Geben Sie es zu: Es gibt Dinge, von denen Sie durchaus gerne wüssten, wie sie sich so anfühlen; zumindest so lange, bis Sie es ausprobiert haben. Dann gibt es aber kein Zurück mehr. – Doch nicht alles muss man selbst erleben. Denn den Beruf des Vorkosters gibt es noch immer, auch wenn wir das Mittelalter längst hinter uns gelassen haben:
Frau Haessy geht zum Billigfriseur und entdeckt dabei ihre Liebe zu stark schwitzenden Männern, alternden Friseuren mit genitalbetonenden Jeans, zu aggressiven Tauben beim Nestbau und zum Kapitalismus: Aha. Okay?
„Vielleicht war es schlicht so eine Freude an der Unsichtbarkeit, am Hier-wie-dort-sein, an der Beweglichkeit, die über Jahre […] dazu führt, dass man nie wirklich irgendwo ist, sondern wie ein Läufer auf einem lange belichteten Bild nirgends wirklich und überall zugleich, ein farbig-rotierender Schatten, Wolken am stürmischen Himmel, und nun, des Wirbeln beraubt, verdammt zur Sichtbarkeit und – wenn mich nicht alles täuscht – schon ein ganz klein wenig gelangweilt.“ (Frau Modeste analysiert hinreißend plastisch die Befindlichkeiten ehemaliger Firmenberater.)
Keine Regel ohne Ausnahme. Gerade noch lamentierte ich über sinkende Attraktivitätswerte bei zunehmendem Alter. Doch spätestens heute muss ich beim Schmökern in meiner Blogroll feststellen, dass es durchaus noch Männer in meinem Alter gibt, die von Frauen für attraktiv gehalten werden.
Zugegeben, sie werden weniger. Aber es gibt sie noch immer, diese Leute, die an den weisen alten Herrn glauben, der da oben über den Wolken seinen paradiesischen Garten jätet, aus dem er uns vor ein paar tausend Jahren hinausgejagt hat, weil wir Äpfel geklaut haben. Dabei hatte er uns doch zuvor eigenhändig erschaffen!
Die Betonung bei der Erschaffung liegt übrigens auf eigenhändig, denn andere Körperteile waren daran unbeteiligt, schenkt man der Genesis Glauben. Und wenn das stimmt, dann muss ich jetzt eine Beschwerde zur Produktbeschaffenheit Mensch los werden:
„Aus der Erde des Ackers“ hat er uns geformt, dieser Künstler. Was war das bloß für eine Schnapsidee? Ich meine, es muss ihm doch klar gewesen sein, dass wir kein Werk für die Ewigkeit sein würden, verdammt!
Meine Güte! Die „Krone der Schöpfung“, aus Erdkrumen und Lehm! Jedes Kind weiß schon im Sandkastenalter, dass das früher oder später – und zwar eher früher als später – zerbröselt. Er hätte uns doch zum Beispiel auch aus rostfreiem Stahl formen können. Oder, wenn wir schon beim Wünschen sind, aus Adamantium. Hätte ihn nichts gekostet, den feinen Herrn. Aber nein, er musste es ja auf die schnelle und auf die billige Art machen, Sakra!
Ist doch sonnenklar, dass wir deshalb ein natürliches Verfallsdatum haben. Der Mensch als prähistorischer Yoghurt, sozusagen. Und genau deshalb sind wir so, wie wir sind. Mit jedem Tag werden wir unansehnlicher und weniger begehrenswert.
Und hier liegt der zweite Fehler im Konstrukt. Denn auch wenn wir unaufhaltsam immer weniger Objekte der Begierde anderer werden, ist es umgekehrt nicht so, dass wir selbst weniger begehren. Ganz im Gegenteil.
Da mach mir nochmal einer weis, der himmlische Künstler sei kein Sadist.
Waren Sie schon mal beim Pferderennen? – Falls nicht, erkläre ich Ihnen, wie das normalerweise abläuft. Da starten zwei Handvoll Gäule und rennen ein paar Runden um die Bahn. Dabei fallen gleich zu Anfang einige weit abgeschlagen zurück. Ihnen voraus eilt ein Feld mehr oder weniger gleich schneller Rösser, das sich allerdings im Laufe des Rennens ziemlich auseinander zieht. Ganz vorne sind es dann nur zwei oder drei, die sich einen Fight liefern, solange bis sich dann doch einer absetzen kann und mit deutlichem Vorsprung gewinnt. Ich sag mal: Solche Pferderennen sind die Regel, und ich finde sie ziemlich langweilig.
