Die Nacht der langen Messer

Oder: Die lange Nacht der Museen in Frankfurt und Offenbach. – 12 Euronen pro Kopf, 50 offene Museumstüren, 50.000 Besuchswillige.

Nacht der Museen, 4. Mai 2013

Na gut, ob es wirklich 50.000 waren, weiß ich nicht. Das ist eine Schätzung. So viele Menschen waren nämlich mindestens in den Shuttle-Bus gepfercht, der uns vom Experiminta zum Kriminalmuseum schaukelte. Eine Fahrt in einem nigerianischen Danfo wäre einsamer und geordneter verlaufen als im Frankfurter Museumszubringer.

Die Fünfzigtausend aus dem Bus waren übrigens auch alle zeitgleich in den beiden von uns besuchten Museen. Die Gebäude waren derartig bombenvoll, dass man nicht einmal mehr irgendwo stehen bleiben konnte, um auf einen der Begleiter zu warten; die Masse waberte im Schneckentempo durch die Räume, das Ansehen der Exponate war nur im Vorbeistehen möglich. – Trotzdem haben die Veranstalter ihr Ziel erreicht: Sie haben mich angefixt.

Das Experiminta, Museum für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, ist ein klarer Fall für experimentierfreudige Mädchen, Jungs und Junggebliebene. Ich würde meinen Hut verwetten, dass zum Beispiel Herr Buddenbohm & Söhne in diesem Museum – ist das denn überhaupt ein Museum? – problemlos ein, zwei Tage und Nächte am Stück verbringen könnten. Man darf und soll alles anfassen und ausprobieren, und es gibt kein Ausstellungsstück, das nicht sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit des Passanten erregen würde. Ich empfehle dringend den Brückenbau aus abgesägten Lattenrostplanken sowie den „Schimärenspiegel“, wie ich so ein Ding insgeheim getauft habe, das im Untergeschoß mitten im Raum steht: In einem mannshohen Holzrahmen sind in regelmäßigen Abständen waagrechte Spiegelbalken angebracht. Wenn man davor steht, sieht man sich selbst sozusagen nur streifenweise. Interessant wird es aber, wenn auf der anderen Seite ein gleich großer Mensch möglichst auf Augenhöhe steht. Dann nämlich sehen beide zwischen den eigenen Streifen, die Streifen des Gegenüber. Davon müssen Sie unbedingt ein Photo knipsen, Sie glauben nicht, wie witzig das Ergebnis ist!

Die Polizei hat sich ungeheuer viel Mühe gegeben mit der Präparierung des Kriminalmuseums für die Zuschauerströme. Obwohl die Exponate* im Polizeipräsidium an der Miquelallee im Hinblick auf Fläche und Menge durchaus überschaubar sind, war viel geboten. Wer wollte, durfte in Polizeiautos herumklettern und mit Schirmmütze hinter dem Lenkrad posieren, auf dem Rasenstreifen zwischen Gebäude und Straße fanden Hundestaffelvorführungen mit Beißattacken und Schusswechseln statt, und wer dabei Hunger bekam, konnte sich am Grillwagen einer Metzgerei mitternächtliche Steak- oder Wurstsemmeln und Bier-Limo-Cola-Wasser besorgen. Die Warteschlange schlängelte sich schlangengleich durch den Innenhof des Präsidiums, vorbei an gefesselten Bäumen und dem Polizeiorchester, das unermüdlich Stunde um Stunde den James Last gab. Auch wenn man derlei Musikrichtung nicht in seiner persönlichen Playlist hat, war es doch ein angenehmer Zeitvertreib, im James-Bond-Medley die Titelmelodien und Filmtitel zu raten. Der absolute Hit aber war ein Mensch in Kostüm und roter Melone, der den Passanten die Geheimnisse des polnischen Becherspiels vorführte. Sie wissen schon: drei golden lackierte Walnusschalen und nur ein Kügelchen untere einer der Schalen. – Aber Vorsicht bei einem Mann mit roter Melone! Der hat nämlich wahlweise mal gar keine Kugel unter den Schalen oder dann wieder eine unter jeder der drei. Und ich garantiere Ihnen: Sie sehen auch aus einem Meter Abstand nicht, wie er es anstellt.

