüdung hat endlich ein Ende gefunden, ich strotze geradezu vor Tatendrang, habe die Fensterscheiben geputzt – ein blankes Wunder! – und ich räume die veralteten Ausgaben meines Zeitschriftenabonnements, die ich ohnehin nicht mehr lesen werde, in die Papiermülltonne.

Grund für diesen Windrichtungswechsel ist, wie könnte es anders sein, der Auftritt einer Zauberfee. Frau A. – Achtung, Obacht und Vorsicht! Nicht verwandt oder verschwägert mit unserer Frau A., nicht dass es nachher heißt: Romanze zwischen Bloggern! – hat mir in den Hintern und die Lethargie aus den Knochen getreten, die Fenster geöffnet und eben frischen Wind in mein Leben gepustet.

~

La moscaUnd zu allem Überfluss soll nun auch noch der bislang hier nicht wahrnehmbare Hochsommer auf ein paar Tage zurückkehren? Vielleicht mausert sich das Jahr 2016 ja doch noch? Wir werden sehen, meine Fliegenpatsche und ich …

(Was ich sagen wollte: I’m back to the future! ;-)

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