Sehr selten sind Rennen, in denen fast alle bis zum Schluss gleichauf liegen und man erst in der allerletzten Sekunde unter Zuhilfenahme des Zieleinlauffotos erkennt, wer denn tatsächlich die Schnauze vorne hatte. Aber genau so einen seltenen Freitagstexter hatten wir in dieser Woche!
Ihr habt mich echt fertig gemacht. Ergebnislos endete die Jurysitzung in der Dienstagnacht, trotz aller Aufputsch- und Beruhigungsmittel sah ich mich nicht in der Lage, einen Sieger zu küren und ging irgendwann frustriert zu Bett. Nachts träumte mir dann von Hufgetrappel benhurscher Klangdimensionen, Eure Rösser stampften mich, den Kerl mit der Zielfahne, unter die Grasnarbe, und ich erwachte heute, am Aschermittwoch, gerädert und zerschlagen.
Also nahm ich mir zum extrastarken Morgenkaffee das Zielfoto nochmals zur Hand und suchte nach dem siegreichen Ross samt Reiter. Auf dem Foto zu erkennen sind:
der „klosterfreie Tag“, geritten von Frau La Mamma;
der „Blasenkatarrh“ des bekanntlich blogfreien Herrn Hubbie, der mich wie stets im Angesicht solcher Vokabeln in Rechtschreibstarre stürzte;
die „enttäuschte Freierin des schwulen Pfarrers“ der Testsiegerin;
die „neue Novizin auf dem Weg zur Umkleidekabine“ von Hele, die irgendwann im vollen Galopp ihre Blog-URL verloren haben muss;
die „venezianischen Ordensfrauen mit hochwassertauglichem Habit“ des Herrn Vielfraß;
die mysteriöse „Unschuldsvermutung für Jacky O.“ unseres eidgenössischen Kulturflaneurs (weiß er mehr als wir anderen?);
die subtile „Geschlechtsbestimmung Gottes“ durch den Herrn Leisetreter, der sich ganz zuletzt noch in die Spitzengruppe vorgekämpft hat.
Ich sage Ihnen, erst mit der Lupe und nach Abzählen aller Grashalme konnte ich erkennen, dass …
„Glaubst du, sie wird sehr enttäuscht sein, wenn sie merkt, dass der Herr Pfarrer nicht auf Frauen steht?“
… letztlich die Mähre von Barbara Lehner das Schnäuzchen um ein paar Millimeter vorne hatte. Ihr Spruch war einfach zu bös und hat mich sogleich in Genderüberlegungen hinsichtlich der Klosterschwester in der Bildmitte gestürzt. Der Himmel steh mir bei!
Wir sehen uns also am kommenden Freitag wieder einmal bei der Testsiegerin zur Fortsetzung des Freitagstexters. Und lassen S‘ bloß Ihren Pokal nicht stehen, Frau Lehner!
Kommt mit mir auf eine kurze Reise in die Vergangenheit. In eine Zeit als wir unser Geld für Vinylschallplatten und für Partys ausgaben und noch keine Sorgen kannten.
Am liebsten trafen wir uns damals, spät in den Siebzigern, an den Wochenenden bei unserem Kumpel Strösel. Und zwar – so verrückt das auch klingen mag – wegen seiner Eltern. Die hatten nämlich im Keller einen sagenhaften Partyraum eingerichtet; mit Bar, Kuschelsofas, einer HiFi-Anlage und sogar einer Diskokugel an der Decke.
Außerdem hatten sie absolut keinen Schimmer davon, was wir dort unten trieben. Sie ließen uns in Ruhe, denn sie waren ja so froh, dass ihr einziger Junge Freunde hatte!
Und was für Freunde! Unsere Schultern waren damals halb so breit wie heute, aber unsere Frisuren waren die Wucht: aufgedonnerte Kunstwerke, irgendwo zwischen Stones und Frank Zappa. Außerdem trugen wir Schlaghosen aus Kordstoff, die – weil immer zu kurz – mit Bordürestreifen verlängert worden waren.
Die Jungs nähten sich ihre Hemden mit den weit ausladenden Krägen selbst mit Nadel und Faden hauteng auf Taille. Mädchen unterschieden sich von uns beim ersten Hinsehen hauptsächlich durch ihre wallenden Blusen. Sonst hätten Strösels Eltern wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt, Männlein und Weiblein auseinander zu halten.