*) Gruseligstes Exponat: Die in Formalin konservierte Hand eines Mordverdächtigen im Fall Nitribitt.

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Jetzt heißt es also: separate Besuche zumindest des Experiminta und des Kriminalmuseums. Ach ja, das Geldmuseum der Bundesbank muss ich auch unbedingt sehen. Im Gedränge des Shuttle-Busses wurde Wunderbares darüber berichtet.

Daughter 3.0 is back

... unless you are a banana

Tochter 3.0 ist zurück aus England. Nicht ohne für die Daheimgebliebenen eine Aufmunterung in Form eines Kühlschrankmagneten mitzubringen. Die sofort eingeleitete Probe aufs Exempel ergab übrigens zweifelsfrei, dass man mich nicht schälen kann. Das beruhigt.

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Außerdem waltete Tochter 3.0 sogleich ihres unfreiwilligen Amtes als Glücksfee bei der Ziehung der Lottozahlen des kommenden Wochenendes des Gewinners bei der Verlosung des Lesegeschenkes anlässlich der Buchwelttagsbloggerei. Auf dem Sieger-Zettelchen stand „Frau Zettelchen“, wenn das mal kein gutes Omen war.

Ich werde mich also sogleich mit Frau Zettelchen in Verbindung setzen, um die Versandadresse für den Schatten des Windes ausfindig zu machen, und wünsche der Gewinnerin viel Vergnügen beim Erkunden des „Friedhofs der Verlorenen Bücher“.  – Herzlichen Glückwunsch!

Und die übrigen sechsundzwanzig Kandidaten tröste ich mit den unsterblichen Worten des Highlanders: „Es kann nur einen geben.“ – Nicht traurig sein, der nächste Weltbuchtag kommt bestimmt.

Freitagstexter: Pokalverleihung

Der Güldene Freitagstexterpokal

Die nackten Tatsachen vom vergangenen Freitag haben Euch zu allerlei Schabernack angestiftet. Zwerchfellreizend taten sich vor allem hervor die „Crash Test Dummies“ von George, „Skinhead O’Connor“ des Mechatronikers, der „VHS-Flirtkurs“ von Doctotte und die „gegenderte Version von Men in Black“ von La Mamma.

Da es aber wie immer nur einen geben kann, der die Trophäe nach Hause schleppen darf, folgt nun mein persönlicher Favorit. Vorhang auf:

Furgomaniquies

„Die Augsburger Puppenkiste ist wieder auf Tournee!“

Der Herr Lothar vom Spiegelei hat mich erfolgreich in meine TV-Kindheit verschleppt, und ich sah schon die Nylonfäden an den Puppen auf dem Foto da oben vor meinem geistigen Auge. Und wenn ich nicht genau hingesehen hätte, könnte ich mir einbilden, das Urmel aus dem Eis aus dem Lieferwagen hervorlugen zu sehen. – Vielen Dank, Herr Lo, und meinen herzlichen Glückwunsch!

Zum FreitagsNexter

Papierlos lesen (5)

Je länger ich mich mit dem Thema E-Books und den Lesemöglichkeiten befasse, desto unübersichtlicher nehme ich die Angelegenheit wahr. Grundsätzlich stören mich mehrere Rahmenbedingungen am heute gängigen Angebot der E-Book-Anbieter:

  1. Die Eigentumsrechte an „gekauften“ E-Books entsprechen nicht den marktüblichen Usancen. Wenn ich mir zum Beispiel über den Shop von Amazon eine Bibliothek anlege, verliere ich umgehend den Zugriff auf alle erworbenen Bücher, sobald ich meinen Account lösche. Außerdem kann ich gekaufte E-Books nicht weiterverkaufen. Als Gegenbeispiel führe ich den Kauf von Musik- oder Hörspiel-CDs an: Eine CD, die mir gehört, kann ich jederzeit parallel im MP3-Format abspeichern und auf dem Smartphone hören. Ich kann die CD aber auch verkaufen und müsste dann eben die MP3-Kopie wieder löschen; die Einhaltung dieser Vorgabe obliegt aber mir selbst. Ein E-Book darf ich jedoch nicht verkaufen. Oder kopieren, selbst wenn das technisch funktionieren würde. Zu dieser Fragestellung hat Udo Vetter eine aktuelle juristische Betrachtung veröffentlicht: Warum darf ich mein E-Book nicht verkaufen?
  2. Eine Weitergabe, also das Ausleihen von E-Books an Freunde oder Partner ist praktisch nicht möglich. Ich kann meine E-Books nicht verleihen, auch wenn ein gewisser Dovid in einem Kommentar dafür eine Lanze bricht: „Leih dir mal von einem bekannten für zwei Wochen ein Amazon kindle und dann sag mir nochmal, dass man so keine Bücher lesen kann/mag/liebt.“ – Dovid mag ja durchaus Recht haben, ich mag es nicht beurteilen. Aber was macht mein Bekannter, während der zwei Wochen? Er hat mir ja nicht nur ein E-Book geliehen sondern seine gesamte Bibliothek und kann solange selbst nicht lesen.
  3. Im Zusammenhang mit fehlenden Eigentumsrechten und Weitergabemöglichkeiten sorgt das Digital Rights Management (DRM) für zusätzliches Ungemach: Partner und Kinder, die gerne gemeinsam ein einziges Lesegerät verwenden möchten – weil es vielleicht nur eines gibt im Haushalt -, können ihre E-Books, die unter verschiedenen DRM-Kennungen erworben wurden, nicht zusammenführen. Sie müssen unterschiedliche E-Reader nutzen, jeder mit seiner eigenen Kennung. Das ist so, als ob jedes Familienmitglied dazu gezwungen würde, ein eigenes Bücherregal aufzustellen, auf das immer nur eine Person zugreifen könnte. – Wie realitätsfremd ist das denn?
  4. Die fehlende Standardisierung und Offenheit der E-Book-Angebote macht mich kirre. In mein hölzernes Buchregal kann ich alle gedruckten Bücher stellen, die ich – auf welchem Weg auch immer – angesammelt habe. Verlage können nicht verhindern, dass ich ihre Bücher neben die der Konkurrenz einreihe, Buchhandlungen können keinen Einfluss darauf nehmen, woher meine Romane kommen. Und wenn ich ein Buch vom Flohmarkt einstellen möchte, kann das niemand verhindern. – Aber die Verkäufer von E-Book-Readern nehmen sich genau diese Gängelung ganz selbstverständlich heraus. Auf Amazon-Kindles ist nur deren hauseigenes E-Book-Format lesbar, auch andere Lesegeräte verhindern zum Beispiel die Aufnahme von digitalen Büchern aus Onleihe-Büchereien. Jeder Anbieter will seinen Anteil am Kuchen so groß wie möglich machen. Das verstehe ich zwar unter kaufmännischen Gesichtspunkten. Aber für mich akzeptiere ich es nicht.

Fazit: E-Book-Reader aus dem aktuell verfügbaren Angebot sind großer Mist. Das Problem sind aber nicht die sicherlich in funktionaler Hinsicht tollen Lesegeräte sondern das grundsätzlich unausgereifte E-Book-Konzept. Es fehlt hier jegliche Konsumentenorientierung. Mich habt ihr jedenfalls abgehängt, auch wenn ich zähneknirschend weiterhin tote Bäume im Wohnzimmer anhäufen muss. Aber es bleibt natürlich trotzdem spannend; wird sich irgendwann eine wirklich verbraucherfreundliche Lösung etablieren?

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Bisher durchgenudelt zum Thema „papierlos lesen“:

  • Teil 1 fasst meine Wunschvorstellungen zu einem E-Book-Lesegerät zusammen, ohne auf bestimmte Geräte einzugehen.
  • Teil 2 berichtet über einen merkwürdigen Fall der Löschung gekaufter E-Books durch Amazon.
  • Teil 3 beschäftigt sich mit dem E-Book-Abodienst Skoobe für Vielleser.
  • Teil 4 weist auf einen umfangreichen Artikel hin, der sich mit dem Für und Wider gedruckter und digitaler Texte unterschiedlicher Medien beschäftigt.