Die Ströselfamilie stellte immer Fanta, Cola, Chips und Flips, den Rest klauten wir uns aus den Getränkekellern der anderen Eltern zusammen. Der eine ’ne Flasche Henkel Trocken, zwei oder drei andere jeweils ein paar Flaschen Bier. Wenn es gut lief, hatte auch mal jemand Mariacron dabei. Und der schweigsame Ali hatte ab und an ein paar Krümel Gras von seinem älteren Bruder auf der Tasche.
Alle Jungs schleppten außerdem ihre Neuerwerbungen auf Vinyl in großen Jutebeuteln an.
~
Und auf einer dieser Ströselpartys lief eine Scheibe von Pink Floyd in Dauerschleife. Die Pärchen waren auf der Tanzfläche ineinander verhakt, die Singlejungs machten sich währenddessen über die Alkoholvorräte her. Shine On You Crazy Diamond, alle drei oder vier Teile, wir klammerten, was das Zeug hielt …
Irgendjemand hatte eine Unbekannte zu dieser Wochenendparty bei Strösel mitgeschleppt. Sie war fast so groß wie ich selbst, hatte eine wilde Mähne, die ihr bis zur Mitte des Rückens hinabreichte, und eine Macke an einem ihrer Schneidezähne. Sie hieß Ingrid, und ihre Augen strahlten wie Sterne. Ich strahlte zurück, so gut ich konnte.
Es kam, wie es kommen musste, unvermeidbar: Ingrid und ich leuchteten wie zwei Supernovas, keines der anderen matten Sternchen kam auf die Idee, sich unseren Kreisbahnen in den Weg zu stellen, bis wir wie aus dem Orbit geratene, glitzernde Crazy Diamonds unter der Diskokugel miteinander verschmolzen.
Bei Wish You Were Here, dem Titelsong der Pink-Floyd-LP, küsste ich Ingrid zum ersten Mal. Sie schmeckte nach Wrigley’s Spearmint Gum und roch nach Pfirsich. Ich war hin und weg.
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Um Mitternacht wurden alle Mädels von ihren Vätern abgeholt. Brav. Die verlassenen Möchtegern-Liebhaber sanken in die Sofas, voll Weltschmerz und zur Linderung der seelischen Beschwerden nun auch mit einer Bierflasche in der Hand. Pink Floyd lief auf dem Plattenteller weiter, und zu guter Letzt sozialisierte Ali sein Depot und ließ eine Tüte kreisen.
Ich flezte auf dem Sofa, die Pupillen groß wie Untertassen, das Herz weit vor Sehnsucht nach meiner frisch gebackenen Freundin. Irgendwann – war es nach der fünften Wiederholung der Scheibe? – ging die Lampe in meinem Kopf aus: Wish you were here …
[lightgrey_box]Das war mein Beitrag zum zweiten Stichwort im Schreibprojekt *.txt. Die Textbeiträge zu allen anderen Stichworten, sowie Links zu den Projektseiten findet man nach einem Klick auf „Mein *.txt“.[/lightgrey_box]
Stellen Sie sich vor: Vom Herrn Bee habe ich für einen Texthinweis zur Gleichstellung weiblicher Royal Guards einen Wanderpokal verliehen bekommen. Nein, was für eine Freude!
Mein letzter Bildbeitrag zum Freitagstexter ist ja schon ein Vierteljahr her, und so hat sich eine ganze Menge Fotomaterial in meiner Schuhschachtel angesammelt, das auf Veröffentlichung wartet. Angesichts der aktuellen Aufmerksamkeitswelle, auf der unser göttlicher Stellvertreter auf Erden dank seiner ewig gültigen Erziehungshinweise surft, habe ich mich für eine Abbildung aus der katholischen Welt der Sechzigerjahre entschieden, zu der Sie nun Ihren Senf abgeben können und müssen.
Lassen Sie Ihre religiöse Ader pulsieren und sagen Sie uns, was auf dem dieswöchigen Freitagstexterbildchen zu sehen ist.
Wie immer habe ich das Foto aus einer E-Mail geklaubt, die mir ein freundlicher Zeitgenosse zugestellt hat. Es stammt aus dem Jahr 1968, sagt er.
Fünf Tage haben Sie nun Zeit, sich eine Bildunterschrift auszudenken. Wer die Freitagstexterregeln noch nicht kennt, der möge sie beispielsweise hier nachlesen. Alles, was vor Beginn der Geisterstunde des 18. Februar in den Kommentaren landet, wird berücksichtigt. Die Textergemeinde und ich freuen uns auf Ihre geistlichen Ergüsse! Hau’n sie in die Tasten …