Freitags: Nackte Tatsachen

Freitagstexter

Es ist mir schon klar, dass ich mit diesem Beitrag das Vorurteil schüre, wir Männer seien doch 1. alle gleich, 2. Schweine und 3. der Pornografie verfallen. Denn vor zwei Tagen habe ich vom Vielfraß einen schicken Pokal zugeschanzt bekommen – herzlichen Dank dafür! – für eine Bildunterschrift zu einer Szene, auf der eine aufblasbare Piraten-Jenny zu sehen war.  Und wenn man beim Vielfraß, der übrigens ein passionierter Gewinner des Freitagstexter-Pokals ist, ein bisschen nach unten scrollt, findet man sogleich ein Foto von Rita Rost, der käuflichen Eisendame unter der Laterne.

Möglicherweise erinnert sich dann sogar noch jemand an meine eigene letzte Freitagstexterei, an die mit dem Pofetischismus; und schon japst die Freitagsgemeinde nach Luft, wenn sie mein heutiges Foto zu sehen bekommt. Sicher denken Sie jetzt – wenigstens insgeheim -, der Wortmischer hat Angst vor Frauen aus Fleisch und Blut, der hat ja einen Puppenfetisch. Aber da muss ich jetzt durch. Und Sie auch:

Furgomaniquies

Das Foto stammt – wie jedes Mal bei meinen Freitagstextereien – aus unbekannter Quelle und ist mir per E-Mail zugegangen. Die Regeln zum Mitspielen sind so einfach wie immer.

Ganze fünf Tage haben Sie Zeit, lassen Sie Ihre Hirnwindungen erglühen und freuen Sie sich auf eine feiertägliche Pokalverleihung am 1. Mai!

Blog den Welttag

Blogger schenken Lesefreude

Heute ist es soweit: Zum Welttag des Buches, stelle ich hier im Blog mein absolutes Best-of-Lieblingsbuch vor und verlose ein Exemplar mit persönlicher Widmung unter allen interessierten Kommentatoren*. Auch wenn die wirtschaftliche Lage in Spanien derzeit nicht zum Besten steht, werden in Katalonien heute größere Mengen an roten Rosen und Büchern über die Ladentische gehen. Denn die Idee zum internationalen Tag des Buches entstand im vergangenen Jahrhundert in der nordöstlichsten Provinz Spaniens, als der valencianische Schriftsteller Vicente Clavel Andrés diesen Gedenktag der Cámara Oficial del Libro de Barcelona vorschlug. Nur wenig später, im Jahr 1930, wurde der 23. April tatsächlich zum Tag des Buches gemacht und fällt somit auf den Namenstag des Schutzheiligen von Katalonien und Aragón, des Sant Jordi; in Nordspanien tauschen seither verliebte Paare am Tag des Heiligen Georg, dem día de la rosa y del libro, eine Rose und ein Buch aus. – Die heutige Blogaktion passt also hervorragend zur schönsten Stadt der Welt, zu Barcelona.

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Und der schönste Roman über Barcelona ist meiner Meinung nach Carlos Ruiz Zafóns Der Schatten des Windes. Es handelt sich um ein wunderbares Konstrukt aus Thriller und mystischer Erzählung um die Liebe zu Büchern, zu der alten Hafenstadt am Mittelmeer und zu unnahbaren schönen Frauen. Die Handlung spielt in der Zeit der Nachwehen des spanischen Bürgerkrieges in den Jahren nach 1945.

Die Geschichte um den Protagonisten und Ich-Erzähler Daniel Sempere ist komplex und bleibt über die gesamte Romanlänge von über 500 Seiten hinweg überraschend. Im Alter von zehn Jahren entdeckt Daniel einen Roman mit dem Titel Der Schatten des Windes eines unbekannten Autors namens Julián Carax. Der Junge findet das Buch im „Friedhof der Verlorenen Bücher“, einer unüberschaubaren Sammlung zigtausender Bände vergessener Literatur, die irgendwo in der Altstadt der katalanischen Metropole untergebracht und nur einer geheimbündlerischen Gemeinschaft von Buchhändlern zugänglich ist. Die Romangeschichte in der Geschichte zieht Daniel so sehr in ihren Bann, dass er sich anschickt, mehr über dessen Autor herauszufinden. Im Laufe der folgenden zehn Jahre gerät Daniel in einen Strudel von Ereignissen, die aus dem Leben Julián Carax‘ gegriffen zu sein scheinen.

Was den Schatten des Windes so unwiderstehlich macht, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag, ist in erster Linie gar nicht die Geschichte des jungen Daniel sondern die kraftvolle Schilderung der gesellschaftlichen Ereignisse und des Lokalkolorits Barcelonas in der Zeit nach dem Bürgerkrieg. Die Auftritte des erstaunlichen Stehaufmännchens Fermín Romero de Torres (Szenenapplaus!) verleihen dem Plot eine herzerwärmende Lebendigkeit. Dessen Gegenspieler, der ruchlose Kriegsgewinnler Fumero, lässt den Leser die unbarmherzige Grausamkeit der Polizei erkennen, die im Klammergriff der Diktatur die Menschen unterjocht; die Leiden eines homosexuellen Uhrmachers des Stadtviertels, in dem Daniel lebt, machen deutlich, mit welcher Gnadenlosigkeit die Obrigkeit damals gegen Lebensentwürfe vorging, die nicht den vorgegebenen Werten der Gesellschaft entsprachen.

Eingewoben in all diese bunten Geschichten in der Geschichte treibt der Autor stets zielstrebig die Entwicklung des Protagonisten Daniel voran, dessen Verstrickung in die Welt „seines“ Buches, die Liebe zur älteren Clara und die immer deutlicher hervortretenden Konturen  des vergessenen Schriftstellers Julián Carax.

Der Schatten des Windes ist alles in einem: ein außergewöhnlich gut erzählter historischer Roman in Form einer Momentaufnahme der Stadt der Städte am Wendepunkt der spanischen Geschichte; mitreißende Unterhaltung; ein Quell spritziger Dialoge, die den Leser zum Schmunzeln bringen; und schaurige Geschichte um das Schicksal eines verbitterten Literaten, die im Folgeroman Das Spiel des Engels seine erneut ungewöhnliche und unerwartete Fortsetzung findet. – Aber das ist dann eine andere Geschichte.

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Ich verlose den Roman, weil ich überzeugt bin, dass jeder echte Bücherfreund diese Geschichte gelesen haben muss. Außerdem passt sie als Liebesschwur an das gedruckte Wort wie die Faust aufs Auge zum heutigen Welttag des Buches. Es handelt sich um eine Taschenbuchausgabe in deutscher Übersetzung, die bisher ungelesen blieb, da ich mich bereits am spanischsprachigen Original La sombra del viento abgearbeitet hatte.

Es mag zwar sein, dass ich den Roman überbewerte, da ich – wie vielleicht der einen oder dem anderen bekannt ist – lange Zeit in Barcelona gelebt habe. Trotzdem glaube ich, dass kaum jemand das Buch gelangweilt aus der Hand legen wird, bevor er oder sie auf Seite 562 angelangt sein wird. Der Schatten des Windes ist definitiv eine Geschichte, die man mehr als nur einmal lesen wird wollen.

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*) Regeln zur Verlosung: Wer meinen Lieblingstitel Der Schatten des Windes gerne haben möchte, schreibt bis zum 29. April 2013 um Mitternacht einen Kommentar zu diesem Blogeintrag ins Formular unter diesem Text. Damit gegebenenfalls auch Mitleser kommentieren können, die sich nicht für das Buchgeschenk interessieren, tippt bei Interesse bitte den Tag #willhaben in den Kommentar; damit erleichtert Ihr mir die Arbeit und signalisiert mir, dass Ihr am Roman interessiert seid und ihn noch nicht selbst im Regal stehen habt. Euer Kommentar sollte in diesem Fall eine – hier keinesfalls öffentlich angezeigte, sondern nur für mich auslesbare – E-Mailadresse enthalten, unter der Ihr rund um den 30. April 2013 tatsächlich  erreichbar seid. Ich schreibe die Gewinnerin oder den Gewinner nach der Verlosung an, um nach der Versandadresse und dem Vornamen des Empfängers (wegen der Widmung) zu fragen.

Die Verlosung findet garantiert ohne Aufsicht eines Notars statt. Mit Engelszungen werde ich versuchen, Tochter 3.0 zu umgarnen und als Glücksfee zu gewinnen, falls sich mehr als ein Interessent meldet. – Bonne chance!

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Update, 13 Uhr: Links zu anderen Lesefreudeverschenkern, die ich besucht habe

(Es gibt nun übrigens doch eine komplette Liste aller 1.008 Teilnehmer.)

Die Zuckerdose

Als der Frau Kaltmamsell neulich der Mantel geklaut wurde, drängte sich eine alte Familiengeschichte in meine Erinnerung zurück, die wahnwitzig aber eben auch so wahr ist, dass ich sie hier nicht unerzählt lassen kann. Es hatte sich nämlich vor zig Jahren ergeben, dass eine der unzähligen Tanten der Schmerzdame ins ferne Kanada ausgewandert war. Der gefiel es scheinbar so gut am Strand an der Wiese in Calgary, dass sie sich dort verheiratete und bis zum Ende ihrer Tage lebte. Als dieses Ende schließlich erreicht und die Tante nicht mehr war, machte sich der Ehemann auf den weiten Weg nach Deutschland, um der Familie die eingeäscherten Überreste der Tante sowie einige Erbstücke zu überbringen, damit dem letzten Wunsch der Verblichenen Genüge getan werden konnte.

Nun war auch der kanadische Ehemann ein Herr in hohem Alter, dem die Reise nach Europa zu schaffen machte. Schon der Flug nach Paris muss eine Strapaze gewesen sein und auch die Zugreise nach München war offenbar nicht gerade eine Erholungstour für den älteren Gentleman. Und irgendwo, irgendwann, noch auf französichen oder bereits auf deutschen Gleisen machte er sich von Hunger gepeinigt auf den Weg in den Speisewagen. Gutgläubig wie Kanadier offenbar sind, ließ er dabei sein Hab und Gut zurück im einsamen Zugabteil. Und natürlich kam, was kommen musste: Als der Reisende gesättigt zurückkehrte, fehlte sein Handgepäck, ein alter Rucksack.

An sich war das schon eine dumme Sache, da der Herr des Deutschen überhaupt nicht mächtig war und sich im Rucksack all seine Reiseunterlagen und Ausweispapiere befanden. Doch diese unerquickliche Sachlage wurde in tiefen Schatten gestellt durch die Tatsache – Sie ahnen es längst! -, dass sich im Rucksack auch die Urne und die Erbschaft in Form einzeln verpackter und mit Namen versehener Krüger-Rand-Münzen befunden hatten.

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Irgendwie schaffte es der alte Herr, den Schock zu überwinden, den Raub bei der Bahnhofspolizei in München zur Anzeige zu bringen und die Eltern der Schmerzdame ausfindig zu machen. Dort zeigte er sich untröstlich und bekniete die beiden, seine Schande nicht an die Familie weiterzutragen. Wie sollte er das Verschwinden der Asche seiner armen Frau der Verwandtschaft nur erklären?

Jedenfalls ließ er am nächsten Morgen meine Schwiegerelternschaft mit bedrückten Herzen im Hause zurück und überraschte sie Stunden später mit der Beute seiner Einkaufstour in der Münchener City: einer weißen Porzellanzuckerdose. – Man könne doch, so meinte der verzweifelte Gentleman, mit ein wenig Kaminasche …

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Diese Geschichte hätte in einem bösen Familienkrieg enden können, wenn nicht findige Reporter die unglaubliche Story eines in Asche reisenden Kanadiers im Polizeibericht gefunden und schon unter die Zeitungsleser gebracht hätten. Denn auf diese Weise erfuhren einige Verwandte bereits beim Frühstückskaffee aus der Rubrik „Vermischtes“ vom Verbleib der Familienleich‘, so dass sich die Zuckerdose glücklicherweise nie füllen musste.